Großbritannien Applaus für Browns Härtekurs gegenüber Moskau

Die britischen Zeitungen sind sich einig: Die Entscheidung der Regierung, im Zusammenhang mit dem Litwinenko-Mord vier russische Diplomaten auszuweisen, sei absolut richtig. Jetzt hat das gespannte Warten begonnen. Welchen Gegenschlag wird Moskau führen?

Von Sebastian Borger, London


Unter den großen Parteien im Unterhaus herrschte vollkommene Übereinstimmung: Die in rasendem Tempo hingenuschelte Erklärung des neuen Außenministers David Miliband zur Ermordung von Alexander Litwinenko habe die richtige Mischung aus Härte gegenüber Russland und Hinweisen auf die weiterhin intensiven wirtschaftlichen und politischen Beziehungen enthalten. Am Morgen danach erklären sich auch die britischen Zeitungen einverstanden mit der Diplomatie des Foreign Office – manche wünschen sich sogar, London wäre weitergegangen. Die Ausweisung der vier russischen Diplomaten sei "die Minimal-Lösung", findet der konservative "Telegraph". Der linksliberale "Guardian" applaudiert dem "deutlichen Signal", schließlich gehe es um "einen Mord auf offener Straße in London", der zudem Alarm wegen radioaktiver Verseuchung von Hunderten unschuldigen Passanten ausgelöst habe.

Litwinenko-Mord: Premier Gordon Brown will den mutmaßlichen Täter in London vor Gericht bringen
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Litwinenko-Mord: Premier Gordon Brown will den mutmaßlichen Täter in London vor Gericht bringen

Der lautstarke Kreml-Kritiker Litwinenko war vergangenen November in einem Londoner Krankenhaus an den Folgen einer Vergiftung mit dem radioaktiven Isotop Polonium-210 gestorben. Seine Witwe sowie mehrere Dutzend unbeteiligter Hotel- und Restaurant-Gäste mussten sich einer Untersuchung unterziehen; ihr Gesundheitsrisiko gilt allerdings als gering. Im Mai beschuldigte dann der höchste Anklagevertreter Englands den Ex-KGB-Agenten Andrej Lugowoj, seinen früheren Kollegen Litwinenko ermordet zu haben. Der Anklageschrift zufolge traf er sich am 1. November im Beisein zweier anderer russischer Staatsbürger mit Litwinenko in der Bar des noblen Millennium-Hotels. Dort trank der Kritiker des russischen Präsidenten Vladimir Putin Tee "aus einer hochgradig verseuchten Teekanne", so Außenminister Miliband.

Der beschuldigte Lugowoj beteuert seine Unschuld. Die beantragte Auslieferung nach London lehnte der russische Generalstaatsanwalt unter Berufung auf die Verfassung seines Landes ab, bot aber an, Lugowoj in Russland vor Gericht zu stellen. Davon aber wollen die Briten nichts wissen: Es handle sich um "ein Verbrechen auf britischem Boden an einem britischen Staatsbürger", argumentiert Außenminister Miliband. Außerdem entspreche die Rechtsprechung in Russland "nach übereinstimmender Meinung von Uno und EU" nicht internationalen Maßstäben.

Dass nun in den britischen Zeitungen allgemein von einem neuen Kalten Krieg die Rede ist, findet Professor Robert Service vom Oxforder St. Antony’s College "völlig unangemessen". Schließlich "stehen sich nicht zwei bis an die Zähne bewaffnete Militärblöcke gegenüber, die einander mit Atomkrieg bedrohen", analysiert Service. "Es wäre wirklich besser, man würde die Rhetorik ein bisschen dämpfen."

MI6 auf gepackten Koffern

Freilich erwartet man in London mit Spannung eine Reaktion der Russen à la Kalter Krieg, also die Ausweisung einer gleichen Anzahl von Briten aus Moskau. Ein vergleichbarer Fall belastete die bilateralen Beziehungen zuletzt 1996. Man wolle sich "nicht zu einer Art Pingpong provozieren lassen", erklärte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der BBC, "aber natürlich wird die russische Seite angemessen antworten". Die Residenten des Auslandsgeheimdienstes MI6 in der britischen Botschaft in Moskau dürften bereits ebenso die Koffer packen wie die vier russischen "Diplomaten" in London, von denen allgemein angenommen wird, sie gehörten den Nachfolgediensten des KGB an.

Informationen der "Daily Mail" zufolge hat die russische Botschaft den Briten offiziell die Anwesenheit von zwei hochrangigen Geheimdienstleuten bekanntgegeben. Der britischen Spionageabwehr zufolge führen sie etwa 30 Undercover-Agenten, berichtet das Blatt. Zielgruppe dürften nicht zuletzt die rund 200.000 russischen Staatsbürger sowie eine wachsende Zahl von Dissidenten und Asylbewerbern sein, die in London leben. Zu ihnen zählen Roman Abramowitsch, der milliardenschwere Besitzer des Ballack-Clubs FC Chelsea ebenso wie der exilierte Oligarch Boris Beresowski, dessen Auslieferung Moskau mehrfach vergeblich von London gefordert hat.

Britische Außenpolitik-Experten halten den diplomatischen Zusammenprall mit Russland für unvermeidlich und hoffen auf die Solidarität der EU-Partner, wie sie Premierminister Gordon Brown gestern Abend bei seinem Berlin-Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel erhielt. Man dürfe den Polonium-Mord "nicht als britisches Problem" sehen, sagt der frühere Europa-Staatssekretär Denis MacShane (Labour): "Ganz Europa hat ein Problem mit einem zunehmend post-demokratischen, autoritären Russland."

Allerdings stehen eine Reihe europäischer Diplomaten in London dem Showdown skeptisch gegenüber. Ihnen gilt der Polonium-Mord als "zu hoch gehängt” und das britische Vorgehen als "rücksichtslos gegenüber anderen EU-Ländern, die stärker von Russland abhängen”. Dazu gehören neben Deutschland eine ganze Reihe anderer Staaten auf dem Kontinent. Die EU-Staaten insgesamt beziehen etwa ein Viertel ihres Bedarfs an Öl und Gas von Russlands staatlich kontrolliertem Gasprom-Konzern. Auf Großbritannien entfällt ein vergleichsweise winziger Anteil, weil sich das Land noch weitgehend aus der Nordsee versorgt.

Allerdings rechnen Energie-Experten in London damit, dass die Briten bis 2020 ihr Gas etwa zur Hälfte importieren müssen; Gasprom möchte spätestens 2015 20 Prozent des britischen Bedarfs decken.

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