Mays Herausforderer Guter Jeremy, böser Corbyn

Der Linke Corbyn ist bei der Briten-Wahl Außenseiter. Eigentlich. Doch dank der Patzer seiner Gegnerin sind die Chancen des Labour-Chefs gestiegen. Wer ist der Mann, der Theresa May aus dem Amt jagen will?

Jeremy Corbyn
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Jeremy Corbyn

Aus London berichtet


Der Chef von Großbritanniens größter Partei wohnt in einem schmalen Reihenhaus: Flachdach, Gartenzaun, nebenan stapelt sich der Sperrmüll. Vor den Gardinen kleben an den Fenstern Plakate: "Wählt Labour", steht darauf. Darüber groß der Name des Bewohners: "Jeremy Corbyn".

Der Mann, der Theresa May aus dem Amt jagen will, muss den Normalo nicht spielen. Er lebt ihn seit Jahren, hier mitten in London. Islington North heißt Corbyns Wahlkreis, eine Gegend voller Widersprüche. Vermehrt zieht es die wohlhabende Mittelschicht in das einstige Armen-Viertel. Doch noch immer drängen sich auch Dönerläden und Billigfriseure in dem Quartier.

"Das Zuhause des künftigen Premiers", ruft ein Anwohner im Vorbeigehen mit Blick auf Corbyns Haus, das sichtlich in die Jahre gekommen ist.

Corbyns Haus (mit Holzzaun)
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Corbyns Haus (mit Holzzaun)

Seit Labour in den Umfragen eine atemberaubende Aufholjagd gestartet hat, glauben manche wieder daran: Corbyn könnte Regierungschef werden, in Westminster den Ton angeben, in Brüssel mit den EU-Führern verhandeln.

"Ja, der Jeremy", sagt der Mann vor Corbyns Haus und kratzt sich am Kinn, "der hat uns auch schon mal beim Umzug Tragen geholfen. Einfach so."

Wen man auch fragt, fast jeder hier in der Gegend hat so eine Jeremy-Geschichte. Wie der Politiker beim Streit mit Nachbarn half, wie er winkend durch die Straßen radelt. Der Besitzer eines Imbisses kennt seine Söhne. Freundliche Familie, sagt er. Corbyn, der nette Mann von nebenan, mit Zottelbart und Schlabberpulli.

Gegen diesen Mann hetzen die regierenden Tories. Premier May sagte, Corbyn glaube nicht an Großbritannien. Tory-Außenminister Boris Johnson nannte ihn "weich und wirrköpfig". Und überhaupt. Von IRA-Terroristen bis Hamas - der Labour-Politiker habe sich immer auf die Seite von Großbritanniens Gegnern geschlagen.

Corbyn lässt sich nicht in eine Schlammschlacht hineinziehen. "Lächerlich", nannte er Mays Vorwürfe. Das war alles, eine untypische Reaktion für einen Politiker, der einen Ruf als Rebell hat, der Außenseiterpositionen vertritt.

Corbyn in Islington
imago/ ZUMA Press

Corbyn in Islington

Die IRA-Attacken verurteilte er kürzlich nur zögerlich: "Alle Bombenanschläge sind falsch." Die Monarchie stellte er infrage, aus der Nato wollte er austreten, Banken verstaatlichen. Hamas und Hisbollah bezeichnete er einst als "Freunde".

Zum lange gemäßigten Kurs seiner Partei passte das nicht. Seit 1983 sitzt Corbyn im Unterhaus. Nachdem er dort über 500 Mal gegen die Labour-Linie gestimmt hatte, stand er sogar kurz vor dem Rauswurf aus der Partei.

Aufgewachsen im Westen Englands, arbeitete er als Gewerkschafter, kämpfte gegen Atomwaffen, Krieg, Privatisierung. Vieles findet sich jetzt im Wahlkampf wieder. Der linke Hardliner hat das radikalste Parteiprogramm seit Jahren vorgelegt, voller Umverteilungspläne. "Für die Vielen, nicht die Wenigen", lautet der Titel. Niemand bezweifelt, dass er das ernst meint.

Corbyn war immer eher Aktivist als pragmatischer Politiker. An der Spitze der Macht gilt es jedoch, Kompromisse zu finden. Deshalb wollte er da eigentlich nie wirklich hin. 2015 wurde er eher zufällig Kandidat des Linksaußenflügels, eigentlich ein aussichtsloser Posten. Kurz darauf war er Parteichef. Eine Anti-Stimmung gegen die wirtschaftsliberale Politik von Tony Blair und seiner Nachfolger hatte ihn ins Amt gespült.

Partei tief gespalten

Doch es zeigt sich, dass seine größte Stärke auch seine Schwäche ist: Corbyns ist ein Prinzipienreiter. Seine Anhänger mögen das. Doch es macht ihn auch stur, sein Kurs gegen das Establishment verhindert, dass er die Partei in Ruhe führt. Stattdessen ist Labour tief gespalten.

Ein Parkplatz in Reading, westlich von London. Die Partei hat den Ort für Corbyns nächste Rede spontan bekanntgegeben. Eine kleine Bühne, ein paar Lautsprecher zwischen Einkaufszentrum und Schnellstraße. Trotzdem sind Hunderte gekommen: Vor allem Junge, Alternative, Nietengürtel, bunte Haare, viele tragen Schilder: "Tories raus", steht darauf. James, 20, ist schon früh da. Der Student sagt, an Corbyn möge er fast alles. "Er hat ja auch schon immer für Vegetarismus gekämpft."

