Wahlallianzen in Großbritannien Alle gegen May

Kurz vor der Wahl arbeiten britische Aktivisten mit Hochdruck an ihrem Ziel: Premierministerin May zu stürzen. Ihre Waffen: viel Geld, viele Freiwillige - und taktisches Wählen.

AFP

Aus London und Farnham berichten und


In einer Seitenstraße tauchen sie plötzlich auf. Zwei junge Männer, kaum 20 Jahre, blonde, ordentlich gekämmte Haare, hellblaue T-Shirts, ein bisschen sehen sie aus wie Zwillinge: Auch der Tory-Nachwuchs macht Wahlkampf in Harrow West.

Die beiden grinsen etwas verstohlen herüber. Doch Christine Robson kann über die Konkurrenz gar nicht lachen. Gut zwei Stunden ist sie an diesem Tag schon von Tür zu Tür gelaufen, hier im äußersten Nordwesten Londons. Sie stand in dunklen Fluren und in immer gleichen Reihenhausvorgärten, sie sprach mit Männern in Bademänteln und Frauen, die kein Englisch konnten. Lächeln, freundlich sein, Werbung machen für ihren Kandidaten, für ihre Partei: Labour.

Doch jetzt verliert die 70-Jährige für einen Moment die Fassung. Fremde seien das, schimpft sie und wirft den jungen Konservativen einen verächtlichen Blick hinterher. "Die wurden hierher gekarrt. Die Tories, die hier leben, sind doch alle über 90."

Christine Robson
SPIEGEL ONLINE

Christine Robson

Die Nerven sind angespannt, seit das ganze Land auf Gegenden wie Harrow West schaut. Der Wahlkreis zählt zu den umkämpftesten bei der Parlamentswahl an diesem Donnerstag. Labour-Mann Gareth Thomas hält hier einen Sitz. 2015 gewann er mit 2208 Stimmen Vorsprung - hauchdünn.

Diesmal könnte es sogar noch knapper werden. Doch in Zeiten, in denen Großbritannien auseinanderdriftet, sich an Grundsatzfragen zur Europa- und Sozialpolitik entzweit, in der auch der Terror das Land immer wieder auf die Probe stellt, geht es um mehr als nur einen Sitz im Unterhaus. Gareth Thomas hat deshalb mächtige Unterstützer.

Werbung für ausgewählte Abgeordnete

Im ganzen Land formieren sich linke und liberale Allianzen. Auf unterschiedlichen Wegen wollen sie den Erdrutschsieg, den die Konservativen noch vor wenigen Wochen fest eingeplant hatten, verhindern. Eine Variante: Aktivisten nehmen gezielt jene Gegenden ins Visier, wo es eng wird. Ihr Ziel: Die Anhänger verschiedener Mitte-Links-Parteien sollen nur einen, den aussichtsreichsten der Tory-Gegner unterstützen. "Tactical voting" heißt das hier. Taktisch wählen.

Gareth Thomas, die Hemdsärmel umgeschlagen, sitzt in einem Schnellrestaurant unterhalb einer Autobrücke in Harrow und schlingt hastig seine Pastete mit Erbsen herunter. "Diese Neuwahl ist völlig unnötig", sagt der 49-Jährige. "Aber klar ist, ich will jede Wahl gewinnen."

Gareth Thomas
SPIEGEL ONLINE

Gareth Thomas

Thomas ist auch deshalb ein gefragter Mann in liberalen Kreisen, weil er gegen den Brexit gestimmt hat und jetzt dafür kämpft, dass am Ende der Verhandlungen das Parlament noch einmal eine echte Wahl hat. Damit passt er ins Raster von Gruppen, die jetzt Einfluss nehmen wollen. Wie die proeuropäische Bewegung More United. Oder wie Gina Miller.

Die Londoner Fondsbankerin ist die vielleicht berühmteste Brexit-Gegnerin auf der Insel. Im Herbst war sie bis vor das Oberste Zivilgericht Großbritanniens gezogen - mit Erfolg: Kein Brexit ohne Beteiligung des Parlaments, urteilten die Richter.

Mit der Bewegung "Best for Britain" sammelt sie nun Geld für Kandidaten großer Parteien, die sich einer möglichst gütlichen Einigung mit der EU verschrieben haben. Die Kampagne soll Wähler motivieren, in Wahlkreisen, in denen sich Brexit-Hardliner mit EU-Sympathisanten ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, "taktisch" abzustimmen.

26 Kandidaten stehen bislang auf ihrer Liste: Grüne, Liberale, Labour-Politiker. Gareth Thomas hatte sich bei "Best for Britain" beworben, dann gab es Geld, Werbung und sogar einen Auftritt Millers in Harrow.

"Ich spreche mit vielen Leuten", sagt Thomas, auf diese Unterstützung angesprochen. Wenn es um Miller geht, sagt der Labour-Mann nur das Nötigste. Kein Wunder, für Menschen wie ihn kann die Hilfe von außen zum Problem werden. Die offizielle Ansage seiner Partei lautet, das Brexit-Referendum zu akzeptieren.

