Undercover-Recherche Frühere britische Außenminister boten ihre Dienste für Tausende Pfund an

Britische Reporter stellten eine Falle auf - und zwei frühere Außenminister tappten hinein: Jack Straw und Malcolm Rifkind wollten sich gegen Geld vor den Karren einer fiktiven chinesischen Firma spannen lassen.

Ex-Außenminister Jack Straw: 5000 Pfund pro Tag
REUTERS

Ex-Außenminister Jack Straw: 5000 Pfund pro Tag


London - Die beiden früheren britischen Außenminister Jack Straw (Labour) und Malcolm Rifkind (Konservative) stehen im Zentrum eines Korruptionsskandals. Sie waren offenbar bereit, ihre Kontakte gegen viel Geld zu verkaufen. Die Spitzenpolitiker, die immer noch als einflussreiche Abgeordnete im Unterhaus sitzen, tappten in eine Falle, die ihnen Reporter des TV-Senders Channel 4 und der Zeitung "Daily Telegraph" gestellt hatten. Der Bericht soll am Montagabend ausgestrahlt werden.

Straw bot demnach einer fiktiven Hongkonger Firma seine Verbindungen zu Politikern an - gegen 5000 Pfund (6800 Euro) pro Tag. Rifkind stellte der Firma in Aussicht, ihr die Tür zu "jedem britischen Botschafter in der Welt" zu öffnen. Die beiden Ex-Minister sind die bislang prominentesten britischen Politiker, die sich von als Geschäftsleuten getarnten Journalisten täuschen ließen.

Ex-Minister Rifkind: "Mit aller Kraft dagegen vorgehen"
Getty Images

Ex-Minister Rifkind: "Mit aller Kraft dagegen vorgehen"

Für Straw bedeutet dies drei Monate vor der Parlamentswahl im Mai das Aus, er trat als Konsequenz bereits aus der Labour-Fraktion zurück. Auch Rifkind muss sich einer parlamentarischen Untersuchung stellen.

Straw verteidigte sich am Sonntagabend kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe. Er habe gegenüber den Undercover-Journalisten erklärt, er werde nur dann für deren vermeintliche Firma arbeiten können, wenn er wie geplant nach der Wahl im Mai zurückgetreten sein werde. Nun werde ihm zu Unrecht ein Fehlverhalten unterstellt.

Straw soll seine Kontakte angepriesen haben

Straw war unter Tony Blair und Gordon Brown Außen- und Justizminister. Seine Labour-Partei bezeichnete die Vorwürfe als "verstörend". Er habe sich selbst beim parlamentarischen Kommissar für Verhaltensregeln gemeldet und sich aus der Fraktion zurückgezogen, sagte ein Sprecher. Der frühere Minister gehört zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der Partei.

Den Berichten zufolge pries sich Straw in Treffen mit den verdeckten Journalisten regelrecht an. So habe er angegeben, sich bereits für 60.000 Pfund pro Jahr "unter dem Radar" für eine Rohstofffirma eingesetzt zu haben, um EU-Auflagen zu verändern. Einen früheren ukrainischen Regierungschef will er demnach dazu gebracht haben, zugunsten der Firma Gesetze zu ändern.

Tory-Mann Rifkind, der 1997 in den Ritterstand gehoben worden war, ist Vorsitzender des Geheimdienst- und Sicherheitsausschusses im Parlament. Er war unter John Major Verteidigungs- und Außenminister. Ein Sprecher von Tory-Premierminister David Cameron sagte zu den Enthüllungen, Rifkind habe sich wie Straw beim Parlamentskommissar gemeldet, damit überprüft werde, ob er gegen die Regeln für Abgeordnete verstoßen habe.

Rifkind sagte der BBC am Montagmorgen, es handele sich um sehr schwerwiegende Vorwürfe. Er werde mit aller Kraft gegen sie vorgehen.

Der "Telegraph" berichtete, die Journalisten hätten insgesamt zwölf Parlamentarier kontaktiert. Sechs von ihnen hätten überhaupt nicht reagiert. Nur einer habe den vermeintlichen Geschäftsleuten geantwortet, seine Kontakte seien "nicht zu verkaufen".

ler/AFP



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Horatio Caine 23.02.2015
1. Ggf. kommt mal der Tag an dem...
...ich meinen CEO direkt wählen kann und nicht nur deren politischen Subunternehmer. Dass der Tag (wieder) kommt, an dem ein Politiker seinem Staat dient und nicht mehr nur Partikularinteressen, glaube ich nicht, ggf. hat es so etwas auch nie gegeben.
kevinschmied704 23.02.2015
2. nun er is halt ein ritter
und so benimmt er sich halt wie ein ritter im mittelalter. ich möchte lieber nicht wissen, wie weit diese praxis in europa zum standart verhalten gehört. was mich aber interessiert wieviele gesetze wohl aufgrund solcher verhaltensweisen durch gewunken wurden? es entwickelt sich bei mir zur zeit ein sehr skeptischer blick auf europa, angefangen mit guantanamo und vortführend mit TTIP, es zwingt sich mir der verdacht auf, das mein vertrauen missbraucht wurde. mfg
question2001 23.02.2015
3. Deutschland
Vielleicht sollte Wallraff mal in Deutschland ein paar Honigtöpfe aufstellen um zu sehen wie da reingelangt wird. Wobei Koch, von Klaeden, Pofalla und wie heißen die letzten Fälle, ja eigentlich die Verflechtungen schon genügend gezeigt haben. Komisch übrigens dass es doch überwiegend die werte-bewussten allerchristlichsten Herrschaften sind... Kann es sein dass die größten Gauner (womit ich natürlich nicht die Genannten meine) immer die weißesten Hemden und glänzendsten Seidenkrawatten tragen? Und vor allem die größten Töne spucken?
chiefseattle 23.02.2015
4. Der Ritter
- Rifkind sagte der BBC am Montagmorgen, es handele sich um sehr schwerwiegende Vorwürfe. Er werde mit aller Kraft gegen sie vorgehen. - Jawoll, Korruption muss doch erlaubt sein!
buntesmeinung 23.02.2015
5. Traurig.
Traurig ist, was mir dabei durch den Kopf ging: Ich fragte mich, welches Ergebnis ein ähnlicher Versuch in Deutschland wohl haben würde. Und leider denke ich, dass die "chinesische Firma" auch hier fündig geworden wäre, vermutlich sogar bei schlechterer Entlohnung. Und jetzt frage ich mich: Bin ich so verkommen, dass ich unseren Politikern derart Schlechtes unterstelle oder ist das Land, in dem ich lebe, so verkommen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.