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Gewalt gegen britische Abgeordnete: "... von einem Wähler mit Samurai-Schwert angegriffen"

Mit Eier-Soße beworfen: Der damalige britische Wirtschaftsminister Peter Mandelson wurde 2009 Opfer einer Attacke Zur Großansicht
REUTERS/ Plane Stupid

Mit Eier-Soße beworfen: Der damalige britische Wirtschaftsminister Peter Mandelson wurde 2009 Opfer einer Attacke

Wer im britischen Parlament sitzt, muss eine Menge einstecken. Nicht nur politisch. 80 Prozent der Abgeordneten sind laut einer Studie bereits Opfer von übergriffigen Bürgern geworden - manche trauen sich kaum noch aus dem Haus.

Wolfgang Schäuble, Oskar Lafontaine und zuletzt Henriette Reker - auch in Deutschland birgt ein Leben als Politiker zuweilen Gefahr für Leib und Leben. In Großbritannien gab es ähnliche Fälle: Der Abgeordnete Stephen Timms etwa wurde 2010 während einer Bürgersprechstunde zweimal in den Bauch gestochen.

Doch was passiert jenseits dieser besonders gravierenden Fälle? Welcher Gefahr sind Politiker in ihrem Alltag ausgesetzt? Die britische Regierung hat das untersuchen lassen. Laut "Guardian" förderte die Studie beängstigende Ergebnisse zutage. Die Bedrohungslage ist demnach so massiv, dass dem Innenministerium nun als Folge geraten wird, Abgeordnete stärker zu bewachen.

Dem Papier zufolge war ein großer Teil der Abgeordneten bereits mit Gewalt oder Drohungen konfrontiert. Vier von fünf Parlamentsmitgliedern wurden schon einmal Opfer von zudringlichem oder aggressivem Verhalten.

Premier Cameron mit Abgeordneten im Parlament: Hilfe nötig Zur Großansicht
DPA

Premier Cameron mit Abgeordneten im Parlament: Hilfe nötig

An der Studie im Auftrag des Innenministeriums und des Parlaments beteiligten sich 239 von insgesamt 633 Abgeordneten. 192 von ihnen gaben an, bereits Übergriffen von Bürgern ausgesetzt gewesen zu sein - die Hälfte davon sogar im eigenen Haus.

  • 20 Prozent der Abgeordneten sind demnach tatsächlich attackiert worden,
  • 41 Prozent erhielten Gewaltandrohungen,
  • 22 Prozent Drohungen von Sachbeschädigung. Rund 50 Prozent gaben an, bereits mindestens einmal länger als zwei Wochen gestalkt oder verfolgt worden zu sein.

In dem Bericht zu der Untersuchung tauchen laut "Guardian" beängstigende Beispiele auf:

  • "...schlug mir mehrfach ins Gesicht..."
  • "...kam mit einem Hammer auf mich zu..."
  • "...schlug mit einem Stein ..."
  • "...schoss mit einem Luftgewehr..."
  • "...von einem Wähler mit einem Samurai-Schwert angegriffen. Ich entkam mit Verletzungen an der Hand, aber mein Assistent wurde getötet."
  • "...zog in der Sprechstunde ein Messer..."

Auch die schriftlichen oder mündlichen Drohungen gegen Abgeordnete oder Angehörige waren demnach teilweise massiv.

  • "...Sie sollten Ihre Kinder besser im Blick behalten..."
  • "...er würde mich töten, wenn sein Kind im Krankenhaus sterben sollte..."
  • "...siebenjährige Tochter nahm einen Anruf an, in dem gedroht wurde, mich zu töten..."
  • "...meine Frau bekam Anrufe, in denen es hieß, 'ich werde dich oder jemanden aus deiner Familie töten'..."
  • "...Benzin durch meinen Briefschlitz gegossen..."
Die sieben an der Studie beteiligten Psychiater untersuchten auch die Folgen für die Politiker. Demnach fürchten sich 36 Abgeordnete inzwischen vor Auftritten in der Öffentlichkeit, mehre Ehen gerieten in die Krise, manch einer besucht regelmäßig Mediziner oder Therapeuten, andere schlucken Medikamente gegen Angstzustände oder Depressionen.

Laut dem britischen "Guardian" ist in der Untersuchung sogar von einer Abgeordneten die Rede, die aufgrund von Panikattacken immer erst ihren Mann vor die Haustür schickte, bevor sie selber auf die Straße treten konnte.

Dem bei einem Messerangriff verletzten Abgeordneten Stephen Timm wurde angeboten, vor seinem Bürgerbüro eine Sicherheitsschleuse anzubringen. Doch er lehnte ab. "So ein Abgeordneter wollte ich nicht sein."

ler

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