Größtes Flüchtlingslager der Welt Das Drama von Dadaab

Eine halbe Million Menschen drängt sich auf engstem Raum - in sengender Hitze, unterernährt, vom Krieg in Somalia traumatisiert: So sieht er aus, der erschütternde Alltag in Dadaab, dem größten Flüchtlingslager der Welt. Mitten im Chaos kämpfen freiwillige Helfer um einen Funken Normalität.

Philipp Hedemann

Aus Dadaab berichtet Philipp Hedemann


Sie haben das Loch besonders tief gemacht, damit die Hyänen Mohammed nicht ausgraben. In ein weißes Tuch gewickelt, legen sie den kleinen Leichnam in die Grube. Auch vor einem Jahr hatte Hawa Nuur Aden Ismail ihren einzigen Sohn in ein Tuch gehüllt. Das neugeborene Baby war damals fast so schwer wie jetzt der steife Körper. Mohammed ist verhungert. Mohammed ist nicht das einzige Baby, das an diesem Morgen im kenianischen Dadaab beerdigt wird.

Rund 1000 Menschen kommen jeden Tag nach tagelangen Märschen und Odysseen mit Lastwagen, Bussen und Eselskarren im größten Flüchtlingslager der Welt an. Sie fliehen vor der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren und dem seit über 20 Jahren währenden Bürgerkrieg in Somalia.

"Ich habe Mohammed auf der Flucht tagelang auf dem Rücken getragen. Vielleicht hätten wir in Somalia bleiben sollen. Was hätte dort schlimmer sein können als hier", klagt Mohammeds Mutter Hawa. Als die Männer Mohammeds zerbrechliche Leiche zum Schutz vor den hungrigen Hyänen mit schweren Sandsäcken beschweren, wendet sie sich ab. "Er wird es schaffen", hatten die Ärzte gesagt, als sie Mohammed zwei Tage zuvor aus dem provisorischen Krankenhaus entließen. Hawa hatte daran geglaubt.

Hunger und Tod gehören wie Staub und Hitze zum Leben in Dadaab. In einer notdürftig aus Zweigen, Planen und Pappen errichteten Hütte hockt die bis auf die Knochen abgemagerte Fatuma Hassan Yarow. Aus großen Augen starrt die Zehnjährige ins Leere. Ihr linkes Bein zittert, die Fliegen, die sich an ihre Augen und in die Mundwinkel setzen, kann sie nicht mehr verscheuchen, zum Sprechen fehlt ihr die Kraft. "Gestern Abend ist ihr Bruder Samo gestorben. Er war erst ein Jahr alt. Wir haben ihn heute Morgen begraben. Ich habe in diesem Lager schon drei Kinder verloren. Erst sind die kleinen gestorben. Ich habe solche Angst, dass nun auch Fatuma, meine älteste Tochter stirbt", flüstert ihre Mutter Owliyoo.

Viele Kinder und Babys sterben auf der Flucht

Tausende Mütter fürchten in Dadaab um das Leben ihrer Kinder. In einem von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) betriebenen Notkrankenhaus flößt Nishu Ali ihrer einjährigen Tochter Umaso mit einer Spritze Spezialmilch ein. "Ich habe viele Kinder und Babys auf der Flucht sterben sehen. Ich habe Umaso aus Somalia bis Kenia getragen. Sie wird es schaffen", sagt die Nomadin. Aber die Zweifel in ihrer Stimme sind nicht zu überhören.

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Krankenpfleger Olome Ephraim hat in der Klinik viele Kinder wie Umaso gesehen, die es nicht geschafft haben. "Manche Kinder kommen zu spät. Sie sind von der Flucht so erschöpft und unterernährt, dass wir sie selbst im Krankenhaus nicht mehr retten können", sagt Olome.

Wenn die somalischen Flüchtlinge in Dadaab ankommen, haben die meisten nichts außer der Kleidung, die sie am Körper tragen und der Hoffnung, irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren. Für viele wird es immer nur eine Hoffnung bleiben. "Ich glaube nicht, dass Somalia sich in absehbarer Zeit stabilisiert. Das Lager war ursprünglich für 90.000 Menschen ausgelegt, spätestens im November werden hier eine halbe Million Menschen leben", sagt Guy Avognon, der das Lager des Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) leitet.

