Großbritannien Cameron-Vertrauter entsorgt Regierungspapiere im Park

Wie geht man mit Regierungspapieren um? Oliver Letwin, Staatsminister und rechte Hand von Großbritanniens Premier Cameron, hat da seine ganz eigene Methode: Er hat Dokumente in Abfalleimern eines Londoner Parks entsorgt - darunter Briefe über die Arbeit der Geheimdienste und al-Qaida.

Staatsminister Oliver Letwin: Handy an einem Ohr, Papiere in der anderen Hand
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Staatsminister Oliver Letwin: Handy an einem Ohr, Papiere in der anderen Hand


London - Die britische Regierung schreibt Datensicherheit groß: Die Anweisung lautet: "Werfen Sie nicht beiläufig Dokumente weg. Zerstören Sie sie, am besten mit einem Schredder." Eindeutig also, sollte man meinen - aber nicht für Oliver Letwin, Staatsminister von Premier David Cameron und dessen enger Berater.

Letwin hat Zugang zu den meisten sensiblen Dokumenten der britischen Regierung. Aber was heißt für Minister schon sensibel?

Fünf Tage lang beobachteten Reporter des "Daily Mirror" den Staatsminister bei seinen morgendlichen Spaziergängen im St. James Park im Zentrum Londons, nahe der Downing Street. Dort telefonierte er, las in Papieren. Und wenn Letwin sie nicht mehr benötigte, schmiss er sie in einen der Abfalleimer am Wegesrand, wie Fotos der Zeitung dokumentieren. Einmal warf er die Dokumente gleich in den Müllsack eines vorbeikommenden Straßenkehrers.

In den meisten Fällen entledigte sich Letwin der Dokumente sogar, ohne sie zu zerreißen - und wenn dann so notdürftig, dass sich die Papierschnipsel leicht wieder zusammensetzen ließen.

"Unvollständige und ungenaue" Berichte des Geheimdienstes

Der Staatsminister scheint seine Papiere häufiger im St. James Park zu entsorgen. Der "Daily Mirror" holte allein in den fünf Tagen 100 Dokumente aus den Mülleimern.

Darunter sind private Briefe, Schreiben mit persönlichen Telefonnummern und Adressen von Abgeordneten - aber auch Regierungspapiere über das Terrornetzwerk al-Qaida, Libyen, Pakistan und Afghanistan, die nationale Sicherheitslage, die Geheimdienste MI5 und MI6 sowie geplante Reformen.

Ein Dokument beschreibt zum Beispiel, wie die britischen Geheimdienst-Chefs bei Befragungen von Terrorverdächtigen scheiterten. Ein anderer, ein Brief des konservativen Abgeordneten Andrew Tyrie, ist an den Geheimdienstausschuss des Parlaments adressiert. Darin heißt es, dass die britischen Geheimdienste manchmal "unvollständige und ungenaue" Berichte über ihre Arbeit vorlegten.

In einem dritten, einer ausgedruckten E-Mail, wird die Lage in Pakistian diskutiert: Die Regierung arbeite daran, Pakistan stabilzuhalten und das Risiko durch al-Qaida und andere zu minimieren, die diesen extrem unruhigen Teil der Welt als Basis benutzen könnten, um Großbritannien zu attackieren.

Sensible Unterlagen?

Neben Cameron werden in Letwins Abfallpapieren auch der Vize-Premier Nick Clegg, der Schatzkanzler George Osborne und der frühere Premier Tony Blair erwähnt.

Und was sagt Letwin zu seinen Weg-Werfgewohnheiten? Über einen Sprecher lässt der Minister mitteilen, dass er einen Teil seiner Parlaments- und Wahlkreis-Korrespondenz vor der Arbeit im Park erledige - und ja, manchmal werfe er dort auch einige Kopien weg. Aber bei keinen dieser Dokumente handele es sich um sensible Unterlagen, wiegelt Letwin ab.

Seinem Chef Cameron dürfte dieser neue Abfall-Skandal alles andere als gefallen: Erst vor wenigen Tagen war Verteidigungsminister Liam Fox in die Schlagzeilen geraten, er soll einen engen Freund auf Dienstreisen mitgenommen haben.

 heb



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
ratxi 14.10.2011
1. Der Umwelt zuliebe
Zitat von sysopWie geht man mit Regierungspapieren um?*Oliver Letwin, Staatsminister und rechte Hand von Großbritanniens Premier Cameron, hat da seine ganz eigene Methode: Er hat Dokumente in Abfalleimer eines Londoner Parks entsorgt - darunter Briefe über die Arbeit der*Geheimdienste und al-Qaida. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,791770,00.html
Na, ein Altpapiercontainer hätte es doch schon sein dürfen, der Umwelt zuliebe... ;)
Methados 14.10.2011
2. .
dilletanten wohin das auge reicht. ich käme NIE, wirklich niemals auf die idee, ein manifest meiner firma auch nur irgendwo ausserhalb der firma mit hin zu nehmen. die gefahr, dass daten davon verloren, geklaut werden könnten ist einfach gegeben und ich würde sofort meinen job verlieren und meiner firma schaden. anscheinend ist sowas den politikern voll egal. oder: der gute herr hat extra diese papiere dort "deponiert" und ein anderen, vermutlich schlapphut tragender herr kommt immer später vorbei und besorgt sich diese dokumente.
neu_im_forum 14.10.2011
3. Ich
Ich halte es da mit Obelix. Die spinnen die Briten!
Askari 14.10.2011
4. Materielle Betrachtungsweise
Es ist allgemein bekannt, dass die Geheimdienstberichte weniger Gehalt haben als Zeitungsartikel, die meist als Quelle dienen und verkürzt wiedergegeben werden. Wenn man Zeitungen ohne weiteres in öffentlichen Papierkörben entsorgen kann, dann doch Geheimdienstberichte erst recht.
Akku, 14.10.2011
5. Hmm
Vielleicht will er aber auch nur einfach WikiLeaks zuvor kommen
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