Philosoph Zizek "Zeitgenössischer Kapitalismus begrenzt die Demokratie"

Unter Philosophen ist er eine Art Popstar, mit seinen Thesen wirbt er für mehr Europa: Im Interview verteidigt der Slowene Slavoj Zizek die Tsipras-Regierung - und deren Idee eines Referendums. Von Philip Kaleta

Philosoph Zizek: Bezieht Stellung zum Referendum der Griechen und zu Syriza
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Philosoph Zizek: Bezieht Stellung zum Referendum der Griechen und zu Syriza


Zur Person
  • Corbis
    Slavoj Zizek, Jahrgang 1949, ist einer der bekanntesten Philosophen der Gegenwart. Der in Ljubljana geborene Denker war 1990 in Slowenien Präsidentschaftskandidat. Hegel, Marx und Lacan haben seine Werke maßgeblich beeinflusst. Er bezeichnet sich als eurozentrischen Marxisten. Die Veranstaltung, auf welcher Varoufakis den berüchtigten Stinkefinger gezeigt hat, war von Zizek mitorganisiert
SPIEGEL ONLINE: Herr Zizek, Ministerpräsident Alexis Tsipras hat für ein Nein im heutigen griechischen Referendum über den Reformkurs geworben. Wie bewerten Sie diese Strategie?

Slavoj Zizek: Viele Kritiker des griechischen Referendums meinen, dass es sich dabei um pures demagogisches Getue handelt. Es sei nicht klar, worum es bei dem Referendum überhaupt geht, heißt es. Wenn überhaupt, dann gehe es beim Referendum um den Euro oder die Drachme und darum, ob Griechenland in der EU bleibt oder nicht. Doch beides ist offensichtlich falsch.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Zizek: Die griechische Regierung hat wiederholt ihre Absicht klar gemacht, Griechenland sowohl in der EU als auch in der Eurozone halten zu wollen. Diese Haltung ist völlig eindeutig, Referendum hin oder her. Es geht heute darum, ob der Sparkurs weiterverfolgt wird oder neue Wege eingeschlagen werden. Die Kritiker von Tsipras versuchen, den Kern des Referendums in eine Schicksalsfrage umzudeuten.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht verantwortungslos, mit dem Referendum das hohe Risiko eines möglichen Euro-Austritts einzugehen?

Zizek: Finanzminister Varoufakis hat die wirklichen Risiken des Referendums benannt. Die Wahl liegt nämlich zwischen einer Fortführung der EU-Politik der letzten Jahre, welche Griechenland an den Rand des Ruins geführt hat - und einem realistischen Neuanfang. Mit einem Neuanfang kann man einen konkreten Plan vorlegen, wie die griechische Ökonomie wiederhergestellt werden soll. Ohne einen solchen Plan würde sich die Krise letztlich immer wieder reproduzieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll dieser Plan denn aussehen?

Zizek: Sogar der IWF hat eingeräumt, dass Griechenland einen groß angelegten Schuldenerlass braucht, um "Raum zum Atmen" zu schaffen und die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen. Sie schlagen ein Moratorium von 20 Jahren zur Rückzahlung der griechischen Schulden vor. Damit bestätigen sie Varoufakis' Forderung, dass völlig neue Wege zur Lösung der Krise notwendig sind.

SPIEGEL ONLINE: Erst verhandelt Tsipras, dann bringt er die Geldgeber gegen sich auf. Bringt der Hickhack-Kurs des Syriza-Mannes linke Politik insgesamt in Misskredit?

Zizek: Ich glaube, die Situation ist komplexer. Die Schwierigkeiten, in denen sich die Syriza-Regierung wiedergefunden hat, haben zu teils extrem dummer Kritik und dummen Ratschlägen geführt - von allen Seiten, auch der linken. Dazu gehört zum Beispiel die Idee, dass die Syriza-Regierung ruhig einen Grexit riskieren sollte. Und dann? Dies würde zu einem weiteren Abfall des griechischen Wohlstandes um 30 Prozent führen und das griechische Elend auf ein neues, unerträgliches Niveau bringen. Dies wiederum birgt die Gefahr öffentlicher Unruhen, sogar die einer Militärdiktatur. Solchen Taten sollte man also tunlichst widerstehen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie sonst noch mit "extrem dummer" Kritik?

Zizek: Es gibt Forderungen, dass Syriza zu ihren Wurzeln zurückkehren sollte. Sie solle nicht eine weitere parlamentarische Regierungspartei sein, fordern manche. Wirklicher Wandel komme nur aus den "grassroots", von den Menschen, ihrer Selbstorganisation und nicht aus dem Staatsapparat heraus. Dies ist ein weiterer Fall leeren Getues, weil es dem eigentlichen Problem, wie man mit internationalem Druck bezüglich der Schulden umgeht, ausweicht. Oder allgemeiner: wie man Macht ausüben und einen Staat regieren kann. Die "Grassroot-Bewegung" und Selbstorganisation kann den Staat nicht ersetzen. Die Frage ist, wie man den Staatsapparat neu organisiert, damit er anders funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Ist Syriza angesichts ihrer bis dato verfolgten Strategie überhaupt als links zu verorten?

