Grönland stimmt über Unabhängigkeit ab Auf Permafrost und Alkohol gebaut

Sie hoffen auf große Öleinnahmen - und eines Tages auf vollständige Unabhängigkeit: Die Bewohner der Eisinsel Grönland stimmen derzeit darüber ab, ob sie sich vom bisherigen Mutterland Dänemark weitgehend lösen wollen.

Stadt Ilulissat in Grönland (August 2007): "Probleme sind ein Erbe der Kolonialzeit"
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Stadt Ilulissat in Grönland (August 2007): "Probleme sind ein Erbe der Kolonialzeit"

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Das Geld für die große Sause ist schon eingeplant. Wenn die Eisinsel Grönland am 21. Juni 2009 ihre weitgehende Unabhängigkeit von Dänemark erklärt, dann will die Regierung von Premierminister Hans Enoksen ein Fest organisieren, wie es das dünn besiedelte Eiland noch nicht gesehen hat. Für die Party unter den Strahlen der Mitternachtssonne hat das Finanzkomitee der grönländischen Selbstverwaltung vor ein paar Tagen 1,5 Millionen dänische Kronen (rund 200.000 Euro) bereit gestellt - mit einigem Murren, weil das auf der vergleichsweise armen Insel viel Geld ist.

Vor dem Fest steht vor allem noch eine kleine - aber entscheidende - Formalie: Rund 39.000 Grönländer stimmen am Dienstag darüber ab, ob sie die weitgehende Unabhängigkeit vom Mutterland eigentlich wollen. Die Wahllokale sind seit dem Vormittag geöffnet. Es geht um einen Vertrag mit Dänemark, der am 21. Juni kommenden Jahres in Kraft treten könnte - und der Insel ein gehöriges Maß an zusätzlicher Freiheit schenken würde.

Das Verhältnis von Grönländern und Dänen ist nicht frei von Spannungen. Die Ureinwohner Grönlands kamen aus Sibirien und über die Aleuten-Inseln und Nordkanada auf die Insel, doch seit dem Jahr 1721 gehört Grönland zu Dänemark. Damals hatte der dänische Missionar Hans Egede das Gebiet sozusagen zum zweiten Mal in Besitz genommen, nachdem schon die Wikinger - allen voran der legendäre Erik der Rote - zwischen dem 10. und dem 15. Jahrhundert dort gesiedelt hatten, in einem Erdklima, das deutlich wärmer war als heute.

Dänemark hat lange von Grönland profitiert und in früheren Zeiten zum Beispiel durch den Verkauf von Tran ein erkleckliches Sümmchen Geld verdient. Zwar ist die Insel seit dem Sommer 1953 keine Kolonie Dänemarks mehr und seit 1979 kümmert sich eine Selbstverwaltung um viele Angelegenheiten - und doch fühlen sich viele Grönländer in keiner Weise als Dänen. Diese Mentalitätsunterschiede waren auch zentrales Element in Peter Hoegs Erfolgsroman "Fräulein Smillas Gespür für Schnee".

"Niemand kann einen unabhängigen Staat auf exzessives Trinken aufbauen"

In Zukunft könnten so gut wie alle grönländischen Angelegenheiten, abgesehen von der Außen- und der Verteidigungspolitik, nur noch in der Inselhauptstadt Nuuk entschieden werden. In den vergangenen Tagen haben sich die Befürworter der Loslösung von Dänemark noch einmal kräftig ins Zeug gelegt. Mit Fackeln zogen am Montagabend rund 400 Menschen durch Nuuk. Schon am Samstag hatten Bands bei einem Konzert fünf Stunden lang für maximale Selbstbestimmung gerockt.

Die Punk-Truppe " Pitsukkut" eröffnete ihr Konzert sogar mit der grönländischen Hymne. Aktivisten des Bündnisses "Nammineerta" waren auch in der kleinen Fußgängerzone von Nuuk ausgeschwärmt. Gekleidet in dicke rote Jacken verteilten sie grüne Armbänder an die Passanten, um für den Vertrag mit den Dänen zu werben.

Die Charmeoffensive der Nationalisten scheint gefruchtet zu haben. Die grönländische Zeitung "Sermitsiaq" berichtete vor wenigen Tagen von Meinungsumfragen, in denen sich eine Zustimmungsrate von 75 Prozent abzeichnet. Allerdings geht ein Riss durch die grönländische Gesellschaft: Vor allem die ältere Inselbevölkerung befürwortet ein hohes Maß an Eigenständigkeit. Bei den Jüngeren liegt die Zustimmung zur Selbstverwaltung signifikant niedriger.

