Griechische Briefbombenserie Terrorpost aus einem gebeutelten Land

Briefbomben an Staatschefs, Sprengsätze in Botschaften - die griechische Extremistenszene überzieht Europa mit einer Serie von versuchten Anschlägen. Offenbar geht es den Terroristen auch darum, die eigene Regierung zu destabilisieren.

Sicherheitskräfte in Athen: Briefbombenserie hält Griechenland in Atem
REUTERS

Sicherheitskräfte in Athen: Briefbombenserie hält Griechenland in Atem


Eine Serie von Briefbomben aus Griechenland schockiert Europa, doch für Jannis Merkouris beginnt dieser milde Mittwochmorgen nach gewohntem Muster: Er sortiert die Ware in seinem Kiosk im Zentrum Athens. Der Berufsverkehr schiebt sich durch die pulsierende Vier-Millionen-Metropole zu Füssen der Akropolis.

Alles scheint wie immer. Doch spätestens beim Lesen der Zeitungs-Schlagzeilen wird klar, dass dies kein gewöhnlicher Morgen ist. In großer Aufmachung berichten die Blätter über die spektakuläre Paketbomben-Serie, die seit Montag nicht nur Griechenland in Atem hält.

In Athen wurden in den vergangenen Tagen insgesamt elf Sprengsätze gefunden, die an ausländische Botschaften, an Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sowie auch an den Europäischen Gerichtshof und an die europäische Polizeibehörde Europol adressiert waren. Eine weitere aus Griechenland stammende und an Angela Merkel adressierte Paketbombe musste im Berliner Bundeskanzleramt unschädlich gemacht werden. Ein 13. Sprengsatz, der an Italiens Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gerichtet war, wurde am Dienstagabend auf dem Flughafen von Bologna entdeckt.

Bomben in Büchern und Aktenordnern

Die Pakete wurden laut Polizei von drei Absendern aufgegeben. Die Bomben waren demnach in ausgehöhlten Büchern und leeren Aktenordnern versteckt. Ersten Untersuchungen zufolge enthielten sie Schwarzpulver aus Feuerwerkskörpern. Das Bundeskriminalamt kündigte an, Ermittler nach Athen zu schicken. Sie sollen mögliche Ergebnisse der Vernehmungen von Verdächtigen auswerten und mehr über die Bauart der Bomben herauszufinden.

Auch der internationale Frachttransport ist betroffen. Deutschland will noch in diesem Jahr schärfere Luftfrachtkontrollen in der Europäischen Union durchsetzen. Eine Arbeitsgruppe soll den EU-Staats- und Regierungschefs bis Dezember konkrete Vorschläge unterbreiten.

Die griechischen Behörden stoppten am Dienstagabend vorsorglich für zwei Tage den internationalen Postverkehr von Griechenland aus. Kurierdiensten und den Behörden soll damit mehr Zeit für die Überprüfungen von Sendungen gegeben werden. Polizeisprecher Thanassis Kokkalakis sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Behörden hätten den Kurierdienste dazu Sicherheitshinweise gegeben.

"Die Demokratie lässt sich nicht terrorisieren"

Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou verurteilte die versuchten Anschläge als "verantwortungslose und waghalsige Taten". "Die Demokratie lässt sich nicht terrorisieren", sagte er. Die Polizei hat eine Fahndung nach fünf Verdächtigen eingeleitet. Die Ermittler veröffentlichten am Mittwoch Fotos der Männer im Alter von 21 bis 30 Jahren, die der linksextremen Szene (siehe Kasten unten) zugerechnet werden.

Griechenlands Linksextreme
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Die radikalen Gruppen
Die wichtigsten Autonomengruppen des Landes heißen "Revolutionärer Kampf", "Konspiration der Zellen des Feuers", "Volksaktion" und "Sekte der Revolutionäre". Vertreter haben sich zu mehreren Attentaten in den vergangenen Monaten bekannt und sich in ihren Bekennerschreiben als "Stadtguerilla" bezeichnet, die den Sturz des Systems erzwingen wolle.

Die Autonomen kritisieren die Sanierungspolitik der Regierung des überschuldeten Staates sowie die Sparforderungen der EU; auch gegen Kanzlerin Angela Merkel wurde gehetzt.

