Buschbrände in Israel Feuer als Waffe

Seit Tagen wüten Waldbrände in Israel. Die Hinweise auf gezielte Brandstiftung durch palästinensische Extremisten erhärten sich. Rechte Politiker nutzten die Feuer, um gegen arabische Israelis Stimmung zu machen

Russisches Löschflugzeug über Nataf nahe Jerusalem
DPA

Russisches Löschflugzeug über Nataf nahe Jerusalem

Von , Tel Aviv


Israel steht in Flammen. Großbrände wüten seit Tagen im Norden des Landes. Nun brachen Feuer auch in den Bergen um Jerusalem aus. Mehrere Dörfer und Viertel in der Stadt Haifa mussten für einen Tag zwangsevakuiert werden. Zehntausende Menschen waren gezwungen, in Hotels, bei Verwandten oder in Stadien zu übernachten.

Wie viele Häuser zerstört wurden, ist noch unklar. Mindestens 60 Menschen erlitten Verletzungen. Das ist die Bilanz am fünften Tag der von israelischen Medien so benannten "Feuer-Intifada" - und es ist kein Ende in Sicht.

Denn offenbar sind die Brände in der Tat absichtlich gelegt und politisch motiviert. Zwar leistete das Wetter einen entscheidenden Beitrag. Die heißen Sommermonate führten zu einer Dürre in den Wäldern des Nordens, und die Winterregen lassen in diesem Jahr auf sich warten. Doch dass es sich bei den Bränden um reine Naturereignisse handelt, glaubt inzwischen niemand mehr.

Die Behörden waren zunächst vorsichtig. Die Polizei sprach von Beweisen für Brandstiftung, mehr als zehn Personen wurden in diesem Zusammenhang bereits festgenommen. Inzwischen sind auch die Inlandsgeheimdienste und Drohnen an der Suche nach den Tätern beteiligt.

Gilad Erdan, Minister für Innere Sicherheit, schätzte, dass mehr als die Hälfte der Brände absichtlich gelegt wurden. Polizeikommandeur Roni Alsheich sagte in Haifa: "Wer ein Feuer legt, tut das nicht einfach nur aus Pyromanie. Es ist anzunehmen, dass die Feuer aus nationalen Motiven gelegt wurden." Es gebe jedoch bisher keine Anzeichen, dass die Aktionen zentral koordiniert oder von einer Terrorzelle organisiert seien.

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Israel: Buschfeuer in Haifa

Brandstiftung als Waffe habe Tradition

Der Experte Shaul Bartal von der Bar Ilan Universität in Tel Aviv geht jedoch noch einen Schritt weiter: "Brandstiftung wird bereits seit den Dreißigerjahren von den Palästinensern als Waffe benutzt." Allerdings habe es noch nie Feuer von solch einem Ausmaß gegeben.

Er ist überzeugt: "Die Feuer um Haifa waren koordiniert und organisiert. Das waren keine Einzeltäter." Mehrere Brände seien gezielt zur gleichen Zeit gelegt worden. Außerdem hätten die Täter Windrichtungen gekannt und genutzt, um möglichst viel Zerstörung zu erreichen.

In den sozialen Medien würden radikale Organisationen wie die Hamas seit Tagen dazu aufrufen, in Israel Feuer zu legen. "Nachdem die Messer-Intifada gescheitert ist, haben die Täter nun eine weitere, einfache Waffe gefunden, um Schaden anzurichten."

Politiker des rechten Spektrums, allen voran Premierminister Benjamin Netanyahu, sprachen von "Terrorismus". Netanyahu kündigte an, wer auch immer versuche, Teile Israels in Brand zu setzen, werde bestraft.

Der israelische Erziehungsminister und Chef der ultrarechten Partei Jüdisches Haus twitterte: "Nur die, denen das Land nicht gehört, sind dazu in der Lage, es anzuzünden."

Oppositionelle von den arabischen Parteien verurteilten die Taten, warfen aber zugleich der Regierungskoalition vor, die Brände politisch zu instrumentalisieren. Die Rede war von einer "Hetzkampagne" gegen arabische Israelis und Palästinenser.

"Feuer macht keinen Unterschied zwischen Juden und Arabern"

Die Stadt Haifa im Norden galt stets als positives Beispiel für die friedliche Koexistenz von arabischen und jüdischen Israelis. Für die arabischen Israelis dort ist die Situation nun besonders bitter. Denn die Brände schaden allen.

"Das sind furchtbare Taten", sagt Nader Abu Hiluw, ein arabisch-israelischer IT-Techniker aus Haifa. "Das Feuer macht keinen Unterschied zwischen Juden und Arabern, wir verbrennen alle."

Als die Feuer wüteten, sah er dicken Rauch aufsteigen, ganz in der Nähe der Firma, für die er arbeitet. Er hatte Angst um seine kleine Tochter. Weil alle Straßen blockiert waren, gelangte er erst Stunden später zu deren Kindergarten. Nun fürchtet er um die Olivenhaine seines Vaters.

Doch noch mehr Sorgen macht er sich um all den Hass, der ihm nun plötzlich in den sozialen Medien und auf der Straße entgegenschlägt. "Was hier passiert, ist einfach nur traurig", so Hiluw, "Haifa ist so eine wunderschöne Stadt. Wir leben hier gut zusammen und nun geht alles kaputt."



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