Das Leben in Grönland ist hart: Die Regierung muss sich um grassierende Armut, hohe Selbstmordraten und schlechte Schulbildung kümmern. "Diese Probleme sind ein Erbe der Kolonialzeit", sagt Ministerpräsident Enoksen. "Wir müssen etwas dagegen tun, aber wir sollten auch nicht vergessen, dass wir viele gut funktionierende Familien und junge Menschen haben."

Gegner der Unabhängigkeit wie der frühere grönländische Diplomat Finn Lynge sind deutlich skeptischer: "Niemand kann einen unabhängigen Staat auf exzessives Trinken aufbauen." Statistisch gesehen trinkt jeder Grönländer pro Kopf und Jahr fast zwölf Liter reinen Alkohol, ein sehr hoher Wert. Allerdings kommt auch Deutschland hier auf eine nur unwesentlich niedrigere Menge von gut zehn Litern pro Kopf und Jahr. Länder wie Italien oder die USA liegen bei acht.

In den vergangenen Jahren hatte Grönland darauf gehofft, einen Teil der Probleme durch zusätzliche Einnahmen lösen zu können. Wer mehr Geld zur Verfügung hat, der hat auch bessere Perspektiven, so das Kalkül. Zahlreiche Projekte wurden debattiert und angeschoben: Goldminen, Zink- und Diamantenförderung und so weiter. In der Diskobucht vor Westgrönland soll auch nach Öl gebohrt werden.

Dumm nur, dass die internationale Finanzkrise vielen Plänen gerade zumindest einen kurzfristigen Dämpfer verpasst. So hat der kanadische Bergbaukonzern Quadra-Minig die Vorarbeiten für eine Molybdän-Mine in Ostgrönland auf Eis gelegt, weil die Rohstoffpreise das Investment nicht mehr lukrativ erscheinen lassen. Andere Firmen grübeln auch über ähnliche Schritte.

Grönlands Freiheit hat einen Preis

Damit gehen Grönland aber wichtige Einnahmen verloren, die das Land braucht, um auf eigenen Beinen zu stehen. Grönlands Freiheit hat nämlich einen Preis: In dem Maß wie in Zukunft Rohstoffeinnahmen fließen, muss die Insel auf Geld aus Kopenhagen verzichten. Und Subventionen aus dänischen Steuertöpfen gab es bisher reichlich: Ungefähr 430 Millionen Euro erhielt Grönland bisher jedes Jahr.

In Zukunft soll das Geld spärlicher fließen: Nur die ersten zehn Millionen Euro Einnahmen aus Rohstoffgeschäften werden nicht auf die Subventionszahlungen angerechnet. Danach überweist Kopenhagen pro von den Grönländern eingenommener Krone 50 Öre weniger in die Ex-Kolonie. Wenn Grönland eines fernen Tages einmal 800 Millionen Euro aus den Rohstoffgeschäften verdienen sollte, dann müssen die Dänen gar nichts mehr überweisen. Umgekehrt haben beide Seiten festgeschrieben, dass sich die Zuschüsse aus Kopenhagen selbst im Falle wirtschaftlicher Probleme Grönlands nur um die Inflationsrate erhöhen sollen.

Für eine komplette Unabhängigkeit fehlen Grönland neben Geld derzeit vor allem fähige Führungsfiguren; die politische Elite der Insel hat jede Menge Probleme. Das Inselparlament wird gerade von einem Skandal erschüttert, bei dem Abgeordnete bei Abstimmungen offenbar mehrfach ihre Stimme abgegeben haben - und zwar für nicht anwesende Kollegen, wie der Abgeordnete Pelle Christiansen zugab. Und auch in der Regierung kracht es: Im September warf die international hoch angesehene Finanz- und Wirtschaftsministerin Aleqa Hammond das Handtuch, weil ihre Warnungen vor einer desaströsen Finanzlage unter ihren Regierungskollegen ungehört verhallten.

Wenig später wurde Familien- und Gesundheitsminister Aqqalu Abelsen von seiner Partei wegen schlechter Leistungen aus dem Amt gedrängt. Dann griff eine Aufsichtskommission die Performance von gleich vier weiteren Ministern scharf an, was Premier Enoksen nach Zeitungsberichten über vorgezogenen Neuwahlen nachdenken lässt.

Doch der Weg ist klar: Mittelfristig soll die Insel komplett eigenständig werden – und würde damit aus dem Stand zum vierzehntgrößten Staat des Planeten. Kopenhagen hat auch versprochen, die Grönländer in die Freiheit zu entlassen, sollten diese eines Tages darum bitten - und in der Lage sein, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Die Abstimmung am Dienstag ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Mit Material von Reuters und AP

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