Die Polizei glaubte, "Revolutionärer Kampf" und "Konspiration der Zellen des Feuers" größtenteils zerschlagen zu haben - in den vergangenen sechs Monaten waren zehn ihrer mutmaßlichen Mitglieder festgenommen worden. Offenbar sind viele Mitglieder dieser Organisationen jedoch weiter aktiv.

Frühere Attentate
Seit Monaten verbreiten radikale griechische Autonome mit Mord und Bombenterror Angst und Schrecken. Als Auslöser der Gewalt gilt der Tod eines 15-Jährigen durch eine Polizeikugel im Dezember 2008 - seitdem kommt Athen nicht zur Ruhe. Allein 2009 zählten die Sicherheitskräfte 430 Vorfälle - bewaffnete Angriffe, Brandstiftungen, Bombenanschläge.

Am 17. Juni 2009 wurde ein Polizist ermordet. Die Täter gaben 20 Schüsse auf den Mann ab und flohen auf Motorrädern. Später bekannte sich die "Revolutionäre Sekte" zu dem Attentat.

Ende Oktober 2009 wurden bei einem Überfall auf eine Polizeiwache sechs Beamte angeschossen - es war ein Glück, dass alle den Angriff überlebten.

Am 27. Dezember 2009 richtete eine Bombe schwere Schäden am Gebäude einer Versicherung an.

Im Januar 2010 wurde ein Polizist angegriffen und lebensgefährlich verletzt - von schwer bewaffneten Extremisten.

Im März dieses Jahres kam ein 15-jähriger Afghane in Athen um, als ein Sprengsatz vorzeitig explodierte.

Im Juni detonierte eine Briefbombe in den Händen eines Sekretärs des griechischen Ministers für Öffentliche Ordnung - er kam dabei ums Leben.

Frühere Schießpulver-Paketsendungen
Gefährliche Päckchen mit Schießpulver waren in den vergangenen Tagen an zahlreiche Botschaften in Athen geschickt worden, auch aus Nicht-EU-Ländern. Eine an die deutsche Botschaft adressierte Paketbombe konnte kontrolliert gesprengt werden. Zwei Sprengsätze detonierten nach Polizeiangaben vor den Botschaften der Schweiz und Russlands. Verletzt wurde niemand; die Bomben hatten keine große Sprengkraft. Zwei weitere, an die bulgarische und die chilenische Vertretung adressierte Paketbomben wurden ebenfalls unschädlich gemacht.

Bereits am Montag waren in Athen mehrere Paketbomben gefunden worden. Eine an Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy adressierte Sendung wurde bei zwei festgenommenen Verdächtigen abgefangen, die der linksanarchistischen Szene in Griechenland zugerechnet werden.

Weitere Pakete waren an die Botschaften Mexikos, Belgiens und der Niederlande gerichtet. Bei der Explosion eines der Pakete in einer Filiale eines Kurierdienstes wurde eine Angestellte leicht an der Hand verletzt.

Ermittlerkreisen zufolge wurden alle neun Pakete am Montag abgeschickt. Demnach könnten die am Dienstag entdeckten Pakete von Komplizen der beiden am Vortag festgenommenen Männer abgeschickt worden sein. Einer der beiden Männer gilt als Mitglied der anarchistischen Gruppe "Verschwörung der Zellen des Feuers", die sich seit ihrem Auftauchen 2008 zu mehreren Sprengstoffanschlägen bekannt hat.

Die Behörden baten die Öffentlichkeit um Hinweise für die Festnahme der fünf Männer. Sie werden bereits seit Herbst 2009 wegen Mitgliedschaft in der anarchistischen Gruppe "Verschwörung der Zellen des Feuers" gesucht. Die Gruppierung hat sich seit ihrem Auftauchen 2008 zu mehreren kleineren Sprengstoff- und Brandanschlägen auf Regierungsgebäude sowie Büros und Privathäuser von Politikern bekannt.