Auch in Teilen Äthiopiens, Kenias, Ugandas und in Dschibuti hat es teilweise seit mehreren Jahren nicht mehr geregnet. Doch dort hindert al-Schabab ausländische Helfer nicht daran, den Hungernden zu helfen. Aus der umkämpften Hauptstadt Mogadischu haben die Islamisten sich vor einigen Wochen zwar offiziell zurückgezogen, doch die Kämpfe gehen weiter - und dafür brauchen die Extremisten Krieger. "Die vermummten Männer kamen in unser Haus. Sie nahmen meinen Cousin mit. Nach sieben Tagen warfen sie ihn von der Ladefläche ihres Jeeps wieder auf unseren Hof. Er hatte sieben Kugeln im Kopf. Sie sagten, so würde es jedem ergehen, der sich nicht al-Schabab anschließt. Da bin ich weggerannt", erzählt der 18-jährige Abdir Risaq an einer Registrierungsstelle im Flüchtlingslager.

In Dadaab kann fast jeder eine Horrorgeschichte über die Extremisten erzählen. Zum Beispiel Suban Ibrahim Mohamed "Ich hatte 50 Kühe. Bis auf eine sind sie alle verdurstet. Und die letzte haben die Männer von al-Schabab mir gestohlen. Wer in Somalia eine Waffe hat, der kann sich nehmen, was er will. Sie sagen, sie seien Gotteskrieger. Aber was soll das für ein Gott sein?", sagt die 40-Jährige. "Der Islam verbietet es zu stehlen und zu töten. Aber al-Schabab lässt keine Hilfe ins Land. Das ist Mord." Mit ihren sieben Kinder wohnt die Nomadin in einem der 5000 Zelte, die mit Unterstützung der Hilfsorganisation Worldvision errichtet wurden. An seinen ausgefransten Rändern wuchert das Lager in die Steppe.

Tausende Helfer für traumatisierte Flüchtlinge

Nach 20 Jahren Krieg im Nachbarland ist Dadaab längst kein Lager mehr, sondern nach Nairobi und Mombasa die drittgrößte Stadt Kenias. Vergewaltigungen, Raubüberfälle, Morde und Entführungen sind in den Lagern keine Seltenheit. Al-Schabab-Männer versuchen, im riesigen Lager neue Soldaten zu rekrutieren, andere erholen sich von den Kämpfen im Bürgerkriegsland.

"An einem einzigen Tag sind 240 junge, alleinstehende Männer aus Somalia ins Lager gekommen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um al-Schabab-Kämpfer handelt, die sich im Lager für ein paar Wochen erholen wollen", sagt ein Sicherheitsexperte, der nicht namentlich genannt werden möchte. Bislang hat al-Schabab keinen Anschlag auf die im Lager tätigen internationalen Helfer verübt, doch Uno-Mitarbeiter dürfen nur noch in Begleitung kenianischer Polizisten mit alten deutschen G3-Sturmgewehren auf die Gelände.

Tausende Helfer arbeiten im Lager und versuchen, den oft traumatisierten Flüchtlingen zumindest ein wenig Normalität zu bieten. In den vergangenen 20 Jahren bohrten sie in der Savanne 20 Brunnen, bauten 28 Schulen und vier Krankenhäuser. Jeden Monat verteilen sie rund 9000 Tonnen Lebensmittel, rufen Theater- und Frauengruppen ins Leben.

Und immer wieder gibt es Geschichten, die Hoffnung machen. Zum Beispiel die von Saxara Said. Mit rund 125 Kindern sitzt die Zehnjährige in einem Zelt im Staub und lernt die Zahlen von eins bis zehn auf Somali, Arabisch, Englisch und Suaheli. Es ist das erste Mal, dass Saxara zur Schule gehen kann. Vor drei Monaten floh sie mit ihren Eltern aus Somalia. Wegen der ständigen Kämpfe hatte die Schule dort schon vor Monaten geschlossen.

Der Schule fehlt es an Büchern, Stiften, Papier

"Ich will einmal Rechtsanwältin werden, um anderen Menschen zu helfen. Außerdem will ich meinen Eltern lesen und schreiben beibringen", erzählt Saxara stolz. Dann fängt sie plötzlich an zu weinen. Sind es die Erinnerungen an den Granatenangriff, bei dem kurz vor Saxaras Flucht drei ihrer Nachbarn ums Leben kamen?

"Viele der Kinder sind traumatisiert. Bücher, Stifte, Papier: Uns fehlt es an allem. Trotzdem versuchen wir spielerisch, die Angst der Kinder zu überwinden", erzählt Walter Kinyera. Der 23-jährige Flüchtling aus Uganda ist seit vier Wochen der Direktor der Schule. Mit 15 ehrenamtlichen Lehrern versucht er, 1303 Kinder zu unterrichten, so gut es geht.

Auch der kleine Mohammed, den sie heute Morgen in ein Tuch gehüllt in die staubige Erde gelegt haben, hätte in drei Jahren in diese Schule gehen sollen. Sein frisch aufgeschüttetes Grab ist keine 500 Meter von dem Schulhof entfernt, auf dem die Kinder jetzt in der Pause einem verbeulten Fußball hinterherjagen.

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Seite 1
renee gelduin 25.09.2011
1. ...
---Zitat--- Doch dort hindert al-Shabaab ausländische Helfer nicht daran, den Hungernden zu helfen. ---Zitatende--- ---Zitat--- Aber al-Shabaab lässt keine Hilfe ins Land. ---Zitatende--- Ja, was denn nun? ---Zitat--- Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um al-Shabaab-Kämpfer handelt, die sich im Lager für ein paar Wochen erholen wollen ---Zitatende--- Frauen, Nomaden, ohne Wasser und Brot, auf der Flucht, aber mit mind. 4 bis 7 Kindern.
steven_strauß 25.09.2011
2. Titel
"Auch in Teilen Äthiopiens, Kenias, Ugandas und in Dschibuti hat es teilweise seit mehreren Jahren nicht mehr geregnet. Doch dort hindert al-Shabaab ausländische Helfer nicht daran, den Hungernden zu helfen." Und nur in Somalia verhindern die Milizen Hilfe für die Bevölkerung. Was war daran jetzt nicht zu verstehen?
motte246 25.09.2011
3. Schande
Es ist eine Schande das in dieser Ecke der Welt es immer wieder zu solchen Hungerkatastrophen kommt. Da werden innerhalb kürzester Zeit Milliarden und Abermilliarden für unfähige,korrupte Regierungen und an geldgierige Banken und Hedgefonds verschleudert. Aber für diese Katastrophe die ja nicht erst seit gestern geschieht ist halt nichts"mehr" an finanziellen Mitteln da. Und das es dort keine nennenswerten Bodenschätze gibt,brauch ich wohl nicht erst erwähnen.
Mahler 25.09.2011
4. Kindersegen?
---Zitat--- Mit ihren sieben Kinder[n] wohnt die Nomadin ---Zitatende--- An der Stelle kann man eigentlich schon mit dem Lesen aufhören. Unter den dort gegebenen Bedingungen weiterhin Kinder in die Welt zu setzen, ist quasi schon ein verbrecherischer Akt. Das Letzte, was man bei schlechter Nahrungsversorgung, widrigem Klima und politischem Chaos braucht, sind noch mehr Kinder. Erwachsene, die sinn- und rücksichtslos weiterzeugen, sollten dafür bestraft werden.
jeby 25.09.2011
5. .
Zitat von renee gelduinJa, was denn nun? Frauen, Nomaden, ohne Wasser und Brot, auf der Flucht, aber mit mind. 4 bis 7 Kindern.
Was ist denn daran so schwer zu verstehen? Ihr erstes Zitat bezieht sich auf "Teilen Äthiopiens, Kenias, Ugandas und Dschibuti". Al-Schabab hindert ausländische Helfer nur in Somalia daran zu helfen, nicht überall sonst, wo Dürren herrschen. Das ist immer ein Problem in so armen Ländern. Sie haben keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und außerdem sehen sie ihre Kinder als Altersversorgung an.
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