Griechenlands Baby-Dilemma: Kinder? Später! Vielleicht.

Aus Athen berichtet Manfred Ertel

Unsicherheit und Angst überschatten die Nachwuchsplanung in Griechenland. Die Geburtenrate stagniert auf einem Tiefstand, die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nimmt dagegen dramatisch zu. Die Schuldenkrise verstärkt diesen Trend noch.

Spielplatz bei Athen: Krise ist keine gute Zeit zum Kinderkriegen Zur Großansicht
REUTERS

Spielplatz bei Athen: Krise ist keine gute Zeit zum Kinderkriegen

Für das bunte Kinderparadies mit Rutsche und Klettergerüst in der Athener Shoppingmall "Avenue" hat Asbassia, 32, keinen Blick übrig und auch nicht für die tobenden Kleinen. Kinder sind nicht ihre Welt. Noch nicht, vielleicht auch nie. "Uns läuft die Zeit davon", sagt sie, und das ist in jeder Beziehung sinnbildlich gemeint.

Zusammen mit ihrem Mann Vangelis, 37, ist sie in die Einkaufspassage im gutbürgerlichen Stadtteil Maroussi geeilt, um in einer kleinen Kaffeepause über das große Thema Kinderkriegen zu reden. "Unsicherheit ist ein konstanter Faktor", sagt er, "ich kann Kindern nie mehr die finanziellen Rahmenbedingungen bieten, wie ich sie mir eigentlich vorstelle."

Seit zehn Jahren sind Asbassia und Vangelis ein Paar, seit fünf Jahren auch vor Kirche und Staat. Eigentlich wollten sie längst Kinder haben, so hatte zumindest Vangelis sich das vorgestellt, er ist der Optimist in der Beziehung. Zwei Kinder hätte er gern, sie wollte vielleicht sogar drei - aber eben nur vielleicht. "Selbstverständlich werden wir Kinder haben", sagt er auch jetzt noch, laut und bestimmt. Doch wenn er danach leise einräumt, dass er manchmal schon "etwas ins Grübeln kommt, ob wir finanziell dazu in der Lage sind", dann klingt seine Zuversicht etwas wie das Pfeifen im Walde.

"Ich darf ja nicht nur egoistisch denken", sagt Asbassia, "ich muss an die Zukunft meines Kindes denken". Und dann sagt sie noch, dass sie keinesfalls Pessimistin ist, "aber Realistin".

Bei der Geburtenrate zählt Griechenland zu den Schlusslichtern Europas

Das Paar steht stellvertretend für eine ganz Generation von Griechen, die sich schwer tut mit der Familienplanung. Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst - Nachwuchsplanung in Zeiten der Wirtschaftskrise, in einem Land, das buchstäblich am Boden liegt, da werden sogar Traditionen wie die der sprichwörtlichen Kinderliebe über Bord geworfen.

Um Kosten zu sparen wurden im staatlichen und kommunalen Erziehungssystem Kitas und Schulen zusammengelegt. Im Bereich der Babykrippen, Kindergärten und Vorschulen wurden massiv Stellen mit Zeitverträgen gestrichen. Die Folge: Es gibt immer weniger Plätze. So soll es etwa in der 100.000-Einwohner-Stadt Halandri nahe Athen künftig nur noch 400 Plätze in kommunalen Kindergärten geben - bisher waren es 900. In Zeiten, in denen beide Teile eines Paares arbeiten gehen müssen, um über die Runden zu kommen, ein Riesenproblem.

So werden griechische Frauen immer später Mutter, wenn überhaupt. 1975 waren die Helleninnen bei der Geburt ihres ersten Kindes durchschnittlich 25,9 Jahre alt, 2009 waren sie bereits 31,1 Jahre - Asbassia ist schon darüber hinaus.

Die Geburtenrate lag 2010 mit 1,5 zwar knapp besser als noch vor zehn Jahren - da betrug sie 1,25. Für dieses Jahr werden 1,38 erwartet. Geblieben ist, dass Griechenland damit nach wie vor zu den Schlusslichtern Europas zählt. Dabei gibt es 17 Wochen bezahlten Mutterschutz und anschließend noch bis zu sechs Monate Mutterschaftsurlaub. Das Kindergeld ist dagegen eher gering: 8,22 Euro für das erste Kind, für zwei Kinder gibt's 24,65 Euro.

Zu den Europameistern gehören die Griechen allerdings bei den Abtreibungen. Vor zehn Jahren lag die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei 200.000 - bei einem Volk von elf Millionen Einwohnern. Vassilis Tarlatzis, Gynäkologie-Professor aus Thessaloniki, sprach sogar von einem "Weltrekord" und rechnete aus, dass 140 Abtreibungen auf 1000 griechische Frauen kamen. Inzwischen wird die Zahl der Abbrüche von Experten sogar auf bis zu 300.000 jährlich geschätzt, gesicherte Statistiken liegen nicht vor.