Auf die Spur der Verdächtigen war die Polizei nach der Festnahme von zwei Männern am Montag gekommen. Bei den 22 und 24 Jahre alten Verdächtigen wurden zwei der Paketbomben gefunden, von denen eine an Frankreichs Präsident Sarkozy gerichtet war. Laut Polizei gehört einer der Festgenommenen, ein Chemie-Student, der Gruppe "Verschwörung der Zellen des Feuers" an. Der andere wird der anarchistischen Szene zugerechnet. Sie weigerten sich bisher Angaben zu ihrer Person zu machen und mit den Behörden zusammenzuarbeiten.

"Die totale Enttäuschung"

"Ach ja, die Paketbomben. An den Terror haben wir uns doch schon längst gewöhnt. Das ist das nichts Neues mehr für uns. Mich wundert nur, dass keine der Sprengsätze an ein amerikanisches Ziel gerichtet war", sagt Zeitungsverkäufer Merkouris. Es mag zynisch klingen - doch so wie er denken die meisten Hellenen.

Sie beschäftigt viel mehr die seit nunmehr zwei Jahren währende Wirtschafts- und Finanzkrise. Dem Mittelmeerland droht weiter der Staatsbankrott. Erst Mitte Oktober musste der größte EU-Schuldensünder sein Staatsdefizit für 2009 ein weiteres Mal anpassen. Nun soll sich der Fehlbetrag im Staatshaushalt des vorigen Jahres auf 15,4 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt belaufen.

"Der Durchschnittsgrieche empfindet die totale Enttäuschung, sieht keine Perspektive mehr für sich. Er hat das Vertrauen in das politische System verloren. Er glaubt nicht mehr daran, dass sein Land noch zu retten ist", sagt der Schriftsteller Petros Markaris.

Die Krise sehen linksextreme Gruppierungen als ihre Chance in einem Konflikt, der schon vor dem Ausbruch der Schuldenkrise begann. Eine erste große Gewaltwelle erschütterte das Land, nachdem im Dezember 2008 ein Polizist einen 15-Jährigen gezielt erschossen hatte. Wochenlang zerstörten Vermummte daraufhin Geschäfte und Banken in Athen und anderen griechischen Städten. Es war ein Fanal. Seither greifen immer mehr radikalisierte Griechen zur Waffe oder zu selbst gebastelten Bomben.

Im Januar 2009 wurde ein Polizist von schwer bewaffneten Extremisten angegriffen und lebensgefährlich verletzt, im Juni 2009 wurde ein Polizist ermordet. Es folgten mehrere Bombenanschläge auf Polizeistationen, einen Polizeibus, Banken und staatliche Einrichtungen. Am 27. Dezember 2009 richtete eine Bombe schwere Schäden am Gebäude einer Versicherung an. Im Juni dieses Jahres schließlich detonierte eine Briefbombe in den Händen eines Sekretärs des griechischen Ministers für Öffentliche Ordnung. Der Mann kam ums Leben. Für Schlagzeilen sorgte das bislang vor allem im eigenen Land.

"Sie wollen die Revolution"

Griechische Experten sind sich weitgehend einig: Eine homogene linksextremistische Szene gibt es nicht. Mehrere Gruppierungen sind aktiv. Sie tragen Namen wie "Volksaktion", "Revolutionärer Kampf", "Sekte der Revolutionäre". Oder eben "Verschwörung der Zellen vom Feuer", die hinter der aktuellen Serie von Briefbomben stecken soll.

"Die Paketbomben sind eine etablierte Terrorform. Sie kommt jetzt wieder zum Vorschein, weil andere Aktionen nicht mehr effizient genug sind", sagt Griechenlands führende Terror-Expertin Mery Bosi. Die Professorin an der Universität Piräus analysiert seit vielen Jahren die griechische Extremistenszene.

Beobachtern zufolge sind die griechischen Aktivisten gut mit dem Ausland vernetzt. Es findet ein reger Meinungs- und Informationsaustausch mit Gleichdenkenden statt. "Neu ist aber, dass sich die griechischen Terrorgruppen nunmehr dazu berufen sehen, eine Führungsrolle zu übernehmen", sagt Bosi.

