Von Carsten Volkery, London
Das britisch-russische Verhältnis, ohnehin nicht das wärmste, wird von einem neuen Streit belastet. Die britische Regierung hat dem früheren russischen Spitzenbanker Andreij Borodin nach zweijährigem Aufenthalt in England politisches Asyl gewährt. Das berichten die russische Zeitung Vedomosti und die BBC. Eine offizielle Begründung für die Entscheidung wurde zunächst nicht bekannt.
Die Regierung in Moskau reagierte wütend. "Sobald Sie 'politische Verfolgung' schreien, kriegen Sie garantiert politisches Asyl", sagte eine Sprecherin des russischen Premierministers Dmitrij Medwedew. "Wir bedauern, dass dieser einfache Trick im Vereinigten Königreich mal wieder funktioniert hat". Borodin sei ein "einfacher Krimineller".
Der 45-jährige Multimillionär ist in Russland des Betrugs angeklagt. Der frühere Chef der Bank Moskwy soll den Stadthaushalt Moskaus um mehrere hundert Millionen Euro erleichtert haben. Er selbst nennt die Vorwürfe politisch motiviert. Der damalige Präsident Medwedew habe ihn aus der Bank und aus dem Land gedrängt, sagt Borodin.
Die Geschichte klingt vertraut: Viele Londoner Exilanten aus Moskau behaupten, Opfer der Ränkespiele im Kreml zu sein. Auch der frühere Jelzin-Vertraute Boris Beresowski erhielt Asyl in Großbritannien, als er sich mit dem neuen Machthaber Wladimir Putin überwarf.
Die Faktenlage im Fall Borodin ist schwer zu durchschauen. Es begann offensichtlich im Herbst 2010, als Medwedew den langjährigen Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow feuerte. Borodin, ein enger Vertrauter Luschkows, war damals Chef der Bank Moskwy, die zu 46 Prozent der Stadt gehörte. Der neue Bürgermeister stellte die Bank zum Verkauf. Die Staatsbank VTB meldete Interesse an. Im Zuge einer Buchprüfung wurden dann Geheimkonten entdeckt, mittels derer Borodin sich bereichert haben soll. Auch soll ein Großteil der Kredite in den Büchern faul gewesen sein, was die größte staatliche Rettungsaktion einer russischen Bank zur Folge hatte.
Borodin bestreitet bis heute, dass die Bank staatliche Hilfe brauchte. Doch es half nichts. Im April 2011 wurden er und sein Stellvertreter entlassen. Seinen 20-Prozent-Anteil an der Bank verkaufte er für geschätzte 600 Millionen Euro an einen Mittelsmann, der ihn an die VTB weiterverkaufte. Seither lebt der Ex-Banker in England. 2012 kaufte er sich im vornehmen Henley-on-Thames das bis dahin teuerste Haus Großbritanniens für 140 Millionen Pfund.
Wie andere russische Exilanten vor ihm stellte Borodin sogleich Asylantrag. Das schützte ihn vor der Auslieferung. Seit November 2011 wird er von Interpol wegen Betrugs gesucht. Die Entscheidung der britischen Regierung entzieht ihn nun vollends dem Arm der russischen Justiz.
Russische Kommentatoren reagierten empört. Wieder einmal zeige sich, dass London das Mekka für russische Oligarchen mit einer fragwürdigen Vergangenheit sei, die auf der Flucht vor der Strafverfolgung seien, schrieb die "Voice of Russia". "Wieso gewähren sie einem Mann mit einem solchen Ruf Asyl?"
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Russland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH