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Tsipras bei Merkel in Berlin: "Wir müssen uns besser verstehen"

Griechenlands Premier Tsipras hat bei seinem Besuch in Berlin für einen neuen Umgang miteinander geworben und seine Vertragstreue beteuert. Kanzlerin Merkel wollte jedoch nichts versprechen.

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Berlin - Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras hat bei seinem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin versichert, sich an Abmachungen zu halten. Er sagte bei einer Pressekonferenz aber auch, dass soziale Fragen dabei berücksichtigt werden müssten.

Merkel äußerte sich zurückhaltend: "Ich kann nichts in Aussicht stellen - schon gar nicht Liquidität", sagte sie. Sie könne keine Entscheidung darüber treffen, wie im Schuldenstreit weiter verfahren werde. "Ich bin die Bundeskanzlerin von Deutschland und vertrete damit nur ein Land von 19 in der Euro-Gruppe."

Die beiden Regierungschefs bemühten sich um versöhnliche Töne. "Wir müssen uns besser verstehen", sagte Tsipras. "Es gibt keinen anderen Weg als den des Dialogs, um bestehende Schwierigkeiten zu überwinden." Merkel hob die "engen und freundschaftlichen Beziehungen zu Griechenland" hervor. Das gemeinsame Ziel sei es vor allen Dingen, "dass die sehr, sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit überwunden werden kann".

Tsipras warnte beide Seiten vor weiteren gegenseitigen Schuldzuweisungen. "Weder sind die Griechen Faulenzer, noch sind die Deutschen schuld an den Übeln und den Missständen in Griechenland. Wir müssen hart daran arbeiten, diese schrecklichen Stereotype zu überwinden." Zudem übte er sich in Selbstkritik: "Es gibt auch interne Ursachen für die enorme Krise in Griechenland."

Der griechische Ministerpräsident nahm Merkel gegen Nazi-Vergleiche in Schutz. "Das heutige Deutschland hat nichts zu tun mit dem Deutschland des Dritten Reichs, das so viel Blutzoll gekostet hat", sagte Tsipras. "Lassen Sie diese Schatten der Vergangenheit doch hinter sich. Wir müssen die Seite umschlagen und gemeinsam eine Zukunft in Europa schaffen."

Zum aktuellen Titelbild des SPIEGEL sagte Tsipras: "Ich finde das sehr ungerecht, dass eine solche Provokation veröffentlicht wird." Das Cover zeigt Merkel in einer Fotomontage vor der Akropolis im Kreis von Wehrmachtssoldaten mit Hakenkreuz (lesen Sie hier die Titelgeschichte im digitalen SPIEGEL). Zur Debatte über das Titelbild hatte sich SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer bereits im SPIEGEL-Blog geäußert.

Tsipras distanzierte sich auch von seiner eigenen Parteizeitung. "Auch meine Parteizeitung hat etwas Schreckliches veröffentlicht. Da habe ich gesagt: "Das ist kein Witz, den ihr da macht. Mit der Geschichte darf man nicht scherzen." Merkel war in Griechenland mehrfach mit Nazi-Symbolen abgebildet worden.

Scharfe Kritik an Troika

Die Hilfsprogramme von EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds kritisierte Tsipras jedoch scharf. "Dieses Programm war keine Erfolgsgeschichte, denn es hatte schreckliche Auswirkungen auf unsere Volkswirtschaft", so der Syriza-Politiker. "Die fünf Jahre haben nicht dazu beigetragen, die Probleme Griechenlands zu lösen." Sein Ziel sei nun "die Verwirklichung großer Strukturreformen in Griechenland", vor allem Steuerflucht und Korruption müssten bekämpft werden: "Es sollen diejenigen die Kosten der Krise bezahlen, die ihren Beitrag bislang noch nicht geleistet haben."

Der griechische Premier sprach auch die seit Wochen diskutierte Frage von Reparationen für NS-Verbrechen aus dem Zweiten Weltkrieg an. Es handele sich dabei in erster Linie nicht um ein "Thema materieller Art - sondern um eine moralische Frage". Zugleich versicherte er, dass die Drohung, deutsches Eigentum in Griechenland zu pfänden, nicht umgesetzt werde.

Das Treffen mit Tsipras, der noch bis Dienstag in Berlin bleibt, kommt zu einem schwierigen Zeitpunkt. Seit die Eurostaaten im Mai 2010 Griechenland zum ersten Mal mit Hilfskrediten beisprangen und dem Land im Gegenzug ein radikales Sparprogramm aufzwangen, haben sich die Beziehungen zwischen Berlin und Athen dramatisch verschlechtert - vor allem seit dem Antritt der neuen Links-Rechts-Regierung im Januar dieses Jahres.