"Wir haben noch eine Chance"

Die Frau, die sich vorgenommen hat, Theresa May das Durchregieren so schwer wie möglich zu machen, sitzt an einem frühen Morgen in Londons Zentrum keine 200 Meter vom Parlament entfernt in einem Café. "Wir haben noch eine Chance", sagt Gina Miller - "die letzten 48 Stunden vor der Wahl werden entscheidend sein."

Miller, 52, ist eine ebenso zierliche wie resolute Frau. Sie fürchtet, dass May mit einer komfortablen Mehrheit gleich nach der Wahl die Tür für Verhandlungen zuschlagen könnte. Sie nennt das einen "extremen Brexit", dessen wirtschaftliche Folgen sie für unkalkulierbar hält. Deshalb müsse es darum gehen, möglichst viele EU-Freunde ins Parlament zu bugsieren.

Im Video: Wie eine Deutsche Brexit-Gegner ins Parlament schleusen will

SPIEGEL ONLINE

Mit ihrer Kampagne traf Miller offenbar einen Nerv, vor allem junger Briten. Aus dem ganzen Land meldeten sich Freiwillige, binnen weniger Tage kamen per Crowdfunding fast 360.000 Pfund für Millers Kampagne zusammen. Genug, um die Tory-Regierung unruhig zu machen: Sie untersagte ihren Wahlkreis-Kandidaten, Geld von "Best for Britain" anzunehmen.

Wissenschaftler zweifeln

Taktik, sagen Wissenschaftler wie Tim Bale von der Londoner Queen Mary Universität, habe auch schon bei vergangenen Wahlen eine Rolle gespielt. Diesmal aber bewege der Brexit vor allem Wähler der Liberaldemokraten, ihre Stimmen Labour oder Grünen zu geben. Ob das reicht, um May ernsthaft Probleme zu bereiten? Bale hat da so seine Zweifel - zumal auch auf der anderen Seite manche Ukip-Anhänger die Konservativen unterstützten. Die Rechtspopulisten treten nur in 378 von 650 Wahlkreisen an.

Fotostrecke

9  Bilder
Tactical Voting in Großbritannien: Wahltaktiker wollen May stürzen

Und dennoch: Zuletzt ist es wieder spannend geworden in Großbritannien. In den Umfragen holte Labour stark auf. Auch die jüngsten Terroranschläge können das linke Lager offenbar nicht bremsen - im Gegenteil. Wenige Wahlkreise könnten am Ende den Ausschlag geben, ob die Konservativen eine eigene Mehrheit im Unterhaus halten können - oder nicht. Laut einer Umfrage des "Independent" von Anfang Mai erwägen rund ein Drittel der Wähler, taktisch abzustimmen.

Online-Kampagne für taktisches Wählen

Das will auch Becky Snowden, 28, aus Yorkshire im Norden Englands. Die Marketing-Expertin hat eine einfache Tabelle erstellt, die den Wählern zeigt, welche Kandidaten in allen Wahlkreisen die besten Karten gegen die Konservativen haben. Ein Leitfaden sozusagen für rein pragmatische Entscheidungen am Wahltag. Auch das ist "Tactical Voting".

In den sozialen Netzwerken verbreitete sich die Tabelle rasend schnell. Heute führt Snowden mit einem rund zehnköpfigen Team eine Webseite. Sie heißt: "How To Stop The Tories" - Wie man die Tories stoppen kann. Die Klickzahlen gehen in die Millionen.

Snowden sagt, sie führe auch einen Kampf gegen das Wahlsystem. In Großbritannien gilt: Wer in einem Wahlkreis die Mehrheit hat, kommt ins Parlament. Die Stimmen für die anderen Kandidaten sind verloren. "Das müssen wir ändern", sagt sie. Die progressiven Parteien müssten deshalb Allianzen bilden.

Gegen den Minister

Farnham ist ein beschauliches Städtchen im Süden Englands. An alten Häusern flattern Fähnchen mit dem britischen Union Jack. South West Surrey, wie der Wahlkreis hier heißt, ist fest in Tory-Hand. Und Farnham ist einer der Orte, an dem Politiker selbst die Wähler dazu aufrufen, gegen ihre eigene Partei zu stimmen.

Der Grund: Jeremy Hunt ist der Abgeordnete und zugleich Gesundheitsminister in London. Wegen seines Sparkurses hat er sich viele Feinde im linksliberalen Lager gemacht.

Louise Irvine steht in einer Kirche mit rund 20 anderen Menschen. Sie wollen beraten, wie sie den Minister aus dem Amt jagen können. Irvine ist Ärztin, vor Gericht hatte sie Hunt einige aufsehenerregende Niederlagen beigefügt. Jetzt tritt sie gegen ihn an - für die kleine Partei NHA (National Health Action Party).

