Griechenlands Schuldendilemma: Das gedemütigte Volk

Hellas liegt am Boden, nicht nur finanziell, sondern auch moralisch - das Volk fühlt sich von Europa und besonders den Deutschen gedemütigt. So lautet der drastische Befund des Journalisten Georgios Delastik. Egal, wer regiert - für ihre Politiker empfinden die Griechen nur Verachtung.

Passantin in Athens Innenstadt: "Niemand respektiert die Regierung" Zur Großansicht
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Passantin in Athens Innenstadt: "Niemand respektiert die Regierung"

Die Europäer glauben, dass Griechenlands Hauptproblem derzeit seine Staatsfinanzen, insbesondere seine hohen Staatsschulden sind. Das ist ein Fehler. Sie haben nicht verstanden, dass die Krise in Griechenland komplexer und sehr viel tiefgreifender ist.

In Griechenland haben wir es vor allem mit einer wirtschaftlichen und sozialen Krise zu tun. Die Gehälter und Renten der Griechen im privaten und öffentlichen Sektor sind in den Keller gefallen, sie sind um mindestens 20 oder 30 Prozent zurückgegangen. Die Arbeitslosigkeit ist auf über 17 Prozent geklettert - so hoch war sie zuletzt in den sechziger Jahren, als Hunderttausende hungernde Griechen ausgewandert sind, um zu überleben.

Griechenland steckt außerdem in einer nationalen Krise - und in einer Beziehungskrise mit der EU. In den Augen der Griechen führen sich die europäischen und vor allem die deutschen Politiker verächtlich und hochnäsig gegenüber Griechenland auf. Die Griechen fühlen sich national gedemütigt. Das führt zu Widerstand. Im Bewusstsein der Griechen hat sich die EU von einem idealen Partner der Völker auf dem alten Kontinent in eine feindliche Besatzungsmacht verwandelt.

Angesichts der führenden Rolle Deutschlands im europäischen Einigungsprozess richten die häufig verächtlichen Äußerungen deutscher Politiker, die Griechenland als Land mit eingeschränkter Souveränität bezeichnen, gewaltigen Schaden an.

Keine griechische Regierung wird sich durchsetzen können

Millionen Griechen sehen mittlerweile die EU als das "Vierte Deutsche Reich" an. Das sehen nicht nur Journalisten, Akademiker, Schauspieler oder einfache Bürger in Griechenland so. Sogar der amtierende Finanzminister Evangelos Venizelos gab im Juni zu, dass Griechenland unter "finanzpolitischer Besatzung" stehe.

Die Europäer sind von Georgios Papandreou und seiner Regierung enttäuscht, weil er unfähig war, die Vereinbarungen mit der EU in Griechenland umzusetzen. Das stimmt zwar. Aber keine griechische Regierung könnte eine derartige Politik umsetzen. Das liegt nicht an deren Unfähigkeit, sondern an der Verweigerungshaltung des griechischen Volkes.

Papandreou und seine Regierung sind im Empfinden der Bevölkerung deswegen gescheitert, weil er als Verbündeter der Besatzungsmächte in unserem Land gilt. Nicht selten wird Papandreou von seinen Kritikern "Tsolakoglou" genannt - so hieß der griechische Premier, der im Zweiten Weltkrieg mit der deutschen Besatzung kollaborierte.

Keine Regierung zuvor hatte beim griechischen Volk ein so geringes Ansehen wie die Papandreous. Die Verachtung im Volk ist derart groß, dass sich die Abgeordneten nicht mehr trauen, sich auf der Straße blicken zu lassen. Sie werden von den Leuten öffentlich beschimpft, sie werden mit Joghurt, Tomaten und Eiern beworfen, viele würden sie gern mit Faustschlägen traktieren.

Niemand in Griechenland respektiert die Regierung und das Parlament. Das politische System und die demokratischen Institutionen werden verachtet.

Die Beschäftigten im öffentlichen Dienst erheben sich gegen die Regierung. Ministerien werden von den Beschäftigten besetzt, Finanz- und Zollämter haben ihre Arbeit niedergelegt. Der gesamte Staatsapparat ist in eine Starre verfallen. Die Regierung Papandreou hat zudem die politische Kontrolle über die Streitkräfte verloren. Dies bedeutet freilich nicht, dass das Land auch nur im Geringsten vor der Gefahr eines Militärputsches steht.

Den Griechen stehen harte Jahre bevor

Die europäischen Führer glauben offenbar, dass die Bildung einer Koalitionsregierung aus der sozialistischen Pasok und der konservativen Nea Dimokratia die Situation in Griechenland beruhigen könne. Das ist abermals ein Fehler.

