Entscheidung in Griechenland: Die Wahl der Angst
Griechenland liegt politisch und wirtschaftlich am Boden, die Stimmung ist übel - und am Sonntag wird gewählt. Meinungsforscher prognostizieren einen Zusammenschluss der konventionellen Kräfte. War die Triebfeder bei der Wahl im Mai noch die Wut, ist es nun die Angst.
Es sind äußerst kritische Wahlen: Den drohenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Zusammenbruch im Blick, geht Griechenland am kommenden Sonntag an die Urnen. Während gewalttätige Ausschreitungen in Gesellschaft und Politik die Lage noch verschärfen, bilden die Wirtschaftsdaten den erdrückenden Rahmen, in dem die Regierung funktionieren muss, die aus der Wahl hervorgeht.
Das Land befindet sich im Grunde in einem Zustand internationaler wirtschaftlicher Isolation.
- Die großen Versicherungshäuser haben ihre Leistungen für die Einfuhren nach Griechenland eingestellt, während die Unternehmen enormem Druck ausgesetzt sind, weil sie ihre Einfuhren bar bezahlen müssen.
- Die Gefahr eines Mangels an Rohstoffen, Arznei- und sogar Lebensmitteln ist bereits spürbar. Es braucht schnelle Maßnahmen zur Problembekämpfung. Auf die griechischen Betriebe kommen enorme Probleme wegen des Rohstoffmangels zu, weil ihre Produktion von den Einfuhren abhängt.
- Im Energiebereich steht das Land vor dem Abgrund, weil keine Kredite mehr vergeben werden. Und Griechenland läuft Gefahr, wegen des internationalen Embargos gegen Teheran nicht einmal Zugang zum iranischen Markt zu haben.
- Gleichzeitig halten internationale Akteure aus Wirtschaft und Politik den Austritt des Landes aus der Euro-Zone für immer wahrscheinlicher, und die Isolierung zeigt sich auch bei den immer öfter auf Eis gelegten Handelsgeschäften und Abkommen in Tourismus, Handel und Transport.
- Gleichzeitig treffen die multinationalen Unternehmen, die noch im Land tätig sind, ihre Maßnahmen und stellen nur sehr geringe liquide Mittel zur Verfügung.
Vor diesem Hintergrund und angesichts der zugespitzten Lage in Gesellschaft und Politik - man denke an die Gewaltakte unter Politikern, die vergangenen Donnerstag in einer TV-Übertragung zu sehen waren, oder den Fall der Selbstjustiz in Paiana (wo ein 15-Jähriger einen Einbrecher tötete, um seine Familie zu schützen) - weisen politische Analysten und Meinungsforscher entschieden darauf hin: Kommenden Sonntag wird die "Stimme der Angst" vorherrschen, und die "Stimme des Zorns" wird weichen.
Die meisten Meinungsforscher haben bereits Daten darüber gesammelt, wohin die Wähler am 17. Juni tendieren. Es bleibt aber offen, inwiefern die Attacke des Politikers der rechtsextremistischen Partei "Goldene Morgenröte" auf (die kommunistische Abgeordnete) Liana Kanelli sich auf das Ergebnis auswirkt.
Analysten sehen Zusammenschluss der "konventionelleren politischen Kräfte"
Der Leiter eines der größten Meinungsumfrage-Institute äußert ernsthafte Bedenken, ob die Ereignisse der vergangenen Woche überhaupt eine nennenswerte Wirkung haben werden. Denn im Vergleich zu ihren (fast) sieben Prozent vom 6. Mai verzeichnet die "Goldene Morgenröte" bereits einen Rückgang der Stimmen. Demnach kann die einzig mögliche katalytische Wirkung nur die Frage betreffen, ob die neofaschistische Formation ihre Stellung im Parlament behaupten kann oder ob sie so große Verluste hinnehmen muss, dass sie draußen bleibt.
Nach der vorherrschenden Einschätzung der Analysten und Meinungsforscher wird es kommenden Sonntag zu einem größeren Zusammenschluss der "konventionelleren politischen Kräfte" kommen, zu denen sie auch die Syriza-Partei zählen. Sie ist nun Teil des politischen Dipols, der sich im Land herausbildet.
Alle Meinungsforscher sind sich zudem einig, dass die Zeichen politischen Zerfalls höchstwahrscheinlich den dominanten Parteien der letzten Wahl noch mehr Zulauf bringen werden, während parallel ein "Wähler-Austausch" zwischen kleineren oder extremistischen Parteien stattfinden wird. Die Folge wird wahrscheinlich sein, dass einige von ihnen nur schwer ins nächste Parlament kommen.
Ein Analyst sagt: "Bis zum Donnerstag dachten wir, dass die vielleicht verletzlichere Partei die der Unabhängigen Griechen sei. Als gleichermaßen verletzlich müssen wir jetzt aber auch die 'Goldene Morgenröte' betrachten, deren Wähler ohnehin weniger homogene Merkmale haben."
Aus dem Griechischen von Maria-Theresia Kaltenmaier und Alexandra Pavlou
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- Dienstag, 12.06.2012 – 17:27 Uhr
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- Am 17. Juni wird in Griechenland ein neues Parlament gewählt - wer kommt in Athen an die Macht, wie ist die Stimmung, was wird aus dem Euro? In Kooperation mit presseurop veröffentlicht SPIEGEL ONLINE bis zur Wahl Kommentare und Analysen griechischer Journalisten.
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- Angelos Kovaios ist einer der führenden Leitartikler der Athener Wochenzeitung "To Vima". Der Politik-Redakteur schreibt oft auf der Seite 2 der Sonntagsausgabe. Er gilt als aufmerksamer Beobachter der griechischen Politik und gehört zu denjenigen, die das politische Chaos nach den Wahlen am 6. Mai voraussagten. Kovaois besuchte die Eberhard-Karls-Universität Tübingen und die Deutsche Schule in Athen.

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