Großbritannien Entlassener Drogen-Zar rächt sich an britischer Regierung

Alkohol ist schädlicher als Cannabis - diese Meinung hat den Top-Drogenberater der britischen Regierung den Job gekostet. Sein Rauswurf erregt die Öffentlichkeit, doch eine Liberalisierung der Drogenpolitik ist nicht zu erwarten, da sind sich Regierung und Opposition ausnahmsweise einig.

Von , London

Nach Ansicht des entlassenen britischen Drogenberaters weniger gefährlich als Alkohol: Cannabis
REUTERS

Nach Ansicht des entlassenen britischen Drogenberaters weniger gefährlich als Alkohol: Cannabis


Die britischen Komasäufer sind international berüchtigt, jedes Wochenende ist das ungesunde Massenphänomen in den englischen Innenstädten zu beobachten. Gerade auf der Insel sollte es also kein Sakrileg sein zu sagen, dass Alkohol schädlicher als Cannabis sei.

Doch wurde diese Einschätzung dem Top-Drogenberater der britischen Regierung nun zum Verhängnis. Professor David Nutt, Vorsitzender des 28-köpfigen Drogensachverständigenrats der Regierung, musste am Freitag sein Amt niederlegen, weil er gesagt hatte, die legalen Drogen Alkohol und Tabak seien gefährlicher als die illegalen Drogen Ecstasy, LSD und Cannabis.

Der Rauswurf des Drogen-Zars hat eine hitzige Debatte in der britischen Öffentlichkeit ausgelöst - über die Meinungsfreiheit von Regierungsberatern, den Populismus der Labour-Regierung und den "Nutty Professor", den "verrückten Professor", dessen Nachname ein Geschenk für die britischen Schlagzeilenmacher ist.

Die einen sehen Nutts Rauswurf als Beweis dafür, dass die Regierung wissenschaftliche Erkenntnisse unterdrückt, wenn sie ihr unpopulär erscheinen. Die anderen verteidigen die Regierung: Ein Minister könne es nicht hinnehmen, dass sein wichtigster Berater die offizielle Null-Toleranz-Linie gegen Drogen konterkariere. "Berater beraten, Minister entscheiden", sagte der frühere konservative Minister, Lord Young. "Ich hätte ihn auch rausgeschmissen".

"Reiten ist schädlicher als Ecstasy"

Nutt wirbt seit langem dafür, den Besitz von Cannabis und Ecstasy weniger hart zu ahnden. Der Besitz von Cannabis kann in Großbritannien mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Im dreistufigen Klassifikationssystem der Regierung, das die Schädlichkeit einer Droge und die Strafen für ihren Besitz festlegt, ist Cannabis in der mittleren Kategorie B eingestuft. Ecstasy ist in der höchsten Kategorie A - auf einer Stufe mit Heroin, Kokain, Crack und LSD.

Vor fünf Jahren hatte die damalige Regierung unter Premierminister Tony Blair Cannabis von B nach C heruntergestuft. Wer beim Marihuana-Rauchen erwischt wurde, musste fortan keine Festnahme mehr befürchten. Die Polizei sollte sich auf den Kampf gegen die harten Drogen konzentrieren.

Blairs Nachfolger Gordon Brown jedoch wollte nach seinem Amtsantritt 2007 gleich beweisen, dass er einen "moralischen Kompass" hat. Er verkündete, Cannabis wieder von C nach B heraufstufen zu wollen - gegen den Rat des Drogensachverständigenrats.

Nutt, seit 2008 Vorsitzender des Beirats, hat die zunehmende Politisierung des Rats nie verwunden und immer wieder seine Meinung kundgetan. Das Brown-Kabinett sei die erste Regierung seit dem Inkrafttreten des Drogenmissbrauchgesetzes 1971, die sich bewusst über das wissenschaftliche Urteil des Sachverständigenrats hinwegsetze, schimpfte er.

Nutt schreckte auch vor steilen Thesen nicht zurück. In einer Fachzeitschrift machte er die Welt im Februar mit dem "Pferde-Abhängigkeitssyndrom", kurz "Equasy", bekannt. An dieser "Krankheit" stürben in Großbritannien zehn Menschen pro Jahr, argumentierte er, nicht eingerechnet die Opfer von hundert Verkehrsunfällen. Pferdereiten sei also schädlicher als Ecstasy, schloss der Pharmakologe. Die Presse freute sich, die damalige Innenministerin tobte, er musste sich entschuldigen.

"Die Regierung hat ihren größten Drogenexperten verloren"

Das Fass zum Überlaufen brachte nun eine Rangliste, die Nutt bei einer Vorlesung am King's College in London präsentierte. In dem Ranking waren Drogen nach ihrer Schädlichkeit aufgelistet: Alkohol kam gleich an fünfter Stelle - hinter Kokain, Heroin, Schlafmitteln und Opium. Tabak folgte an neunter Stelle - weit vor Cannabis, Ecstasy und LSD.

Innenminister Alan Johnson hatte genug: Nutt war in seinen Augen ein unbelehrbarer Wiederholungstäter. Der Berater habe sein Vertrauen verloren, rechtfertigte Johnson die Entscheidung am Montagnachmittag im Unterhaus. Nutt habe wiederholt gegen die Regierungslinie Stellung bezogen und damit gegen die Regeln verstoßen.

Der konservative Oppositionsführer David Cameron sprang der Regierung bei. Er halte den Rauswurf für richtig und würde auch an der Klassifizierung der Drogen nichts ändern.

Nutt zeigte sich tief enttäuscht. Die Debatte im Parlament sei "abstoßend" gewesen, sagte er der BBC. "Die meisten Politiker verstehen es einfach nicht". Nur die Liberaldemokraten verteidigten Nutt. Die Begründung, er betreibe Lobbyarbeit gegen die Regierung, sei "Unsinn", sagte deren innenpolitischer Sprecher Chris Huhne. Regierungsberater sollten unbehelligt ihre Meinung sagen dürfen.

Auch die Zeitungskommentatoren waren mehrheitlich auf Nutts Seite. "Es ergibt keinen Sinn, Berater zu haben, die nur das sagen, was die Regierung hören will", schrieb die "Times". Der Innenminister habe ein "spektakuläres Eigentor" geschossen.

Zwei Mitglieder des Drogensachverständigenrats traten aus Solidarität mit Nutt zurück. Weitere Rücktritte werden erwartet, wenn der Beirat nächste Woche zusammentritt. Nutt selbst setzte sich an die Spitze der Protestbewegung und schrieb recht unbescheiden in der "Times", die Regierung habe ihren "größten Drogenexperten" verloren, und der Sachverständigenrat sei nun nicht mehr "funktionsfähig".

Andere sahen es nüchterner. Aus Sicht der Wissenschaft liege Nutt richtig, kommentierte "Telegraph"-Kolumnist Philip Johnston. Die Gesetze seien absurd. Nutts einziger Fehler sei es zu glauben, Drogenpolitik habe etwas mit Wissenschaft zu tun.



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