Zizek: Manche halten Syriza für ein Beispiel dafür, dass die traditionelle Links-rechts-Dichotomie überholt ist. Als Beispiel werden die Berührungspunkte von Syriza und dem rechtsextremen Front National in Frankreich angeführt. Die beiden Parteien hätten vieles gemeinsam, heißt es. Sie kämpften beide für staatliche Souveränität und gegen multinationale Konzerne. Sicher, diesem Sinne nach erscheint es auch als logisch, dass Syriza in Griechenland eine Koalition mit einer rechten Partei eingeht. Und trotzdem ist die These vom Links-rechts-Extremismus Unsinn. Sie ist leicht zu dekonstruieren: In dem Moment, indem man Flüchtlinge und eingewanderte Arbeiter in die Debatte einführt, fällt die gesamte Parallele auseinander.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem aktuellen Buch plädieren Sie für eine europäische Leitkultur, die verbindliche Werte für alle beinhaltet. Könnte der Reformkurs einer Vielzahl von Mitgliedstaaten der Eurozone als Hinweis für eine bereits existierende Leitkultur verstanden werden?

Zizek: Der herrschende Kampf ist ein Kampf um eine wirtschaftliche und politische Leitkultur Europas. Die EU-Mächte stehen für den technokratischen Status quo, welcher Europa für Jahrzehnte in Trägheit halten wird. Der große Konservative T. S. Eliot hat in seinen "Notes Towards a Definition of Culture" bemerkt, dass es Momente gibt, in denen es nur die Wahl zwischen Häresie und Unglauben gibt: wenn beispielsweise der einzige Weg, eine Religion am Leben zu halten, die sektiererische Abspaltung von ihrem Korpus ist. Dies ist unsere heutige Lage in Bezug auf Europa: Nur eine neue Häresie - momentan von Syriza vertreten - kann jenes sichern, was des Sicherns im europäischen Erbe wert ist: Demokratie, Vertrauen in die Menschen, egalitäre Solidarität. Jenes Europa, das gewinnen wird, wenn Syriza ausgebootet ist, wird ein Europa der asiatischen Werte sein. Der zeitgenössische Kapitalismus begrenzt die Demokratie.

Ein Interview von Philip Kaleta

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tpro, 05.07.2015
1.
Aha, Philsoph. Bedeutet wohl "ich weiß alles, ich kann alles" Und dann der Satz: "...Mit einem Neuanfang kann man einen konkreten Plan vorlegen, wie die griechische Ökonomie wiederhergestellt werden soll...." Was glaubt der Mann, was die EU von GR schon seit Jahren verlangt? Endlich einen glaubhaften, tragfähigen Plan.
HaioForler 05.07.2015
2.
Was sagen Sie schlauer Popstar denn, wo Athen die nächsten 50 000 000 000 hernehmen soll, die es bis 2018 benötigt, hm? Aus der Luft? Doch wohl wieder nur von Anderen, daher sind Sie auch gegen den GreXit, Sie Materialist: Sie wollen, daß Athen noch Jahrzehnte gepimpert wird. Schuldenerlß ja, das Geld ist eh futsch, aber danach dennoch an den Trögen des Kapitalismus bleiben? Ja, so haben wir es gerne, Herr Salonphilosoph ! Europa ist eben DOCH NUR eine Geldmaschine für diejenigen, die philosophieren.
empörteuch! 05.07.2015
3. Recht hat er
"... eine europäische Leitkultur, die verbindliche Werte für alle beinhaltet." Werte können nur von denkenden Menschen getragen werde - die "Wirtschaft" denkt nicht, also kann sie auch nicht der Träger von Werten sein. Brüderlichkeit ist so ein Wert. Und daher muss die Quelle des wirtschaftlichen Miteinanders aus einem anderen Impuls kommen, als Geiz und Wucher ( Habgier) . Es gab genug Leid in Europa , es gibt ein Kerneuropa, das sich der RWG als Mittel zum Zweck des Friedens bedient hat. Aber die öknonomische Verbindung war das Mittel um genug Anreiz zur Verständigung um des Frieden Willens zu schaffen. Wenn Ökonomie Unfrieden stiftet, ist das schon bedenklich genug. Wenn die Werte, auf denen dieses Europa nach aoch verheerenden Jahrhunderten stehen könnte vergessen und getreten werden, dann ist das eine Katastrophe und sie mündet in Krieg.
wolle0601 05.07.2015
4. Genau lesen lohnt sich
Im Text steht Moratorium. Das hat die EU bereits angeboten, sogar noch mit ein paar zig Milliarden frischem Geld obendrauf. Schuldenerlaß ist was anderes. Und: Nehmen okay...aber wo ist das Geben? Warum hat niemand Zizek nach seiner Ansicht zu Reformforderungen gefragt? Und wie er sich eine Welt vorstellt, in der jeder dort ernten will, wo andere gesät haben?
kevinschmied704 05.07.2015
5. recht hat der mann!
gleich mal schauen, was ich so über ihn an literatur finde. danke
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