Kritik an Türkei Tsipras provoziert mit Piloten-Tweets

Mit forschen Tweets über Luftraumverletzungen hat Griechenlands Premier seinen türkischen Kollegen attackiert. Der Konter von Davutoglu folgte prompt - und Tsipras gab klein bei.

Von , Athen

Griechenlands Premier Tsipras: Auf Twitter vergaloppiert
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Griechenlands Premier Tsipras: Auf Twitter vergaloppiert


Zwischenfälle im Luftraum sind für griechische und türkische Piloten der Luftwaffe an der Tagesordnung, zwischen beiden Ländern gibt es immer wieder Anlass zu Spannungen im Grenzgebiet. Doch der jüngste Vorfall zwischen den zerstrittenen Nachbarn und Nato-Partnern spielte sich nicht über der Ägäis ab - sondern auf Twitter.

Die erste Salve kam vom griechischen Regierungschef Alexis Tsipras. "An Premier Davotoglu: Zum Glück sind unsere Jetpiloten nicht so launisch wie es eure gegenüber den Russen waren." Gemeint war natürlich der Abschuss eines russischen Bombers durch die türkische Luftwaffe an der Grenze zu Syrien. Noch immer sorgt der Vorfall vor einer Woche für extreme diplomatische Verwerfungen zwischen Moskau und Ankara. Den Tweet veröffentlichte Tsipras am Sonntag, als die Spitzen der EU gerade mit den Türken über eine Lösung in der Flüchtlingskrise rangen.

Tsipras spielt mit seiner Botschaft auf die regelmäßige Verletzung des griechischen Luftraums durch Flugzeuge der türkischen Luftwaffe an. In Griechenland werfen viele den Türken Heuchelei vor, wenn sie als Rechtfertigung für den Abschuss ihrerseits eine Verletzung des eigenen Luftraums durch die Russen angeben. Noch immer sind die genauen Umstände des Vorfalls nicht abschließend geklärt.

Unstrittig ist dagegen, dass es tatsächlich im Luftraum zwischen Griechenland und der Türkei immer wieder zu Zwischenfällen kommt - zumindest wenn man den Zahlen der griechischen Armee glaubt. Demnach wurden allein im laufenden Jahr 1633 Verletzungen des eigenen Luftraums durch türkische Militärflugzeuge registriert, 59 davon im November. Sogar kurz nach dem Abschuss am vergangenen Dienstag gab es demnach Verstöße, konkret sieben zwischen dem 25. und 27. November.

Oft sind die Flugzeuge bewaffnet, und es kommt zu gegenseitigen Provokationen. 2006 kollidierten zwei F-16-Jets beider Länder, der griechische Pilot kam ums Leben.

Nur eine Minute nach dem ersten Tweet legte Tsipras noch einmal nach. Seine Botschaft: "Was über der Ägäis passiert, ist unfassbar und empörend."

Es scheint jedoch, als habe sich der griechische Premier mit dieser Attacke verkalkuliert - vor allem, weil die Türken seine Kritik kühl abprallen ließen. Über seinen Twitterkanal erklärte der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu: "Kommentare von @atsipras über Piloten passen wohl kaum zur Botschaft dieses Tages. Alexis: Konzentrieren wir uns doch auf eine positive Agenda."

Tweets gelöscht - doch der Ärger ist da

Das saß offenbar, denn wenige Minuten später waren die aggressiven Tsipras-Tweets gelöscht, der Ton klang plötzlich ganz anders: "Wir sind Nachbarn, und wir müssen ehrlich miteinander sein, wenn wir Lösungen finden wollen. #EUTurkey."

Der Schaden war da jedoch bereits angerichtet - allerdings nicht in Ankara, sondern in den Medien daheim. Analysten werfen Tsipras zum einen vor, dass er versucht habe, sich derart unpassend zu profilieren. Noch schlimmer sei aber, dass er nun nicht einmal zu seinen Worten stehen wolle.

Die konservative Tageszeitung "Kathimerini" ätzte schon kurz nach dem Tweet-Debakel: "Tsipras hat nationalen Interessen geschadet. Für uns Griechen war das peinlich."

Tsipras habe ein durchaus ernstes Problem für seine Zwecke trivialisiert, heißt es weiter. Schließlich gibt es in der griechischen Armee durchaus Generäle, die nur zu gern offensiv auf das reagieren würden, was sie "türkische Aggression" nennen.

Die Armee hat praktisch kein Geld mehr

Gemäßigtere Militärkreise verweisen dagegen auf die höchst problematische Finanzlage der Streitkräfte. Selbst wenn sich die Führung für einen härteren Kurs aussprechen sollte: Dafür wäre gar kein Geld da.

Schon jetzt belasten die ständigen Zwischenfälle das Budget erheblich. Rund 20 Millionen Euro kostet die Überwachung des Luftraums im Jahr, so die Angabe des Athener Verteidigungsministeriums. Und wenn Jets aufsteigen, wird es erst richtig teuer. Rund 10.000 Euro koste eine F-16-Flugstunde allein an Treibstoff, schätzen Experten.

Das kann sich der chronisch klamme griechische Staat auf Dauer nicht leisten. "Die Armee ist unterbesetzt und unterfinanziert", sagte ein hochrangiger Offizier SPIEGEL ONLINE. "Wir können unsere neuen Rekruten kaum noch einkleiden oder versorgen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
jens.kramer 30.11.2015
1. Die Türkei
Die Türkei scheint ja ein sehr würdiger Vertreter von europäischen Werten wie Rechtsstaatlichkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit zu ein. Ein willkommener Kandidat für einen Beitritt zur EU also.
achilles65 30.11.2015
2.
Wieso knickt Tsipras ein, was ist das denn für ein Waschlappen, wo er sogar recht hat? Ich frage mich mittlerweile wessen Kommandos er befolgen muss, so wie bei Frau Merkel.
Walther Kempinski 30.11.2015
3. Naja
Die Griechen kann man nicht mehr ernst nehmen. Wegen denen kommen die Flüchtlinge. Siehe EuGH-Urteil von 2012 bzgl. Asylverfahren in GR! GR ist quasi nicht mehr Teil von Dublin2...aber sehr wohl noch von Schengen. Das heisst niemand muss noch in GR Asyl beantragen, kann aber weiter reisen. GR hat erneut Mist gebaut und die Tore sind offen.
derblaueplanet 30.11.2015
4. Verständnisvolles Lesen
Zitat von achilles65Wieso knickt Tsipras ein, was ist das denn für ein Waschlappen, wo er sogar recht hat? Ich frage mich mittlerweile wessen Kommandos er befolgen muss, so wie bei Frau Merkel.
des Artikels hätte Ihnen und anderen diesen Beitrag erspart.
SachDebattierer 30.11.2015
5. 1633 Luftraumverleztungen pro Jahr = 4,5 pro Tag
.... Das EU Mitgliedsland Griechenland hätte nach osmanischer NATO-Logik also mehr als 4 mal pro Tag das Recht, türkische Flugzeuge abzuschießen. Vielleicht sollte man es Tsipras einfach mal darauf ankommen lassen, ... dann wird man ihn nicht mehr wie einen Windbeutel behandeln ...
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