Entscheidung in Griechenland: Die Wahl der Angst

Ein Gastbeitrag von Angelos Kovaios, Athen

Griechenland liegt politisch und wirtschaftlich am Boden, die Stimmung ist übel - und am Sonntag wird gewählt. Meinungsforscher prognostizieren einen Zusammenschluss der konventionellen Kräfte. War die Triebfeder bei der Wahl im Mai noch die Wut, ist es nun die Angst.

Wahlplakat der Syriza-Partei: Angst statt Zorn Zur Großansicht
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Wahlplakat der Syriza-Partei: Angst statt Zorn

Es sind äußerst kritische Wahlen: Den drohenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Zusammenbruch im Blick, geht Griechenland am kommenden Sonntag an die Urnen. Während gewalttätige Ausschreitungen in Gesellschaft und Politik die Lage noch verschärfen, bilden die Wirtschaftsdaten den erdrückenden Rahmen, in dem die Regierung funktionieren muss, die aus der Wahl hervorgeht.

Das Land befindet sich im Grunde in einem Zustand internationaler wirtschaftlicher Isolation.

  • Die großen Versicherungshäuser haben ihre Leistungen für die Einfuhren nach Griechenland eingestellt, während die Unternehmen enormem Druck ausgesetzt sind, weil sie ihre Einfuhren bar bezahlen müssen.
  • Die Gefahr eines Mangels an Rohstoffen, Arznei- und sogar Lebensmitteln ist bereits spürbar. Es braucht schnelle Maßnahmen zur Problembekämpfung. Auf die griechischen Betriebe kommen enorme Probleme wegen des Rohstoffmangels zu, weil ihre Produktion von den Einfuhren abhängt.
  • Im Energiebereich steht das Land vor dem Abgrund, weil keine Kredite mehr vergeben werden. Und Griechenland läuft Gefahr, wegen des internationalen Embargos gegen Teheran nicht einmal Zugang zum iranischen Markt zu haben.
  • Gleichzeitig halten internationale Akteure aus Wirtschaft und Politik den Austritt des Landes aus der Euro-Zone für immer wahrscheinlicher, und die Isolierung zeigt sich auch bei den immer öfter auf Eis gelegten Handelsgeschäften und Abkommen in Tourismus, Handel und Transport.
  • Gleichzeitig treffen die multinationalen Unternehmen, die noch im Land tätig sind, ihre Maßnahmen und stellen nur sehr geringe liquide Mittel zur Verfügung.

Vor diesem Hintergrund und angesichts der zugespitzten Lage in Gesellschaft und Politik - man denke an die Gewaltakte unter Politikern, die vergangenen Donnerstag in einer TV-Übertragung zu sehen waren, oder den Fall der Selbstjustiz in Paiana (wo ein 15-Jähriger einen Einbrecher tötete, um seine Familie zu schützen) - weisen politische Analysten und Meinungsforscher entschieden darauf hin: Kommenden Sonntag wird die "Stimme der Angst" vorherrschen, und die "Stimme des Zorns" wird weichen.

Die meisten Meinungsforscher haben bereits Daten darüber gesammelt, wohin die Wähler am 17. Juni tendieren. Es bleibt aber offen, inwiefern die Attacke des Politikers der rechtsextremistischen Partei "Goldene Morgenröte" auf (die kommunistische Abgeordnete) Liana Kanelli sich auf das Ergebnis auswirkt.

Analysten sehen Zusammenschluss der "konventionelleren politischen Kräfte"

Der Leiter eines der größten Meinungsumfrage-Institute äußert ernsthafte Bedenken, ob die Ereignisse der vergangenen Woche überhaupt eine nennenswerte Wirkung haben werden. Denn im Vergleich zu ihren (fast) sieben Prozent vom 6. Mai verzeichnet die "Goldene Morgenröte" bereits einen Rückgang der Stimmen. Demnach kann die einzig mögliche katalytische Wirkung nur die Frage betreffen, ob die neofaschistische Formation ihre Stellung im Parlament behaupten kann oder ob sie so große Verluste hinnehmen muss, dass sie draußen bleibt.

Nach der vorherrschenden Einschätzung der Analysten und Meinungsforscher wird es kommenden Sonntag zu einem größeren Zusammenschluss der "konventionelleren politischen Kräfte" kommen, zu denen sie auch die Syriza-Partei zählen. Sie ist nun Teil des politischen Dipols, der sich im Land herausbildet.

Alle Meinungsforscher sind sich zudem einig, dass die Zeichen politischen Zerfalls höchstwahrscheinlich den dominanten Parteien der letzten Wahl noch mehr Zulauf bringen werden, während parallel ein "Wähler-Austausch" zwischen kleineren oder extremistischen Parteien stattfinden wird. Die Folge wird wahrscheinlich sein, dass einige von ihnen nur schwer ins nächste Parlament kommen.

Ein Analyst sagt: "Bis zum Donnerstag dachten wir, dass die vielleicht verletzlichere Partei die der Unabhängigen Griechen sei. Als gleichermaßen verletzlich müssen wir jetzt aber auch die 'Goldene Morgenröte' betrachten, deren Wähler ohnehin weniger homogene Merkmale haben."

