Griechenland nach der Wahl Athen braucht Kamikaze-Politiker

Der konservative Wahlsieger Antonis Samaras könnte eine Koalition für das Sparmemorandum bilden. Griechenland habe dann eine Zukunft, glaubt die Tageszeitung "Kathimerini". Die Bedingung: Die Politiker müssen eine bisher vernachlässigte Tugend beweisen - Verantwortungsbewusstsein.

Wahlsieger Samaras: Selten hat ein Politiker eine "dritte Chance"
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Wahlsieger Samaras: Selten hat ein Politiker eine "dritte Chance"

Ein Gastbeitrag von Alexis Papachelas, Athen


Familienväter, Bürger, Menschen, die ihre Steuern zahlen und hart arbeiten, haben gestern ihre Arbeit getan. Die meisten haben die Nea Dimokratia gewählt. Sie haben die Pasok unterstützt, damit es eine verantwortliche Koalition gibt, und einige haben Fotis Kouvelis von der Demokratischen Linken gewählt, einem ehemaligen Reformflügel der Syriza, der sich 2010 von dem Linksbündnis abspaltete.

Jetzt müssen allerdings auch die Politiker, denen sie ihr Vertrauen geschenkt haben, das Ihrige tun. Die Vorsitzenden der bürgerlichen Parteien haben diesmal nicht das Recht, bei ihrer Mission zu scheitern. Es ist nicht einfach, das Land in dieser kritischen Stunde zu regieren.

Was wir brauchen, sind Politiker, die zu Kamikaze bereit sind, keine klassischen Volksvertreter, die gleich das Zittern kriegen, wenn es auf ihre politischen Kosten geht und zu Reaktionen des Volkes kommt. Und ehrlich gesagt herrscht in den Parteien nicht gerade Überfluss an Tapferen oder besonders Fähigen.

Nun müssen alle involvierten Politiker, auch Syriza-Chef Alexis Tsipras, sämtliche Erwartungen übertreffen und mit enormer Effizienz und mit Verantwortungsbewusstsein die Geschicke des Landes lenken, damit wir den gewaltigen und unmittelbaren Gefahren entkommen. Keiner kann behaupten, er "wisse nicht", in welcher Lage sich das Land genau befindet. Keiner darf Verantwortungslosigkeit an den Tag legen, nur weil ihm das Volk die Rolle der Opposition übertragen hat. Wir sitzen alle im selben Boot.

Alles steht "auf Rot"

Antonis Samaras hat einen harten Kampf gekämpft und ihn trotz vieler Schwierigkeiten gewonnen. Er weiß genau, dass der Stimmenanteil, den er auf sich vereinigt hat, Tausende von Wählern ausmacht, die ihn unterstützt haben, weil sie den Austritt aus dem Euro und den Sieg der extremen politischen Kräfte abwenden wollten.

Selten hat ein Politiker eine "dritte Chance". Er darf sie nicht vertun. Er muss überall nach den Besten aus allen Gebieten suchen und darf nicht den Fehler begehen, dem Verein aus alten Parteikadern zu vertrauen, der herbeigeeilt kam, sich hinter ihm fotografieren zu lassen...

Der Spielraum für ein erfolgreiches Regieren des Landes ist klein, denn alles steht "auf Rot", die Öffentlichkeit ist tief gespalten, und unseren EU-Partnern geht die Geduld aus. Können wir es schaffen? Selbstverständlich, wir haben vielfach in unserer Geschichte bewiesen, dass wir die Partie in letzter Minute retten können, besonders, wenn Trotz und Ehrgefühl uns ergreifen.

Natürlich wird die Geduld und die Unterstützung unserer Partner und Kreditgeber nötig sein. Sie kennen nunmehr die griechischen Gegebenheiten, aber auch die Gefahren eines Zusammenbruchs des Landes. Das wichtigste ist, dass wir gestern Zeit gewonnen, Luft geholt und uns nicht ins Aus der Euro-Zone gesetzt haben.

Verbleiben wir bei dieser wichtigen Entwicklung und wollen hoffen, dass unsere führenden pro-europäischen Politiker sich selbst, aber auch unsere Erwartungen übertreffen werden, wenn sie sich an den Konferenztisch des Präsidentenpalastes setzen. Mögen sie uns endlich angenehm überraschen!

