Politik

Tories-Darling Jacob Rees-Mogg

Über diesen Mann lacht May bald nicht mehr

Ist das der Neue aus "Downton Abbey"? Nein, es ist der Neue bei den Tories: Jacob Rees-Mogg gilt als Hoffnungsträger der britischen Konservativen. Für Theresa May wird der schrullige Millionär brandgefährlich.

Von , London

Samstag, 30.09.2017   16:51 Uhr

Neulich ist Theresa May gefragt worden, ob sie sich vorstellen könne, Jacob Rees-Mogg zum Minister zu machen. Sie hat daraufhin laut losgelacht, ziemlich lange sogar. "Länger, als es meine Mutter für angemessen hielt", sagt Jacob Rees-Mogg. Nicht, dass er darüber grollen würde. Er findet das Gewese um seine Person ja selbst ganz lustig. Anderen ist das Lachen inzwischen vergangen.

Denn Jacob Rees-Mogg, und das ist kein Witz, wird in Großbritannien seit Wochen als ein Favorit für den Vorsitz der konservativen Partei gehandelt.

Seit Regierungschefin May im Juni die Wahlen in den Sand setzte, orakeln die Briten, wer ihr nachfolgen könnte. Dass nun ein Mann sogar bereits in einer Umfrage führt, gegen den selbst Margaret Thatcher beinahe liberal wirkt, erzählt viel über Großbritannien, das Chaos bei den Konservativen und die Sehnsucht nach einer politischen Alternative.

Rees-Mogg sitzt seit 2010 für die Tories im Unterhaus. Er wäre vielleicht schon früher Abgeordneter geworden, doch der Volksvertreter und sein Volk mussten sich erst aneinander gewöhnen: In seinen ersten Wahlkämpfen pflegte der Historiker und Multimillionär in Luxuslimousinen durchs Land zu kreuzen und mit gurgelndem Upper-Class-Englisch auf die Leute einzureden. Sie verstanden ihn nicht, und er sie nicht, so dauerte es, bis seine politische Karriere vorankam.

Im Parlament trägt der tief gläubige Katholik und Vater von sechs Kindern stets dunkle, übergroße Zweireiher, die wirken, als seien sie für "Downton Abbey" geschneidert worden. Er zitiert bisweilen romantische Gedichte und benutzt Worte, die schon in frühen Ausgaben des Oxford Dictionary ein Randdasein fristeten. "Ich bin so altmodisch wie ich aussehe", sagt Rees-Mogg. Er ist erst 48, wirkt aber auf merkwürdige Weise gleichzeitig jünger und so alt wie sein eigener Großvater.

Scharfzüngiger Rechtsausleger als Kultfigur

Er ist gegen Steuererhöhungen für Reiche, gegen höhere Sozialleistungen, gegen Klimaschutz, gegen die Homoehe, gegen Abtreibung, gegen Raucherschutz. Letzteres wohl auch, weil er seine Millionen als Gründer der Investmentfirma Somerset Capital gemacht hat, die eng mit der Tabakindustrie verbandelt ist. Selbstverständlich ist Rees-Mogg auch leidenschaftlicher Gegner der Europäischen Union. Den Brexit vergleicht er mit der Schlacht bei Waterloo, als die Briten (und, zugegeben, ein paar andere) Napoleon besiegten.

Dass ein schrulliger Erzkonservativer nun als Heilsbringer der Tories gehandelt wird, zeigt, wie verzweifelt deren Lage ist. May gilt als angeschlagen, ihre ärgsten Rivalen, Außenminister Boris Johnson und Brexit-Minister David Davis, haben sich mit ständigen Intrigen selbst demontiert. Der unverbrauchte Rees-Mogg dagegen hat sich einen Ruf als scharfzüngiger Rechtsausleger erarbeitet.

Vor allem aber ist der "ehrenwerte Abgeordnete des 18. Jahrhunderts", wie manche spotten, mit Hilfe junger Fans zur unwahrscheinlichsten britischen Kultfigur seit dem Skispringer Eddie the Eagle geworden. Seit Mays Wahldebakel haben fast 30.000 Menschen die Petition "Ready for Rees-Mogg" unterzeichnet. Auf Facebook haben sich etliche Unterstützergruppen gebildet, die vor allem seine Authentizität bewundern; auf Twitter hat Rees-Mogg in wenigen Wochen 65.000 Follower gesammelt, auch wenn der Anti-Modernist mit dem Gespür für feine Pointen bisweilen auf Latein schreibt.

"Appetit auf Konservatismus"

Auf dem Parteitag der Tories, der am 1. Oktober beginnt, wird "The Mogg" binnen 48 Stunden auf neun Podien Platz nehmen. Seine Jünger haben angekündigt, in Scharen nach Manchester pilgern zu wollen. Vom "Moggmentum" ist die Rede, eine Anspielung auf die Graswurzelbewegung "Momentum" von Jeremy Corbyn. Tatsächlich gibt es erstaunliche Parallelen zwischen dem asketischen Labour-Chef und dem hageren Tory-Mann: Sie wurden in ihren Parteien lange belächelt, stehen selbst dann zu ihren Prinzipien, wenn es ihnen politisch schadet, und verkörpern in einer Zeit, in der Mainstream-Politik als austauschbar gilt, radikale Positionen.

Glücklich sei er über diesen Vergleich nicht, sagt Rees-Mogg in einem dieser schummrigen Parlamentsgemächer in Westminster, die sich seit 100 Jahren kaum verändert haben: Man dürfe nicht vergessen, dass Corbyn für eine Politik stehe, die allerorten gescheitert sei, "während die Politik, die ich vertrete, oft erfolgreich ausprobiert wurde, unter anderem von Margaret Thatcher." Es gebe "einen Appetit auf Konservatismus", den seine Partei schon länger nicht mehr befriedige. Tony Blair habe einst triumphiert, weil er Labour nach rechts gerückt habe, das sei derart erfolgreich gewesen, dass die Konservativen ihrerseits in die Mitte geschwenkt seien. Er würde das gerne ändern.

Will er also Parteichef, gar Premier werden? Der Hinterbänkler setzt jenes amüsierte Lächeln auf, das er mitunter zeigt, wenn er sich intellektuell unterfordert fühlt. "Würde ich meinen Hut in den Ring werfen, flöge er mir schnell wieder entgegen." Im übrigen denke er nicht über "unrealistische Optionen" nach. Und es stimmt ja, bei den Konservativen ist es fast unmöglich, dass Leute wie er ganz nach vorne rücken.

Es muss sich also keiner sorgen: Rees-Mogg als Primus ist in etwa so wahrscheinlich wie ein Austritt Großbritanniens aus der EU oder ein US-Präsident namens Donald Trump.

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