Auf der anderen Seite sollen durch die Paketbomben-Aktion Gleichdenkende im Inland mobilisiert werden. "Die Terroristen wollen die Revolution. Und sie sind fest davon überzeugt, dass jetzt die Zeit dafür reif ist. Sie sind gegen alles. Gegen das politische System, gegen das Wirtschaftssystem, gegen ausländische Regierungen", sagt Bosi. "Wenn es zu Festnahmen wie vorgestern in Athen kommt, dann fühlen sich die Verhafteten als Helden."

Doch ist eine Revolution in Griechenland wirklich möglich? Der Schriftsteller Markaris ist skeptisch: "Dazu fehlt die Dynamik in der Gesellschaft. Es herrscht eine unglaubliche Passivität. Woher sollen diese Terrorgruppen Mitglieder rekruktieren? Die Jugendlichen sind die ganze Zeit im Internet auf der Suche nach einem Job im Ausland. Für Griechenlands Jugend lautet das Motto: Bloss weg hier"

Von Ferry Batzoglou mit Material von AFP und dpa

insgesamt 5 Beiträge
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unbestechlicher 03.11.2010
1. Netter Fake.
Ich halte es für einen Fake um neue Sicherheitskonzepte durchzusetzen. Kein Bild der Bombe? Durch fast alle Sicherheitsprüfungen? Glaube ich nicht. So etwas wurde bereits einige tage vorher bei Facebook angekündigt. Dort wurde gemeint das die Regierung vielleicht sogar einen Anschlan inzenieren würde. Und prompt kommt eine dubiose Briefbombe. Zu viele Zufälle in meinen Augen. Meine Meinung dazu.
Bhur Yham, 04.11.2010
2. Griechenland war der Anfang von Europa. Und vielleicht auch das Ende
Zitat von sysopBriefbomben an Staatschefs, Sprengsätze in Botschaften - die griechische Extremistenszene überzieht Europa mit einer Serie von versuchten Anschlägen. Offenbar geht es den Terroristen auch darum, die eigene Regierung zu destabilisieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,727118,00.html
Die Griechen sind eben immer schon fremdbestimmt gewesen. Mal von den Türken, mal von den Militärs. Jetzt von der EU, und diesmal scheint es richtig schlimm zu sein.
uli67 04.11.2010
3. ...
Zitat von sysopBriefbomben an Staatschefs, Sprengsätze in Botschaften - die griechische Extremistenszene überzieht Europa mit einer Serie von versuchten Anschlägen. Offenbar geht es den Terroristen auch darum, die eigene Regierung zu destabilisieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,727118,00.html
Und wieder der Beweis: Links- und Rechtsextreme sind im Prinzip das gleiche dumme Pack. Dieses Revolutionsgeschrei, dass hier im Forum ja auch immer wieder angestimmt wird. Man predigt Moral und geht über Leichen...
Asirdahan 04.11.2010
4. ohne
Wenn Terror ausgeübt wird, egal welcher Art, sind alle vernünftigen Menschen dagegen, ich auch. Aber ich möchte doch gern einmal die Frage beantwortet haben: Welcher Mittel soll sich jemand bedienen, der das Gefühl hat, ohnmächtig gegen die Machenschaften der Mächtigen zu sein. Es heißt, die Leute seien gegen alles, aber sie haben offensichtlich das Gefühl, alles sei gegen sie. Damit befinden sie sich zwar in einem Irrtum, aber heutzutage in unserer vernetzten Welt kann man nicht mehr feststellen, woher eigentlich die Übel kommen, man kann die Schuldigen einfach nicht ermitteln, nicht fassen, deshalb glaubt man sie überall am Werke. Ich möchte an die Geschichte von Michael Kohlhaas erinnern. Diesem Mann war arges Unrecht geschehen, und er hat alles Legal Notwendige getan, um Recht zu bekommen. Doch er scheiterte an den Mächtigen. Da wurde er zum Rechtsbrecher, und dann traf es neben den Schuldigen auch die Unschuldigen. Es gibt sehr viele Kohlhaas auf der Welt. Menschen, die aus ihrer Existenz geworfen werden und absolut nichts dagegen tun können. Die Wut darüber zerfrisst sie förmlich. Was rät man diesen Menschen? Zu dulden wie Hiob?? Terror ist nicht nur moralisch abzulehnen, er führt auch zu nichts. Mit Terror kann nichts aufgebaut werden. Aber eine Funktion hat er: er versetzt die Schwachen in die Situation: ich kann etwas tun, um meiner Wut, die mich krank macht, ein Ventil zu geben. Und von diesen Schwachen, die nicht gehört werden, gibt es leider viel zu viele. Dort sollte der Kampf gegen den Terror ansetzen.
