Erfolgsmodell soziale Marktwirtschaft: Briten entdecken Deutschland als Vorbild

Von , London

Das deutsche Champions-League-Duell in Wembley lässt die Briten wieder über den Ärmelkanal schauen: Sie beneiden Deutschland nicht nur um die bodenständige Bundesliga, sondern auch um die Vorteile der sozialen Marktwirtschaft.

Großbritannien: Vorbild Deutschland Fotos
AP

"Warum können wir nicht mehr wie Deutschland sein?", fragt das Wochenmagazin "New Statesman" in seiner aktuellen Ausgabe. Auf dem Titel ist Kanzlerin Angela Merkel neben Bayern-Star Bastian Schweinsteiger abgedruckt - als Vorbilder in Fußball und Politik. Die These des linken Blatts: "Großbritannien kann prosperieren, wenn es Deutschlands Erfolg versteht."

Ungefähr alle zwanzig Jahre begännen britische Politiker und Geschäftsleute, über das "deutsche Modell" zu tuscheln, schreibt Titelautor Philip Oltermann. Jetzt ist wieder so ein Moment. Der Einzug von Borussia Dortmund und Bayern München in das Finale der Champions League scheint nur zu bestätigen, was seit Monaten auf der Insel zu hören ist: Irgendetwas machen die Deutschen richtig.

Die oligarchenfreie Zone der Bundesliga wird als jüngstes Beispiel dafür herangezogen, wie man nachhaltig und erfolgreich wirtschaftet. Die bodenständigen Vereine, die mehrheitlich den Fans gehören, seien "ein Mikrokosmos der Struktur der deutschen Wirtschaft", schreibt der "New Statesman".

Bei den britischen Linken wird die rheinische Spielart der Marktwirtschaft seit jeher bewundert. Die Mitbestimmung der Arbeitnehmer, die dem öffentlichen Wohl verpflichteten Sparkassen, die langfristig denkenden Familienunternehmer - all dies entspricht der sozialdemokratischen Tradition der Labour-Partei.

Britische Regierung fördert Lehrstellen und Mittelstandsbank

Doch auch die liberalkonservative Koalition von Premier David Cameron setzt inzwischen auf deutsche Rezepte, um die stagnierende Wirtschaft wieder anzukurbeln. Sie hat eine Lehrstellen-Initiative gestartet, damit mehr Unternehmen ihre Fachkräfte selbst ausbilden. Eine staatliche Mittelstandsbank nach dem Vorbild der Kreditanstalt für Wiederaufbau soll kleine und mittlere Unternehmen mit Krediten versorgen. Und der Export wird zunehmend mit staatlichen Bürgschaften gefördert.

Regierung und Opposition stünden im Bann deutscher Ideen, konstatierte die "Financial Times" im April. "Sie wollen jetzt alle deutsch sein." Selbst die walisische Partei Plaid Cymru forderte kürzlich mit Verweis auf den deutschen Aufbau Ost ein Investitionsprogramm, um die strukturschwachen Regionen des Königreichs zu beleben.

Das Umdenken begann nach dem Finanzcrash 2008. Die bankenlastige britische Wirtschaft hat sich bis heute nicht von dem Schlag erholt, während die deutsche Konjunktur vergleichsweise robust blieb. Das liegt auch daran, dass die Industrie in Großbritannien nur noch elf Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht. In Deutschland sind es 21 Prozent.

Der Arbeitgeberverband CBI forderte darum bereits 2011 eine Mittelstandsoffensive. Großbritannien brauche seine eigene Form des deutschen Mittelstandes, um Innovation und Wachstum zu schaffen, sagte CBI-Chef John Cridland. Die Regierung reagierte mit der Mittelstandsbank.

Am meisten angetan ist jedoch die Labour-Opposition. Parteichef Ed Miliband redet gern über einen neuen "verantwortlichen Kapitalismus". Vorbei die Kumpelei mit den Londoner Großbanken, für die New Labour unter Tony Blair berüchtigt war. Stattdessen reisten Parteivertreter nach Deutschland, um sich über die Sparkassen zu informieren. Kurze Zeit später verkündete Miliband, dass er im Falle eines Wahlsiegs 2015 regionale Banken einrichten wolle, die sich zielgerichtet um die Bedürfnisse der lokalen Wirtschaft kümmern.

Der "Independent" spricht - nur halb im Scherz - bereits von "Neue Labour". Zwei von Milibands Beratern, Maurice Glasman und Stewart Wood, sind ausgewiesene Deutschland-Kenner. Sie plädieren für eine Rückkehr zu dem Mitbestimmungsmodell, das ausgerechnet die Briten nach dem Krieg in Deutschland eingeführt hatten.

Selbst der aktuelle Golden Boy der britischen Politik, Nigel Farage, der mit seiner europakritischen Partei Ukip gerade bei den Kommunalwahlen erfolgreich war, sieht Nachahmenswertes in Deutschland. Sein Beitrag zur Debatte: Statt des strikten Rauchverbots in englischen Pubs solle man doch Raucher- und Nichtraucherzonen einführen - wie in deutschen Kneipen.

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insgesamt 186 Beiträge
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1. Brauchen die Geld?
derbochumerjunge 06.05.2013
Brauchen die Geld oder was soll diese Anschleimattacke?
2. Jam
boblinger 06.05.2013
Außer jetzt bei Marmelade.
3. Die oligarchenfreie Zone der Bundesliga ?
rauld 06.05.2013
Wolfburg, Leverkusen, Hoffenheim weitere stehen in den Startlöchern
4.
freekmason 06.05.2013
Zitat von sysopDas deutsche Champions-League-Duell in Wembley lässt die Briten wieder über den Ärmelkanal schauen: Sie beneiden Deutschland nicht nur um die bodenständige Bundesliga, sondern auch um die Vorteile der sozialen Marktwirtschaft. Großbritannien entdeckt deutsche Marktwirtschaft als Vorbild - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/grossbritannien-entdeckt-deutsche-marktwirtschaft-als-vorbild-a-898020.html)
soziale marktwirtschaft? in deutschland? lol! sogar Rösler hat mittlerweile festgestellt, dass die alles andere als sozial ist. die meinen bestimmt den merkelschen bankensozialismus.
5. Die Soziale Marktwirtschaft gibt es seit 2003 nicht mehr.
prince62 06.05.2013
Zitat von sysopDas deutsche Champions-League-Duell in Wembley lässt die Briten wieder über den Ärmelkanal schauen: Sie beneiden Deutschland nicht nur um die bodenständige Bundesliga, sondern auch um die Vorteile der sozialen Marktwirtschaft. Großbritannien entdeckt deutsche Marktwirtschaft als Vorbild - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/grossbritannien-entdeckt-deutsche-marktwirtschaft-als-vorbild-a-898020.html)
Seit Agenda 2010 und den folgenden HartzIV-Verarmungsgesetzen gibt es in Deutschland die Soziale Marktwirtschaft nicht mehr. Oder warum glauben die Medien, haben Schwarz-Geld keinerlei Änderungen an den Gesetzen der Rotz/Grünen-Regierung vorgenommen, sie brauchten es nicht, es war bereits alles zur vollsten Zufriedenheit der Finanzwirtschaft erledigt. Die Sozial- und Steuerkassen waren zur Plünderung freigegeben, natürlich alles gesetzlich und juristisch abgesichert, schließlich sind wir in Deutschland, da muß jede Sauerei gerichtsmäßig sicher sein.
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