Zuletzt hatte sich Tsipras laut der "Financial Times" in einem Brief, der offenbar schon vor einer Woche abgeschickt wurde, an Merkel gewandt. Darin warnte er, dass sein Land die anstehenden Schuldenrückzahlungen in den kommenden Wochen nicht erfüllen könne, sollten die europäischen Partner keine schnellen Hilfen bereitstellen.

Steinmeier fordert ernsthafte Gespräche

Außenminister Frank-Walter Steinmeier mahnte bei einem Kurzbesuch in der Slowakei derweil ein schnelles Ende der öffentlichen Vorwürfe zwischen Berlin und Athen an. "Wir hatten eine viel zu lange Diskussion über den Austritt Griechenlands aus dem Euro", sagte Steinmeier, "nun müssen wir wieder ernsthaft reden." Steinmeier warnte, dass ein Scheitern der Rettung Griechenlands "von der ganzen Welt" bemerkt und am Ende die Glaubwürdigkeit der ganzen EU untergraben würde.

Für die nächsten Tage forderte Steinmeier weniger öffentliches Getöse und mehr konkrete Gespräche. "Die Zeit der öffentlichen Diskussion und der Vorwürfe muss vorbei sein, wir brauchen jetzt eine Liste mit konkreten Schritten, über die wir reden und entscheiden können", sagte der SPD-Politiker in Bratislava, "wir brauchen eine verbale Abrüstung".

Steinmeier hatte am Sonntagabend mit seinem griechischen Kollegen zu Abend gegessen, dabei herrschte nach Aussage von Teilnehmern bereits eine halbwegs entspannte Atmosphäre. Bei den Athener Forderungen nach einer Diskussion um Reparationen für NS-Verbrechen aus dem Zweiten Weltkrieg jedoch blieb Steinmeier hart. Aus Sicht seines Hauses ist das Thema Reparationen abgeschlossen, auch vor einer juristischen Auseinandersetzung müsse sich Deutschland nicht fürchten.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

Zusammengefasst: Der griechische Premier Tsipras hat beim Antrittsbesuch in Berlin für einen neuen Umgangston zwischen Berlin und Athen plädiert. Er versicherte, sich an Reformauflagen zu halten, mahnte aber an, die sozialen Kosten des Sparkurses nicht zu vergessen. Merkel versprach nichts. Alle Entscheidungen fielen in der Euro-Gruppe, sagte sie.

mxw/mgb

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insgesamt 23 Beiträge
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1. immer wieder derselbe unsinn
dieter-ploetze 23.03.2015
jetzt steinmeier,ein grexit waere sonstwas von schlimm,blamage vor der ganzen welt. vor diesem hintergrund kann doch nicht ernsthaft verhandelt werden,wenn ein grexit kategorisch ausgeschlossen wird sollte man den griechen einfach geld geben und das waers dann.aber so wird es auch sein, alles andere ist nur fuer die galerie.
2. So wird das nichts
superschlaumi 23.03.2015
Außer Spesen nichts gewesen. Wieder hat Tsipras viel geredet und nichts gemacht. Geschweige denn, dass er überhaupt eine Idee hätte, wie er Griechenland in die Zukunft führen will ohne dass die anderen 19 Euroländer das alles finanzieren. Am Ende werden es wohl mal wieder die deutschen Steuerzahler, die das alles bezahlen. Und das nennt sich dann links und sozial. Auf Kosten anderer lebt es sich halt am besten.
3. Weiss er, wovon er spricht?
wernerz 23.03.2015
Auch Herr Steinmeier spricht von einer unbedingt zu verhindernden Katastrophe für das übrige Europa im Falle eines GR-Austrittes. Warum eigentlich? Bis jetzt hat uns dies noch keiner der von uns alimentierten Experten glaubhaft versichern können. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit können wir wohl davon ausgehen, dass das Gegenteil der Fall sein wird, d. h. wenn wir weiterhin durch diese Zecke ausgesaugt werden und spätestens dann, wenn andere Mitgliedstaaten damit beginnen werden, ebenfalls die Hand aufzuhalten.
4. Verbale Abrüstung?
Inselbewohner, 23.03.2015
Das ist erstmal gut, es ist nicht zielführend sich dauernd Beleidigungen an den Kopf zu werfen. So weit so gut aber ich finde "Der Worte sind genug gewechselt....!" Vieles was Tsipras sagt klingt doch positiv nur es fehlt halt das Vertrauen. Die ganzen Dinge brauchen aber Zeit umgesetzt zu werden, Zeit aber hat GR nicht mehr viel wenn überhaupt. Also, entweder wird der Druck auf GR weiter erhöht oder entschärft. Dazwischen gibt es nichts. Gruß HP
5. Herr Tsipras
darthmax 23.03.2015
hat ganz konkret von den Reparationen gesprochen, auch wenn er dies diplomatisch mit Moral verkleisterte. Frau Merkel hat diesen elegant verneint und auf Zukunftsentwicklung hingewiesen.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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