Das Publikum hat sich verändert, seitdem Corbyn die Partei führt. Plötzlich strömten die Menschen wieder zu Labour, die Mitgliederzahl verdoppelte sich. Der etwas verschroben rüberkommende Alt-Linke punktet mit seiner authentischen Art vor allem bei den Jungen - ähnlich wie Bernie Sanders in den USA. Doch die Neuen in der Partei haben nichts zu tun mit den Mitte-Links-Politikern der Blair-Ära. Eine Mischung aus Altsozialisten und jungen Idealisten bestimmt nun Labours neuen Hardliner-Sound.

Corbyn in Reading
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Corbyn in Reading

Corbyn hat die Partei verändert. Die Basis trägt ihn, doch das Verhältnis zu den Labour-Parlamentariern ist gestört. Nach dem Brexit-Referendum stellte sich ein Großteil gegen ihn. Er habe sich nicht entschlossen genug gegen den Ausstieg gestellt. Doch Corbyn hielt sich im Amt. Seither, heißt es, gehe er rücksichtslos gegen seine Gegner vor.

Insgeheim hoffen einige Labour-Abgeordnete gar auf eine Niederlage, um Corbyn loszuwerden. Doch sollte Corbyn ein klarer Achtungserfolg gelingen, dürfte er an der Parteispitze bleiben.

Gelingt die Überraschung?

Mit seinem Programm hat Corbyn offenbar einen Nerv getroffen, auch wenn er laut Umfragen unbeliebter bleibt als Premier May. Klar ist aber: Corbyn kann sich die rasante Aufholjagd nicht alleine auf die Fahnen schreiben. Im Gegenteil.

Die Konkurrenz führt einen gerade desaströsen Wahlkampf. Premier May patzte mehrfach. Sie wollte nur über den Brexit sprechen. Corbyn kann hier kaum punkten, den Ausstieg hält er nämlich eigentlich für unumgänglich, bei der Einwanderung ist seine Haltung schwammig. Er reagierte - und lenkte den Fokus erfolgreich auf die Innenpolitik.

Als Corbyn die Bühne in Reading betritt, bejubelt ihn die Menge wie einen Popstar. Doch Corbyn hält keine emotionale Rede. Statt zu attackieren spricht er vom Mindestlohn, von Schulessen, von Geld fürs Gesundheitssystem. "Wir wollen die Menschen zusammenbringen", sagt Corbyn. Da ist er wieder, der nette Mann von nebenan.



insgesamt 38 Beiträge
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GSYBE 07.06.2017
1. Geheimwaffe
Die Geheimwaffe von Corbyn, vor allem bei den jungen Wählern, heisst Owen Jones: https://de.wikipedia.org/wiki/Owen_Jones_(Journalist) Sehr aktiv, sehr intelligent, sehr engagiert.
irrenderstreiter 07.06.2017
2.
Ähnlich wie Sanders vertritt der angeblich "linke Hardliner" typisch sozialdemokratische Positionen. Ob man ihm mit ein paar aus dem Kontext gerissenen Floskels wohl gerecht wird?
AlexanderHeintz 07.06.2017
3. Klassen aufbrechen
Man kann über Corbyn denken was man will, und sicher sind einige seiner Positionen konservativ angehauchten Personen schwer vermittelbar, aber die Beschäftigung mit dem wofür er steht lohnt sich. Frau May steht für ein Zementierung der Klassengesellschaft die in England (mangels jeglicher Revolution in der Geschichte) nie ganz verschwunden war, und insofern hat er durchaus recht wenn er sagt, dass Frau May Politik für wenige betreibt, auf Kosten der gesamten Mittel- und Unterschicht. Für die sind die Zustände schon heute teils untragbar und der Brexit wird den Tories die Gelegenheit geben die EU in Zukunft als Sündenbock dafür zu nutzen alle hart-rechten Entscheidungen gegen die eigene Bevölkerung durchzusetzen. Welche Prioritäten sie hat sieht man daran, das sie die wieder Einführung der Fuchsjagd auf der Agenda stehen hat (84% der Bevölkerung - also der gesamte ungewaschene Pöbel - sind dagegen). Auch Ihr Wahlprogramm (Manifesto heisst das in UK) ist eine arrogante Unverschämtheit, wie ein Kommentator so schön sagt sind die einzigen Zahlen darin die Seitennummern. Abgesehen davon das es auch unserem Verständnis von Demokratie widerspricht wenn man sich zur Wahl stellt aber jegliche Debatte verweigert, der Pöbel hat nicht zu fragen sondern zu wählen was ihm befohlen wird! Der breiten Bevölkerung (und auch uns) ist ein Sieg Corbyns zu wünschen.
ihawk 07.06.2017
4. Ein Phänomen
Viele halten ihn für einen Exoten und begreifen nicht, dass das s.g. Establishment die Wähler derart verärgert hat, dass sie sich selbst ins Abseits geschossen haben.
walligundlach 07.06.2017
5. Seither, heißt es, gehe er rücksichtslos gegen seine Gegner vor.
"Heißt es", diese Sätze sind es, die Stimmung machen und harmlos daherkommen.
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