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Großbritannien: Chef-Richter will Scharia ins Rechtssystem integrieren

Vielen gilt die Scharia als ein grausames Strafensystem - Großbritanniens höchster Richter aber will ihr mehr Bedeutung geben: Lord Phillips spricht sich für das islamische Rechtssystem zur Beilegung von Streitigkeiten und Ehe-Angelegenheiten aus. Selbst unter Muslimen sind die Reaktionen verhalten.

Hamburg/London - Auspeitschen, Steinigen, Abhacken von Händen - diese Strafen sieht das islamische Rechtssystem der Scharia vor. Für den Obersten Richter von England und Wales könnten weniger martialische Regelungen dennoch Eingang in das britische Rechtssystem finden: Über die Scharia gebe es ein "weitverbreitetes Missverständnis", glaubt Lord Nicholas Addison Phillips. "Es gibt keinen Grund, warum die Scharia, oder andere religiöse Regelsätze, nicht die Grundlage zur Schlichtung oder für andere Formen außergerichtlicher Einigung sein könnten ...", sagte er am Donnerstag in London.

Lord Phillips: Der englische Chefrichter sieht ein "weitverbreitetes Missverständnis" über die Scharia
REUTERS

Lord Phillips: Der englische Chefrichter sieht ein "weitverbreitetes Missverständnis" über die Scharia

Allerdings betonte Phillips bei seiner Rede in Whitechapel vor dem muslimischen Zentrum im Osten von London, dass die drastischen Strafen der Scharia niemals akzeptiert werden könnten. Zudem wies er darauf hin, dass er keinesfalls "irgendeine Idee von Scharia-Gerichten, die in diesem Land agieren und versuchen, solche Strafen durchzusetzen" wolle. Dem Chefrichter zufolge ist es unter Muslimen im Vereinigten Königreich jedoch längst Praxis, die Scharia zur Lösung von Familien- oder Vertragsstreitigkeiten heranzuziehen.

Lord Phillips stellte sich damit hinter ähnliche Forderungen des Oberhaupts der anglikanischen Kirche Rowan Williams, die vor einem halben Jahr mit scharfer Kritik aufgenommen worden waren. Der Erzbischof von Canterbury hatte darauf verwiesen, dass in Großbritannien 1,7 Millionen Muslime leben und erklärt, dass es "unvermeidlich" sei, Elemente der Scharia im britischen Zivilrecht anzuerkennen.

Den Vorstoß des Erzbischofs von Canterbury hatten im Februar Premierminister Gordon Brown und zahlreiche andere Politiker rundweg abgelehnt. Auch das Oberhaupt der katholischen Kirche von England und Wales, Kardinal Cormac Murphy O'Connor, hatte sich klar dagegen ausgesprochen. "Wenn Leute in dieses Land kommen", meinte O'Connor, "dann haben sie sich an seine Gesetze zu halten."

Chefrichter Phillips schlug außerdem vor, dass Prinzipien der Scharia bei Heiratsvereinbarungen angewandt werden sollten. "Es ist möglich in diesem Land, dass jemand, der ein Vertragsverhältnis eingeht, der Anwendung eines anderen Rechts als des englischen Rechts zustimmt", sagte er.

Tatsächlich gibt es in Großbritannien laut der Zeitung "Daily Telegraph" die Möglichkeit für manche Gruppen, ihr religiöses Regelsystem bei bestimmten Auseinandersetzungen anzuwenden. Demnach können beispielsweise orthodoxe Juden die Beth-Din-Rabbi-Gerichte für Ehe-Angelegenheiten anrufen.

Kritiker einer Scharia-Anwendung bei entsprechenden Fällen wenden jedoch ein, muslimische Frauen hätten bei einer solchen Eheschließung nicht die gleichen Rechte wie im englischen Recht. Dies könnte vor allem im Fall der Scheidung zu erheblichen Problemen für sie führen.

Unter britischen Muslimen wurden die Scharia-Äußerungen des Richters - offenbar als Annäherung an die Religionsgemeinschaft gedacht - sehr vorsichtig aufgenommen. Der Zeitung "Independent" zufolge sagte Usama Hasan, Imam an der al-Tawhid-Moschee in London und Scharia-Experte: "Muslimische Paare würden es bevorzugen, ihre persönlichen Auseinandersetzungen von einem Scharia-Gelehrten klären zu lassen, weil ein solches Verfahren ihren Status beeinflusst." Allerdings wies Hasan darauf hin, dass die Scharia-Diskussion in Großbritannien eine sehr schwierige sei, weil die Angelegenheit "wie eine rote Flagge" in der Öffentlichkeit funktioniere.

Der "Daily Telegraph" zitiert den muslimischen Labour-Abgeordneten Khalid Mahmood, der die Scharia-Anwendung auf der Insel als "spaltend" bezeichnet. "Das würde eine Zwei-Säulen-Gesellschaft schaffen", sagte er. "Es würde die muslimische Gemeinschaft vom Rest der britischen Gesellschaft entfremden und abspalten." Mahmood: "Was Lord Phillips und der Erzbischof diskutieren ist etwas, das völlig außerhalb ihres Verständnisvermögens liegt."

Auch christliche Politiker und Vertreter der katholischen Kirche äußerten Kritik an dem Scharia-Vorstoß von Lord Philipps.

flo/dpa

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