Sicher ist nur, dass die Voraussetzungen zur Familienplanung seit Jahren schlecht sind und im Angesicht der Schuldenkrise und des drohenden Staatsbankrotts fast täglich schlechter werden.

Keine gute Zeit zum Kinderkriegen

Über 21 Prozent der Griechen haben einen Hochschulabschluss, aber die Zukunftschancen sind miserabel. Experten sprechen von einer "700-Euro-Generation", die sich - Studium hin, Studium her - seit Jahren mit Zwölf-Stunden-Jobs pro Woche begnügen muss, für rund acht Euro die Stunde und befristet auf wenige Monate. Viele junge Griechen müssen bis weit über das 30. Lebensjahr hinaus bei den Eltern wohnen, um über die Runden zu kommen.

Die radikalen Sparauflagen haben die Lage noch einmal dramatisch verschlechtert. Unter den 15- bis 24-Jährigen lag die Arbeitslosigkeit zum Jahresbeginn bei 42,5 Prozent, bei den 25- bis 34-Jährigen erreichte sie 22,6 Prozent - und das sind nur die offiziellen Angaben.

Keine gute Zeit zum Kinderkriegen. "Natürlich haben wir Angst, intensiv sogar," sagt Asbassia. Dabei sind sie und ihr Mann Vangelis Malis noch vergleichsweise gut dran. Die studierte Anglistin ist in einer Baufirma untergekommen, die vor allem auf öffentliche Projekte spezialisiert ist. Ihr Mann, studierter Wirtschaftswissenschaftler, arbeitet in der Finanzabteilung eines anderen Bauunternehmens.

"Wenn du deine Arbeit verlierst, findest Du keine neue, das ist das Problem"

Zusammen bringen sie monatlich knapp 2500 Euro netto nach Hause. Sie wohnen in einem eigenen kleinen Haus auf rund 80 Quadratmetern, Platz für Kinder wäre im ersten Stock, der noch gebaut werden muss. Für Haus und Grundstück müssen sie allerdings rund 1000 Euro im Monat abstottern. Und Einkommenszuwächse sind nicht in Sicht, schon eher eine Krise auch in der Bauindustrie.

Gesetzliche Gehaltserhöhungen von zwei bis drei Prozent gibt es schon seit Jahren nicht mehr und berufliche Alternativen auch nicht. "Hier werden dauernd Leute entlassen", sagt Asbassia. "Und wenn du deine Arbeit verlierst, findest Du keine neue, das ist das Problem", sagt ihr Mann.

Ob sie sich unter diesen Umständen überhaupt Kinder leisten können? "Ich glaube ja," sagt Vangelis, der Optimist bricht wieder durch. "Mit 46 werde ich mein eigenes Haus haben" und auch Kinder, glaubt er, zwei, so wie es immer sein Wunsch war.

Seine Frau, deutlich leiser, hofft zumindest auf eins. "Die Griechen haben das Ideal der Familie auch in den schlimmsten Zeiten immer sehr hochgehalten", sagt sie und legt, wie zur Beruhigung, die Hand auf seinen Oberschenkel: "Das Bestreben, eine Familie zu gründen und ein Nest zu bauen, gab es immer".

Dann stehen die beiden auf und eilen zurück, zurück an den Arbeitsplatz. Denn ohne den geht gar nichts.