Aus dem Griechischen von Maria-Theresia Kaltenmaier und Alexandra Pavlou

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1. Es macht keinen Sinn
vhe 12.06.2012
zu raten, wen die Griechen wählen werden. Die Situation bzgl. der Finanzkrise ändert sich ja praktisch im Stundenrhythmus und auf welche Art Nachrichten aus Spanien, Italien oder Deutschland die griechische Wahl beeinflussen, ist zumindest für mich völlig unkalkulierbar. Am Sonntag wird gewählt und wenn wir Glück haben, treten 3 Dinge ein: - die Wahl geht halbwegs geordnet ueber die Bühne, - es gibt keine Wahlfälschungen in grösseren Stil, sowie - irgendeine Regierung wird gebildet. Also: abwarten und Tee trinken. Mehr ist derzeit einfach nicht drin und jede Wette (rein/raus, erfolgreiche/erfolglose Nachverhandlungen, etc.) kann nach hinten losgehen, wenn man sich darauf verlässt. Genau wegen dieser Unkalkulierbarkeit haben sich die Profis ja auch praktisch vollständig von europäischen Staatsanleihen verabschiedet. Man kann derzeit einfach nicht ausrechnen, welcher Preis für eine Euro-Anleihe (egal welchen Landes) gerechtfertigt ist, weil aus jeder unausgegorenen Äusserung eines Politikers theoretisch ein Gesetz werden kann, welches den Wert der Anleihen massiv verändert.
2. Die Wahl der Angst
eulenspiegel_neu 12.06.2012
Im Grunde ist es egal, Was oder Wer gewählt wird. Die Griechen sind auf jeden die Verlierer, solange die Reichen keine Steurern bezahlen und solange die Organisation der Staats- wie auch Kommunakverwaltungen nicht ausgebildet sind. Die aufgehäuften Schulden werden sie nicht zurückbezahlen können, so dass eines Tages die Forderungen der anderen Mitgliedsländer gestrichen werden müssen. Im Grunde ist die Wahl eine Farce ...
3. .
Jule25 12.06.2012
Etwas gutes hat dir Lage in Griechenland schon: Je katastrophaler die Lage wird, desto größer ist der warnende Aha-Effekt auf die anderen krieselnden Länder. Wir sollten Griechenland den Bach runter gehen lassen um ein Zeichen zu setzen. Die Märkte hatten genug Zeit sich darauf einzustellen. Und den Griechen wird es nach dem Absturz immer noch besser gehen als vor dem Eintritt in die EU. Und wenn nicht: Wer hat schon Mitleid den den notorischen Lügnern und Betrügern (Steuern, Rechnungen für Strom/Müll etc.)
4.
degraa 12.06.2012
Zitat von Jule25Etwas gutes hat dir Lage in Griechenland schon: Je katastrophaler die Lage wird, desto größer ist der warnende Aha-Effekt auf die anderen krieselnden Länder.
Il faut tuer un amiral pour encourager les autres? Ob das heute noch funktioniert? Ich habe mich von Beginn an gegen diesen Satz "es sind nur die steuerhinterziehenden Eliten aus Politik und Wirtschaft" gewehrt. Mittlerweile sollte durch entsprechende Berichterstattung klar sein, dass Korruption und Nepotismus die _gesamte_ griechische Gesellschaft durchdringen. Aber wenn ich (Jahrgang 1965) in Griechenland aufgewachsen wäre, würde ich dieses Verhalten, nämlich das Ausplündern des Staates und seiner Institutionen, VOR der Krise als spätestens mittelfristig schädlich erkannt haben? Und selbst wenn ich dieses ewige Fakelaki, diesen Nepotismus als das Krebsgeschwür der Gesellschaft ausgemacht habe, was hätte ich ändern können, wer hätte mir zugehört? Da ist Auswandern die einzige Lösung und zurück bleiben die, die sich mit dem System arrangiert haben, und die, die das System zu ihren Gunsten manipulieren. Es gibt wohl nicht nur die Gnade der späten Geburt, sondern auch die des richtigen Geburtsortes.
5. Griechenland
agua 12.06.2012
wird kaltgestellt und somit unter Druck gesetzt.Die Bevoelkerung hatte gewaehlt und wird nun indirekt gezwungen,ihr Kreuz bei der Partei zu machen,die die Euregierenden sich wuenschen.Da sind Regierungschefs,die sich fuer ihre Bevoelkerung einsetzen unerwuenscht.Das passt dann schon sehr gut in die Idee vom 'Traum der EU'.
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Schicksalswahl in Griechenland

Zum Autor
  • Angelos Kovaios ist einer der führenden Leitartikler der Athener Wochenzeitung "To Vima". Der Politik-Redakteur schreibt oft auf der Seite 2 der Sonntagsausgabe. Er gilt als aufmerksamer Beobachter der griechischen Politik und gehört zu denjenigen, die das politische Chaos nach den Wahlen am 6. Mai voraussagten. Kovaois besuchte die Eberhard-Karls-Universität Tübingen und die Deutsche Schule in Athen.