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Report über Sicherheitsmängel: Britische Marine jagt den U-Boot-Whistleblower

Britische Atom-U-Boote: Graue Riesen im schottischen Fjord Fotos
Getty Images

Feuer an Bord, veraltetes Material, lasche Sicherheitskontrollen: Ein Marinesoldat schildert haarsträubende Verhältnisse auf britischen Atom-U-Booten. Die Navy weist seine Kritik zurück - der Mann ist auf der Flucht.

Sie sind der Stolz der britischen Marine: Streng bewacht liegen die Atom-U-Boote des Vereinigten Königreichs im schottischen Fjord-Stützpunkt Faslane. Eines der vier Schiffe der "Vanguard"-Klasse befindet sich immer auf See, um im Extremfall sofort einsatzbereit zu sein. Sie können mit atomaren Interkontinentalraketen der Trident-Klasse bestückt werden, einem zentralen Bestandteil der britischen Atommacht.

Ein junger Marinesoldat weckt nun Zweifel am Zustand der U-Boote. In einem 18-Seiten-Papier mit dem Titel "Die geheime atomare Bedrohung" schildert er erhebliche Sicherheitsprobleme und warnt vor dem Risiko eines möglichen atomaren Zwischenfalls.

Nach eigenen Angaben durchlief William McNeilly, 25 Jahre alt, sechs Monate Ausbildung und fuhr von Januar bis April 2015 als Techniker auf der "HMS Victorious" mit, einem der U-Boote der "Vanguard"-Klasse.

Die von McNeilly aufgelisteten angeblichen Mängel klingen besorgniserregend:

  • Auf dem Stützpunkt würden Sicherheitskontrollen nur lax durchgeführt. Es sei ihm gelungen, Sicherheitschecks durch das Vorzeigen einer komplett unbeschrifteten Codekarte zu durchqueren. Die Posten würden kaum einen Blick auf die Zugangsberechtigung werfen. Zudem habe es nur selten Kontrollen seines Gepäcks gegeben. Er habe "alles Mögliche an Bord bringen können", so McNeilly. Auch einem Terroristen könne das gelingen.
  • Mehrfach hätten Raketentests abgebrochen werden müssen - weil das Material veraltet oder schlecht gewartet war.
  • Im Hafen sei auf einem der Schiffe ein Feuer ausgebrochen, weil große Mengen Toilettenpapier unsachgemäß gelagert wurden. Ein ähnlicher Vorfall hätte auf See leicht zu Todesopfern führen können, heißt es in dem Papier.
  • Alarmsignale an Bord seien leiser oder gleich komplett stumm gestellt worden. Laut McNeilly seien bestimmte Alarme so oft ausgelöst worden, dass die Crew schließlich zu diesem Mittel gegriffen habe.
  • Nach eigenen Angaben hat McNeilly seine Beobachtungen mehrfach an Vorgesetze weitergegeben - geändert habe sich jedoch nichts.

Kurz vor der Veröffentlichung hatte sich der Soldat von seinem Posten entfernt, er wird von Militär- und Zivilpolizei gesucht. Offenbar befindet er sich derzeit nicht in Großbritannien. McNeilly erklärte in der BBC, dass er in den kommenden Tagen in seine Heimat zurückkehren und sich den Behörden stellen werde. "Ich drücke mich nicht vor meiner Festnahme", so der Soldat. Sich selbst bezeichnet er als Whistleblower, der seine Karriere, sein Privatleben und sogar seine Freiheit für den Dienst an der Allgemeinheit geopfert habe.

McNeillys Bericht lässt sich von außen kaum verifizieren. Das gilt vor allem für die Frage, ob die geschilderten Gefahrensituationen und die umrissene zukünftige Gefährdung tatsächlich so drastisch sind, wie in dem Papier formuliert. In jedem Fall beschäftigt der Fall die britische Presse und natürlich die Streitkräfte.

Die Marine hat eine Untersuchung der Vorfälle und der angeblichen Sicherheitsprobleme angekündigt. In einer ersten Stellungnahme sprach sie am Sonntag von den "subjektiven und nicht haltbaren" Eindrücken eines "sehr jungen Seemanns" - und distanzierte sich deutlich von McNeillys Vorwürfen. Man lasse, so ein Sprecher, die U-Boote nur dann auf das Meer hinaus, "wenn es absolut sicher ist".

jok

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insgesamt 53 Beiträge
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1. Warum
Peter Bruns 18.05.2015
werden Menschen (nicht nur in Germany),die Misstände aufdecken von Regierungen gejagt,z.B. USA und England?
2.
Benko 18.05.2015
---Zitat--- Man lasse, so ein Sprecher", die U-Boote nur dann auf das Meer hinaus, "wenn es absolut sicher ist". ---Zitatende--- Natürlich, und Deutschland ist ein souveräner Staat und die Erde ist eine Scheibe. So haben alle Regierenden ihre Wahrheiten. Vermutlich stimmen die Berichte "des sehr jungen Seemanns". Traurig das die Ressourcen darauf gesetzt werden den Mann mundtot zu machen, statt an den entscheidenen Verbesserungen der atomaren Sicherheit zu arbeiten.
3. Was man auch tut, es ist falsch
Leser161 18.05.2015
Das ist halt doof, wenn man sowas sieht (Atomschlamperei, Masseninternierung, etc.), petzt man wird man gejagt und verknackt. Petzt man nicht wird man 50 jahre später gejagt und verknackt. Unabhängig davon ist der Typ ein Held.
4. Naja
Mertrager 18.05.2015
Wenn man sich so ein Wenig in Berichte und Literatur über Sellafield eingelesen hat, dann gibt es drei Möglichkeiten: 1. Es gibt Leute in England, die so was gerne dramatisieren - unnötig. Denn es ist nicht so problematisch. 2. Es ist wirklich so problematisch. oder 3. Beides zusammen trifft zu. - Sicher ist, dasz England beim Umgang mit den Problemen in Sellafield nicht gerne eine geeignete Transparenz übt. Auch scheint man da Radioaktivität, zumindestens zeitweise, ziemlich locker zu sehen.
5. bei uns
bepekiel 18.05.2015
werden Personen die Mißstände aufzeigen zum Psychiater geschickt etc. siehe Hessen und BVM
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