Griechische Soldaten in türkischer Haft "Wir beten für ein Wunder"

Seit eineinhalb Wochen hält die Türkei zwei griechische Soldaten gefangen. Der Fall belastet das türkisch-griechische Verhältnis schwer. Angehörige verlieren die Hoffnung auf eine schnelle Lösung.

ALEXANDROS AVRAMIDIS

Aus Orestiada berichten und


Am Morgen des 2. März, gegen 11 Uhr, klingelte es bei Sofia Kouklatzis und ihrem Mann an der Tür. Ein Brigadegeneral und zwei Offiziere der griechischen Armee informierten die Eheleute, dass ihr Sohn Dimitris, ein griechischer Soldat, und ein Kamerad von der türkischen Polizei festgenommen worden seien, als sie auf einer Patrouille versehentlich die Grenze zur Türkei überquerten.

Die Männer versicherten den Eheleuten, dass kein Grund zur Sorge bestünde. Es sei nicht ungewöhnlich, dass sich Soldaten in das Nachbarland verirrten - gerade im Winter, wenn Schnee fällt und die Sicht schlecht ist. Die Türkei und Griechenland hätten solche Vorkommnisse bislang stets unaufgeregt geregelt. "In wenigen Tagen ist ihr Sohn zurück", sagten sie.

Inzwischen ist Kouklatzis anfängliche Erleichterung Panik und Verzweiflung gewichen. Es scheint, als wollte die türkische Regierung den Fall ihres Sohns nicht still lösen - als wollte sie den Skandal.

"In unseren Augen ist er ein Held"

Eineinhalb Wochen sind vergangen, seit Dimitris Kouklatzis, Feldwebel, 29 Jahre alt, und sein Kamerad festgesetzt wurden - und noch immer befinden sie sich in der türkischen Stadt Edirne im Gefängnis. Die Behörden werfen den Soldaten illegalen Grenzübertritt vor. Ein Gericht hat die Haft gerade erst verlängert.

Der Fall hält Griechenland in Atem. Die Medien senden in Dauerschleife Bilder, die die Soldaten in Handschellen zeigen. Kamerateams hatten sich zwischenzeitlich vor dem Haus der Kouklatzis in der griechischen Grenzstadt Orestiada aufgebaut. In der Wohnung der Familie steht das Telefon nicht mehr still. Politiker rufen an, Priester, Freunde, Verwandte, Journalisten. "Wir sind einfache Leute, die ein ruhiges Leben in einer Kleinstadt führten", sagt Sofia Kouklatzis. "Nun sind wir in diesen Sturm geraten."

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Familie eines Inhaftierten: Zwischen Hoffen und Bangen

Dimitris Kouklatzis hat bei seinen Eltern gewohnt. In seinem Zimmer hängen Militäruniformen im Schrank, Heiligenbilder überm Bett. Dimitris sei ein fröhlicher, freundlicher Junge gewesen, erzählt seine Mutter. Er habe viel Zeit mit Freunden verbracht, für den Fußballclub AEK Athen gefiebert. Vor allem aber habe er seinen Job als Soldat geliebt. Kouklatzis hat sich bereits mit 18 Jahren für die Armee verpflichtet. Er habe sich niemals über den Drill oder die langen Dienstzeiten beschwert", sagt Sofia Kouklatzis. "In unseren Augen ist er ein Held. Wir beten für ein Wunder."

Die Verhaftung von Kouklatzis und seinem Kameraden hat eine schwere Krise im türkisch-griechischen Verhältnis ausgelöst. Griechische Politiker befürchten, die Türkei könnte die beiden Soldaten als Geiseln gefangen halten, ähnlich wie zuvor den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel, um die Auslieferung mutmaßlicher türkischer Putschisten zu erzwingen.

Griechenland hat seine Sicherheitsvorkehrungen an der Landesgrenze zur Türkei verschärft. Premier Alexis Tsipras hat Uno, Nato und EU um Hilfe gebeten. Die türkische Regierung reagiert auf den Druck aus Athen so, wie sie fast immer reagiert, wenn es um politische Gefangene geht: Sie behauptet, die türkische Justiz sei unabhängig.

Historisch gewachsene Rivalität

Die Türkei und Griechenland sind Rivalen, seit sich die Griechen vom Osmanischen Reich losgesagt haben. Noch in den Fünfzigerjahren kam es zu Pogromen gegen griechische Minderheiten in der Türkei. Beide Staaten drohten einander immer wieder mit Militärschlägen.

Zuletzt sah es so aus, als würden sich die Türkei und Griechenland aufeinander zu bewegen. Tsipras nannte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan einen "lieben Freund" und versprach, sich für den EU-Beitritt der Türkei einzusetzen. Erdogan reiste im Dezember nach Athen. Es war der erste Besuch eines türkischen Präsidenten in dem Nachbarland seit 65 Jahren.

Seither jedoch haben sich die Beziehungen rapide verschlechtert. Ankara ist verärgert darüber, dass sich Griechenland weigert, Soldaten, die vermutlich an dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 beteiligt waren, an die Türkei auszuliefern. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu warf Griechenland vor, sich zu einem "sicheren Hafen" für Terroristen zu entwickeln. Tsipras bezeichnet die Türkei auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos als einen "aggressiven Nachbarn".

"Mögliche militärische Auseinandersetzung"

Mitte Februar kollidierte ein türkisches Schiff mit einem Boot der griechischen Küstenwache in der Ägäis. Griechische Politiker sprachen von einem gezielten Angriff. Die Festnahme der Soldaten könnte den Streit nun endgültig eskalieren lassen. In türkischen und griechischen Medien ist bereits von einer möglichen militärischen Auseinandersetzung die Rede.

Politiker beider Staaten würden den Konflikt instrumentalisieren, um nationalistische Wähler zu mobilisieren, sagt Fevzi Doruk Ergün vom Istanbuler ThinkTank Edam. Erdogan verfolgt vor den Präsidentschaftswahlen 2019 einen stramm-nationalistischen Kurs. Seine Partei, die AKP, ist gerade erst eine Allianz mit der rechtsextremen MHP eingegangen. Aber auch Tsipras will gegenüber der Türkei auf keinen Fall als nachgiebig erscheinen.

Sofia Kouklatzis hat ihren Sohn zuletzt am 4. März gesehen - im Hochsicherheitstrakt in Edirne. Sie presste ihre Hand gegen die Glasscheibe zwischen ihnen. Dimitris Kouklatzis lächelte und sagte: "Mach dir keine Sorgen, alles wird gut."



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