Aus dem Griechischen von Maria-Theresia Kaltenmaier und Alexandra Pavlou

insgesamt 15 Beiträge
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marthaimschnee 18.06.2012
1.
Was die "europäischen Partner" - "wir Deutsche" allen voran kapieren müssen ist, daß es für die griechische Bevölkerung keine Rolle spielt, ob sie durch einen Euro-Austritt/Rauswurf vor die Hunde geht, oder durch das Spardiktat. Außerdem stecken "Wir" in dem ganz besonderen Dilemma, daß die Wahlen ja nun so ausgegangen sind, wie "Wir" das wollten. Und nun kommen auch die bösen Konservativen von dort an und wollen die Auflagen neu verhandeln. Na, Frau Merkel, bauen sie weiter auf Sturheit und treiben damit die Rechnung weiter in die Höhe? PS: Das Wort "wir" im Bezug auf "wir Deutsche" steht in Anführungszeichen, weil ich zwar Deutsche bin, mich mit der Politik, dem Verhalten und der Auffassung dieses Landes gegenüber den anderen Staaten nun beim besten Willen nicht mehr identifizieren kann.
vhe 18.06.2012
2. Der Worte sind genug gewechselt
...und so weiter. Mal sehen, wann die ersten Griechen ihr Schwarzgeld wieder zurueckbringen. Jetzt, wo die ND gewonnen hat, wird ja alles magischerweise wieder gut, jeder wird ehrlich und es regnet Retsina.
civiszeus 18.06.2012
3. Parlamentarische Demokratie
Zitat von sysopAPDer konservative Wahlsieger Antonis Samaras könnte eine Koalition für das Spar-Memorandum bilden. Griechenland habe dann eine Zukunft, glaubt die Tageszeitung "Kathimerini". Die Bedingung: Die Politiker müssen eine bisher vernachlässigte Tugend beweisen - Verantwortungsbewusstsein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,839574,00.html
Ja weiss das der direktor der Kathimerini nicht dass in der gr. Verfassung unser Demokratie auch die Rolle der Opposition eingesehen wird? Hat papachelas immer noch nicht kapiert dass 58% (bei einer Wahlbeteiligung von 63%) der Waehler sich gegen das Memorandum und die Austaeritaetspolitik zum zweiten Mal ausgesprochen haben? Macht euch keine grosse Hoffnungen, da an der Suedkueste, nd- pasok sind eine fertige Sache dank eurer Panikmache. Diesmal wird das "to big to fail" zu eurem Verhaengniss, ihr bilderberger, die Griechen wissen das und warten auf ihre Chance.
carahyba 18.06.2012
4.
Zitat von sysopAPDer konservative Wahlsieger Antonis Samaras könnte eine Koalition für das Spar-Memorandum bilden. Griechenland habe dann eine Zukunft, glaubt die Tageszeitung "Kathimerini". Die Bedingung: Die Politiker müssen eine bisher vernachlässigte Tugend beweisen - Verantwortungsbewusstsein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,839574,00.html
Zitat aus dem Artikel: Wenn Ihr Apell ernst gemeint ist, sollte eine der ersten Maßnahmen des Herrn Samaras sein die ausstehenden Steuern bei den grossen Vermögen einzusammeln, da wird er die volle Unterstützung des Herrn Tsipras haben. Sieht aber nicht so aus als ob das als eine seiner vorrangigen Aufgaben sieht.
götterbote2012 18.06.2012
5.
Zitat von sysopAPDer konservative Wahlsieger Antonis Samaras könnte eine Koalition für das Spar-Memorandum bilden. Griechenland habe dann eine Zukunft, glaubt die Tageszeitung "Kathimerini". Die Bedingung: Die Politiker müssen eine bisher vernachlässigte Tugend beweisen - Verantwortungsbewusstsein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,839574,00.html
Es ist lächerlich, dass diejenigen, die die größte Schuld an der (griechischen) Misere trifft, jetzt angeblich die Retter sein sollen, obwohl diese sich seit Anfang der Krise, immerhin nun schon vier Jahre, keinesfalls irgendwie gebessert hätten und sich weiter die Taschen ohne Scham gefüllt haben. Und das schlimmste an allem ist noch, dass unsere Politiker das ganze auch noch unterstützt haben, indem sie den Griechen immer wieder einbleuen wollten, dass ein anderes Wahlergebnis katastrophale Folgen für sie hätte.
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