Mitarbeit: Ferry Batzoglou

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Maxom 31.07.2011
Tja, jetzt wo die Subventionen fürs Kindermachen weg fallen gibts "plötzlich" weniger Kinder. Also haben die Leute wohl hauptsächlich aus finanziellen Gründen Kinder bekommen. Gut dass solche Leute das nun nicht mehr tun!
2. Seelenverwandschaft
Transmitter 31.07.2011
Zitat von sysopUnsicherheit und Angst überschatten die Nachwuchsplanung in Griechenland. Die Geburtenrate stagniert auf einem Tiefstand, die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nimmt dagegen dramatisch zu. Die Schuldenkrise verstärkt diesen Trend noch. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,774678,00.html
Oha! Ich wusste gar nicht, dass ausgerechnet die Griechen uns so nahe sind. Da am Mittelmeer geht es ja genau so wie hierzulande ab! Der einzige Unterschied: Die Griechen haben wirkliche Existenzsorgen; die Deutschen ängstigen sich wegen Umweltzerstörung und der Atomgefahr zu Tode.
3. Ελλάδα άτεκνος
ekel-alfred 31.07.2011
Zitat von sysopUnsicherheit und Angst überschatten die Nachwuchsplanung in Griechenland. Die Geburtenrate stagniert auf einem Tiefstand, die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nimmt dagegen dramatisch zu. Die Schuldenkrise verstärkt diesen Trend noch. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,774678,00.html
Ach Du Schreck! Die Griechen bekommen keine Kinder mehr! Wer soll denn dann jemals die Schulden zurück zahlen? Unser Geld sehen wir nie wieder....... Ironiemodus aus.
4. wtf !?
clonck 31.07.2011
Zitat von MaxomTja, jetzt wo die Subventionen fürs Kindermachen weg fallen gibts "plötzlich" weniger Kinder. Also haben die Leute wohl hauptsächlich aus finanziellen Gründen Kinder bekommen. Gut dass solche Leute das nun nicht mehr tun!
Da fehlen mir fast die Worte. Was ist das denn für ein assoziales, ignorantes Statement? Wenn Sie ernsthaft glauben, dass Menschen in Griechenland oder sonstwo Kinder zeugen um einen finanziellen Vorteil aus staatlichen Förderungen zu erhalten, sollten Sie mal einen Psychologen aufsuchen. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte, in der BRD haben wir das gleiche Phänomen der Kinderarmut. Ich persönlich bin Teil davon. Ich wollte immer Kinder, aber aufgrund der wirtschaftlichen und beruflichen Unsicherheiten der letzten Jahre habe ich diesen Wunsch immer weiter verschieben müssen. Ich kann daher die Griechen sehr gut verstehen, dass Sie keine Kinder mehr in diese Welt setzen wollen, in der es nur noch um das Schultern von Schulden und die Rendite einiger weniger geht.
5. Und wenn sie
nataliadirks@gmail.com 31.07.2011
Zitat von clonckDa fehlen mir fast die Worte. Was ist das denn für ein assoziales, ignorantes Statement? Wenn Sie ernsthaft glauben, dass Menschen in Griechenland oder sonstwo Kinder zeugen um einen finanziellen Vorteil aus staatlichen Förderungen zu erhalten, sollten Sie mal einen Psychologen aufsuchen. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte, in der BRD haben wir das gleiche Phänomen der Kinderarmut. Ich persönlich bin Teil davon. Ich wollte immer Kinder, aber aufgrund der wirtschaftlichen und beruflichen Unsicherheiten der letzten Jahre habe ich diesen Wunsch immer weiter verschieben müssen. Ich kann daher die Griechen sehr gut verstehen, dass Sie keine Kinder mehr in diese Welt setzen wollen, in der es nur noch um das Schultern von Schulden und die Rendite einiger weniger geht.
glauben, das dem nicht so ist sollten sie sich mal an einem x beliebigen Vormittag in meinem Berliner Stadtteil Siemensstadt in ein Cafe setzen und den nicht erwerbstätigen Müttern und Vätern bei ihren Gesprächen zuhören. Da werden sie aber die Ohren anlegen wieviele Kinder nur und ausschließlich gezeugt werden um Stütze abzugreifen und nicht arbeiten gehen zu müßen. Einfach mal n Ohr an den Nachbartisch hängen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Baby-Dilemma
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 86 Kommentare
  • Zur Startseite
Serie: Das Baby-Dilemma

Warum kriegen Amerikanerinnen mehr Kinder als Deutsche? Treten die Griechinnen in der Krise in den Gebärstreik? SPIEGEL ONLINE blickt in die Ferne und stellt in einer Serie Familien aus aller Welt vor - ihre Wünsche, über Bord geworfene und neu gefasste Pläne, ihre Traditionen und Zwänge.


Geburtsrate pro Frau in ausgewählten Ländern
Land 2011* 2009 2005 2000
Niger 7,60 7,1 7,3 7,5
Uganda 6,69 6,3 6,6 6,8
Pakistan 3,17 3,9 4,2 4,7
USA 2,06 2,1 2,1 2,1
Großbritannien 1,91 2,0 1,8 1,6
Norwegen 1,77 2,0 1,8 1,9
Deutschland 1,41 1,4 1,3 1,4
Italien 1,39 1,4 1,3 1,3
Griechenland 1,38 1,5 1,3 1,3
Hongkong 1,07 1,0 1,0 1,0
Macau 0,92 1,0 0,9 0,9
Quelle: Weltbank
*Geschätzt. Quelle: CIA The World Factbook
Die Uno-Kinderrechtskonvention

Alle Staaten mit Ausnahme der USA und Somalia haben die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet. In Deutschland ist die Konvention seit 1992 in Kraft, die Kohl-Regierung hatte die Erklärung jedoch nur mit Vorbehalten unterschrieben. In dem Dokument sind Standards zum Schutz von Kindern und Jugendlichen weltweit festgelegt. Besonders ihr Wohl wird in der Kinderrechtskonvention betont.

Wesentliche Grundsätze der 54 Artikel umfassenden Erklärung zielen auf

  • - Überlebens- und Entwicklungschancen von Kindern
  • - Nichtdiskriminierung
  • - Wahrung der Interessen von Kindern
  • - Beteiligung von Kindern und Jugendlichen

REUTERS
Kalimera, Griechenland-Fans! Das Krisenland am Mittelmeer ist bei deutschen Urlaubern so beliebt wie eh und je. Doch wie gut kennen Sie sich aus in der Heimat von Göttern, Gyros und Generalstreiks? Testen Sie Ihr Wissen im SPIEGEL-ONLINE-Quiz

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Griechenland-Reiseseite