Die Bürger werden diese Regierung genauso hassen wie die Regierung Papandreou. Die Bildung dieser Regierung resultiert aus der Erpressung von Angela Merkel, Nicolas Sarkozy, der EU und dem IWF, die damit drohen, andernfalls die nächste Tranche der Kredite nicht zu überweisen.

Die kurzlebige Regierung aus der Pasok und der Nea Dimokratia wird im Parlament alle Abkommen mit der EU und dem IWF verabschieden, die den Lebensstandard der Griechen ins Bodenlose stürzen und die Hellenen für mindestens zehn Jahre der Armut preisgeben.

Die Griechen wollen nicht nur einfach eine andere Regierung. Sie wollen eine andere Politik.

Auf gesellschaftlicher Ebene werden sich die Demonstrationen und Protestaktionen nicht nur fortsetzen, sie werden wahrscheinlich Stück für Stück immer gewaltsamer werden. Die Parteien werden zunehmend die Kontrolle über die verzweifelten griechischen Bürger verlieren.

Auf die Griechen warten sehr harte Jahre. Harte Jahre kommen aber auch auf ganz Europa zu. Denn die EU läuft Gefahr, sich aufzulösen, wenn sie nicht die politische Fahrtrichtung ändert.

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1. ....
Der zu spät geborene, 10.11.2011
Ja ne is klar, die bösen, bösen Deutschen. Vllt. gibts ja noch paar Milliarden wenn wir besonders jammern? Kriegsschuld und so? Abgesehen davon, ist die Situation der griechischen Normalos wirklich nicht lustig. Hier auf demokratische Weise abhilfe zu schaffen ist aber eben das Problem und die Aufgabe der dortigen Bürger. So wie es unsere Pflicht wäre, die Volksverräter der etablierten Parteien die uns seit Jahrzehnten an die Großkapitalisten verkaufen, demokratisch loszuwerden. Leider haben sich bisher keinerlei WÄHLBARE Alternativen gebildet. Die Politik allerdings bereitet brandgefährlichen Gestalten den Boden. Ich kann gar nicht soviel Fressen....
2. Ursache und Wirkung...
alfredo42 10.11.2011
werden hier wohl verwechselt. Dass Griechenland im Schuldensumpf erstickt ist ja zuerst einmal seine eigene Verantwortung und nicht die von EU bzw. Deutschland. Und wenn tatsächlich Korruption, Steuerhinterziehung etc. landesweit üblich sind und waren, ist das schon die Verantwortung aller und nicht nur der griechischen Politiker oder Oberschicht. Von daher ist für mich die aktuelle, trotzige Verweigerungshaltung nicht nachvollziehbar. Was erwarten die griechischen Protestierer? Dass alles es so weitergeht wie bisher?
3. Die Verachtung ...
47/11 10.11.2011
... für Politiker ist in Deutschland zwischenzeitlich nicht geringer als in Griechenland . Das könnte eigentlich zu einer Solidarisierung führen, mit dem Ziel einer politischen Erneuerung . Das wäre doch eine dankbare Aufgabe für grichischsprechende Foristen !
4. Ein Volk haftet für die Politiker
Stefan Neudorfer, 10.11.2011
Ein Volk haftet für die Politiker die es wählt. Das mag nciht gefallen, aber ist nun mal so. Aber man haftet nicht nur für die Politiker, sondern auch für sich selber. Steuerhinterziehung und Bestechung in Griechenland total normal und auch das man die EU betrügt nach Strich und Faden. Irgendwann muss man lernen das es so nicht weiter geht. Wobei auch wir nachdenken müssen ob bei uns alles OK ist. Unser Schuldenberg in der BRD ist auch nicht klein und was machen wir dagegen?
5. aha!
Eldani, 10.11.2011
Zitat von sysopHellas liegt am Boden, nicht nur finanziell, sondern auch moralisch - das Volk fühlt sich von Europa und besonders den Deutschen gedemütigt. So lautet der*drastische Befund des Journalisten Georgios Delastik. Egal, wer regiert - für ihre Politiker empfinden die Griechen nur Verachtung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,796542,00.html
merkwürdig, ... in einem Land nördlich der Alpen, der bekannten Bananenrepublik Teuschland, geht es doch der Bevölkerung genau so.
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Zum Autor
  • Georgios Delastik, 59, ist Journalist der Athener Tageszeitung "Ethnos" und Buchautor. Er gilt als einer der führenden Experten für Internationale Politik in Griechenland. Er beherrscht zwölf Fremdsprachen.

Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fotostrecke
Neustart in Griechenland: Papandreou geht