Louise Irvine
SPIEGEL ONLINE

Louise Irvine

Einige Lokalpolitiker der Grünen, Liberalen und von Labour wollen sie unterstützen - anstelle ihrer eigenen Kandidaten. Es ist ihre Art, eine dritte Variante des "Tactical Voting". Sie sagen, ihre Partei habe ohnehin keine Chance. Wenn es gemeinsam gelänge, Hunt zu besiegen, würde das aber auch ihrer Partei helfen. Allerdings: Bei Labour kam die Aktion gar nicht gut an. Drei der Mitglieder wurden kurzerhand aus der Partei geworfen.

Dass sich all der Ärger lohnt, daran will so richtig an diesem Abend in Farnham jedoch niemand glauben. Hunt holte 2015 fast 60 Prozent in South West Surrey. Irvine, seine Kontrahentin, bemüht sich um ein entschlossenes Gesicht. "Wenn alles zusammen kommt", sagt sie, "passieren bei der Wahl vielleicht unerwartete Dinge."

insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
keine-#-ahnung 06.06.2017
1. Immer wenn ich das Wort "Aktivisten" lese ...
... also quasi die linke Antipode des "Rechtsextremen" kann man schon mal schlicht vermuten, dass es da um irgendetwas Rechtswidriges geht - nur halt im Nahmen von "Moral, Ethik, Humanismus" etc.pp. Die Kategorien werden natürlich durch die "Aktivisten" in ihrem Inhalt und ihrer Ausrichtung frei selbstdefiniert. Und siehe da ... Vermutung bestätigt. Diese Leute leben keine Demokratie - sie greifen sie frontal und erbarmungslos an. Und einige Irre klatschen noch Beifall - unverständlich.
gsf 06.06.2017
2. Taktisches Wählen
Was versteht der Autor unter Aktivisten? Muss man dazu eine bestimmte Gesinnung haben oder sind sie das Gegenteil von Populisten. Wenn Populisten die sind, die vorgeblich das machen, was das Volk will, aber nur das was die Aktivisten für schlecht finden. Sind dann die Aktivisten die die alles mögliche unternehmen damit das Volk das will, was auch die Aktivisten wollen. Und dazu bekommen sie jetzt viel Geld, aber nicht vom Volk, sondern von denen die viel Geld haben und die fürchten, dass wenn May gewählt wird sie nicht mehr soviel Geld haben. Sind dann die Aktivisten die Büttel des Kapitals?
melnibone 06.06.2017
3. Alle gegen May ...
ist ja wie Alle gegen Merkel. Am Ende siegt der Amtsnimbus und die unendlich ´spießbürgerliche´ Wählerschaft quasi ´einvernehmlich´. Weil sie ´Innere Sicherheit´, nicht den ´Kommunisten´ überlassen wollten. Das sie selbst keine Ahnung von ´Sicherheit jediglicher Art´ haben oder hatten, müssen sie leider nie belegen. Innere Sicherheit ist z. B. auch sozialer Friede und die Integration Aller.
soratenia 06.06.2017
4. Wer glaubt,
dass Theresa May ein Desaster als Innenministerin war, der kennt Corbyns Schatten-Innenministerin, Diana Abbot noch nicht. Ihre Dämlichkeit und Unfähigkeit sprengt alle Vorstellungen und in der freien Wirtschaft würde ihr der Job, in einem Supermarkt die Einkaufswagen zusammen zu schieben, schon überfordern. In Fernsehinterviews vermag sie immer wieder mit Wahnwitz zu glänzen. So wurde sie gestern über den "Harris Report on Terrorism" gefragt. Ein Report, wie man Terroranschläge vermeiden könnte und 127 Punkte umfasst. Zuerst behauptete Abbot den Report kennen, konnte dann jedoch nicht einen einzigen Punkt nennen. dass Theresa May ein Desaster als Innenministerin war, der kennt Corbyns Schatten-Innenministerin, Diana Abbot noch nicht. Ihre Dämlichkeit und Unfähigkeit sprengt alle Vorstellungen und in der freien Wirtschaft würde ihr der Job, in einem Supermarkt die Einkaufswagen zusammen zu schieben, schon überfordern. In Fernsehinterviews vermag sie immer wieder mit Wahnwitz zu glänzen. So wurde sie gestern über den "Harris Report on Terrorism" gefragt. Ein Report, wie man Terroranschläge vermeiden könnte und 127 Punkte umfasst. Zuerst behauptete Abbot den Report kennen, konnte dann jedoch nicht einen einzigen Punkt nennen. http://www.huffingtonpost.co.uk/entry/diane-abbot-interview-harris-report-dermot-murnaghan_uk_5935c42ee4b0099e7fae7337
manmeintjanur 06.06.2017
5. Von was genau ...
reden (bzw. schreiben) Sie eigentlich? Taktisch wählen! Was ist daran undemokratisch?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.