Syriza-Sieg Europas Linke feiert Triumph in Griechenland

Das Ergebnis war deutlich: Der Syriza-Sieg stimmt nicht nur griechische Anhänger euphorisch, in Athen feiern Linke aus ganz Europa. Sie sehen den Kontinent vor einem Richtungswechsel - in Berlin registriert man das mit Sorge.

AFP

Aus Athen berichten und


Der Holztresen ist abgewetzt, die Klimaanlage mit Klebeband repariert und die Wahlberichterstattung läuft auf einem kleinen Röhrenfernseher: Dem Foyer der Syriza-Zentrale am Koumoundourou-Platz ist anzusehen, dass das Linksbündnis noch keine allzu etablierte Partei ist. Als um 19 Uhr Ortszeit die ersten Zahlen veröffentlicht werden, ist der Jubel groß, aber keineswegs euphorisch. Fast so, als müsse die Partei auch das Triumphieren erst noch lernen.

Ein paar Straßen weiter funktioniert das schon deutlich besser. Vor Syrizas Wahlkampfzelt am Klage-Platz hat sich schnell eine feiernde Menschenmenge gebildet. Der Platz heißt so, weil hier früher entschieden wurde, welche Beamten durch einen Regierungswechsel ihren Job verloren. Heute haben auch Staatsdiener allen Grund zum Jubeln: Syriza hat 300.000 neue Jobs versprochen, viele davon im öffentlichen Dienst.

Die Joboffensive gehört zu den ersten Vorhaben, die Jannos Giannopoulos aufzählt. Der 28-Jährige hat für Syriza kandidiert, noch ist unklar, ob er es ins Parlament schafft. Egal. "Ich fühle mich tatsächlich ekstatisch", sagt Giannopolous. Umgehend fügt er jedoch hinzu: "Das ist eine riesige Verantwortung für uns."

Innerhalb von nur elf Jahren hat es Syriza von einem politischen Randphänomen zur Massenbewegung geschafft. Nach Auszählung von 95 Prozent der Stimmen fehlen dem Bündnis nur wenige Sitze zur absoluten Mehrheit. Die nötigen paar Verbündeten sollte Syrizas Parteichef und Posterboy Alexis Tsipras notfalls auftreiben können. Die konservative Nea Dimokratia des bisherigen Premierministers Antonis Samaras ist mit rund 28 Prozent mehr als deutlich geschlagen. In Griechenland stehen alle Zeichen auf links.

"Das andere Europa" versammelt sich

Auf dem Klage-Platz glauben viele, dass dieses Signal weit über Griechenland hinausreicht. Junge italienische Kommunisten schwenken hier ihre Fahnen und singen die Internationale. "Das andere Europa mit Tsipras", steht auf Ansteckern. Dieses Europa mobilisiert auch in anderen Krisenländern gegen jenen strikten Sparkurs, für den vor allem die Bundesregierung steht. In Spanien etwa könnte in Kürze die linke Podemos-Bewegung ihre ersten Wahlerfolge einfahren.

In Berlin sorgt dieser Trend gleich doppelt für Unruhe. Zum einen will Tsipras neu über Kredite verhandeln, von denen allein 65 Milliarden Euro auf Deutschland entfallen und für die Griechenland schon jetzt sehr günstige Zinsen zahlt. Zum anderen könnte eine Aufkündigung der Vereinbarungen erneut das Vertrauen in den Euro erschüttern, der sich derzeit ohnehin im Sinkflug befindet.

Dennoch jubeln in Athen auch Deutsche. "Wir fangen in Griechenland an. Wir verändern Europa", steht in Englisch auf einem Schild, das Sebastian Walter in die Höhe hält. Der 24-Jährige ist Vizechef der brandenburgischen Linken und schon seit einigen Tagen im Land. "Ich werde ganz viele Ideen mitnehmen", sagt Walter. Syriza habe vorgemacht, wie man als linke Partei Hoffnung verbreiten könne. Jetzt müsse neu über die Sparauflagen für Griechenland verhandelt werden. "An diesem Ergebnis kann Schäuble nicht vorbei."

David Jamieson vom "Scottish Left Project" sieht es ähnlich. Er verstehe, dass Deutschland und andere nordeuropäische Länder um ihre Hilfsmilliarden bangten, sagt der 27-Jährige. Aber man müsse nur durch Athens Straßen mit ihren vielen Obdachlosen und Drogensüchtigenn laufen, um das Elend zu sehen, das die bisherige Austeritätspolitik angerichtet habe. "Menschliches Leben ist wichtiger."

Ein Kompromiss ist denkbar

Auf die Euro-Zone kommmen in jedem Fall harte Verhandlungen zu. Syrizas Chefökonom John Milios erklärte bereits, er erwarte vom noch amtierenden Finanzminister Gikas Chardouvelis, beim Treffen mit seinen europäischen Amtskollegen am Montag lediglich noch technische Details zu verhandeln. "Denn das Programm, dem er als Samaras-Vertreter zugestimmt hat, ist jetzt tot."