Uexkuell 24.11.2010
5. Einseitige Aufladung des Terrorbegriffes
Ich heiße solche Aktionen nicht gut. Ich bin kein Befürworter der RAF. Ich heiße auch Gewalt nicht gut, sehe aber die Notwendigkeit der Gewalt als letztes Mittel. Ich setze das nur voran, weil ich befürchten muss, dass man mich sonst schnell missverstehen wird oder gar in eine politische Ecke bringen wird, in der ich als Konservativer gar nicht stehe. Aber mir mißfällt die einseitige Betrachtung des Terrors. Ich erinnere Sie nur daran, dass das Apartheids Regime (und die USA bis 2008) in Südafrika die ANC (deren bewaffneten Teil Nelson Mandela anführte) lange Zeit als eine terroristische Gruppe angesehen hat. Zu einer ähnlichen Bewertung wären auch Nationalsozialisten in der Lage gewesen, hätten sie sich dieses Wortes schon in der Form bedient. Die IRA von 1916 (!!!nicht!!! die !!!heutige IRA!!!) wurde als terroristische Gruppe eingestuft und verübte gezielte Attentate auf Personen und Personengruppen. Trotzdem sind Collins, de Valera usw. Staatsmänner geworden, obwohl sie sich am bewaffneten Kampf gegen das Vereinigte Königreich beteiligten. Es liegt hierbei eine Geschichte der Gewalterfahrung vor, die diesen Gruppen vorausgegangen ist. Das System, in dem sie lebten, übte Gewalt aus. Wer z.B. die irische Sprache benutzte, konnte gehängt werden. Repression und Gewaltausübung einer Besatzermacht oder Minderheit war ein systemerhaltendes Mittel. In dem vorliegenden Fall liegt aber keine Gewalterfahrung vor, weswegen viele Menschen dies unbeteiligt, wenn auch wütend hinnehmen. Sie resignieren eher und wer es noch kann, wird sich zu retten versuchen (wohin aber?). Es gibt allerdings eine Gruppe, die zuvor wohl schon Gewalterfahrung gemacht hat und aus diffusen Zusammenhängen eine Weltsicht bastelt, die eine Systemerneuerung nur durch das Mittel der Gewalt hergestellt sieht. Wie dieses System aussehen soll, ist hingegen eine offene Frage und meist sind diese Gruppen intellektuell gar nicht in der Lage dies zu definieren. Was sie bedient, ist vor allem die Frage der Verantwortung. Ich will bewußt das hohe Wort Gerechtigkeit meiden. Unglaubwürdig macht sich auch der Staat dann, wenn er diejenigen nicht zur Verantwortung zieht, die eine Krise mitverschuldet haben, die sie zum Teil bewußt in Kauf genommen haben und die in der Krise aus selbiger auch noch Profit schlagen und die Schädigung einer Mehrheit billigend in Kauf nehmen. Das zu untersuchen, kritisch zu begleiten, ist eine sehr hohe Aufgabe, weil es zu keiner Pauschalverurteilung kommen darf (gemäß dem Motto: Irren ist menschlich) und auch Bänker natürlich irren dürfen. Das ist Aufgabe der Behörden. Stichwort: Insiderhandel, ein klassisches Verbrechen im Finanzsektor. Gefordert ist daher auch eine Einsicht des Systems. Diese wird zum Teil jetzt durch Systemkräfte geleistet, zum Teil aber auch harsch ignoriert. Problematisch ist es insofern, dass es durchaus auch zu einer gewaltsamen Systemkorrektur kommen kann. Eigentlich darf sich das niemand wünschen und es müsste hier kräftig gegengewirkt werden.
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