Kompromisse sind durchaus denkbar. Das Hilfsprogramm für Griechenland läuft aus, und die Troika der internationalen Geldgeber ist in ihrer jetzigen Form nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs ohnehin nicht haltbar. Griechenland könnte sich deshalb mit seinen Geldgebern leichter als bislang auf eine Lockerung der Auflagen verständigen, die Tsipras dann zuhause als Sieg über die Spardiktatoren verkünden dürfte. Syriza könnte zudem tatsächlich ein politisches Zeichen setzen, falls es die Reichen des Landes stärker zur Kasse bittet und endlich die weitverbreitete Vetternwirtschaft wirksam bekämpft.

Darüber hinaus aber ist die auf dem Athener Klage-Platz verbreite Botschaft vom neuen Vorbild Griechenland reichlich absurd. Griechenland bleibt auch mit einer Syriza-Regierung ein Sorgenkind, das zwar dringend neues Wachstum braucht - aber ganz sicher nicht in seinem legendär ineffizienten Staatssektor.

"Die Leute erwarten von uns nur, dass wir anders als andere Parteien sind", sagt der junge Syriza-Kandidat Giannopolous. Tsipras selbst verspricht bei seinem ersten Auftritt vor Tausenden in der abgesperrten Innenstadt: "Wir alle zusammen werden kämpfen, um unser Land wiederaufzubauen."

Doch ein Premier Tsipras wird um Kompromisse nicht herumkommen. Im besten Fall kann er diese ebenso gegen die Euro-Partner wie gegen den radikaleren Flügel seiner Partei durchsetzen. Was Regierungsveantwortung dagegen im schlechtesten Fall bedeutet, kann Tsipras an der Pasok studieren.

Die Sozialisten begannen Griechenlands Sparkurs und wurden dafür mit vernichtenden Wahlergebnissen bestraft. Nachdem sich zuletzt sogar Ex-Premier Georgios Papandreou mit einer neuen Partei abgesetzt hatte, kam die Pasok diesmal nur noch auf knapp fünf Prozent. Nur einen Steinwurf von Syrizas Jubelfeiern entfernt war der Wahlkampfpavillon der Pasok schon am frühen Sonntagabend zugesperrt. "Keine Chance", schrieb ein Spötter auf Englisch an die Tür. "Endgültig geschlossen."

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Seite 1
an-i 25.01.2015
1. Griechenland zeigt der EU
...es gibt doch noch eine Alternative. ...die Möglichkeiten der Politik sind doch nicht so alternativlos. Hoffentlich ist das nicht nur örtlich begrenzt...
matt4866 25.01.2015
2. Glueckwunsch Griechenland
Nun hat sicher der Wunsch der europaeischen Linken erfuellt. Die Versprechungen und Hoffnungen werden schnell enttaeuscht werden, weil Sozialismus nur solange funktioniert, wie man Geld von anderen hat. Viel Glueck also. Trotzdem hat es sein Gutes, schnell raus aus dem Euro, und durchstarten - eine Chance fuer Griechenland, und eine letzte fuer den Euro. Die Banken und die Politik sind mit der EZB Bazooka sicher ganz einverstanden. Die deutschen Rentner / Sparer bezahlen die Party. Die Kursverluste des Euro, die Anschaffung der Zinsen auf Staatsanleihen und die enorme Inflation der Finanzanlagen gehen Hand in Hand.
matijas 25.01.2015
3. Gutgemeinter Moralismus hilft nicht
Auch ein links regierter Kapitalismus bedeutet Armut und Krise für viele! Bleibt es bei einem System der Konkurrenzwirtschaft, dann helfen linke Illusionen auch nicht weiter. Über eine neue Ökonomie denkt aber keiner nach, auch die Linke nicht, auch in Griechenland nicht. Aber stärkeres Anzapfen des Kapitals schafft keine massenhafte Beschäftigung mit gutem Auskommen - am Ende muss man sich doch den Gesetzen des Kapitalismus beugen, wenn man ihn regieren will. Gutgemeinter Moralismus hilft nun mal nicht gegen die brutalen Gezeitenkräfte der Marktwirtschaft. Wenn es dann enttäuschend ausgeht, heißt es, man sieht, dass Sozialismus nichts taugt. - Aber wo ist da irgendwo Sozialismus, weit und breit nicht. Auch nicht in Venezuela. Und schon gar nicht geplant in Griechenland.
njamba 25.01.2015
4. Keine Sorge.
wenn Europa nicht hilft dann werden die Russen und Chinese es tun. Die Welt besteht heute nicht nur aus Europa u. USA . Die Russen & Chinese sind auch da. Gottseidank.
mac4me 25.01.2015
5. Einerseits kann ich die Griechen verstehen:
Dort gibt es nicht mal Sizialhilfe.das einfache Bolk ist arbeitslos und leidet not. Andererseits schmiert der Euro ab und viele Millionen Rentner mit niedriger Rente, die sich etwas zusammengespart haben, bezahlen den griechisch-linken Sieg. Während die Oberschichten in Griechenland und ganz Europa längst ihre Vermögen in Franken und Dollar umgeschichtet haben. Ergo:Die Falschen profitieren und die Falschen bezahlen das Ganze.
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