May nach der Wahlschlappe Verloren? Ich?

"An die Arbeit jetzt": Theresa May tut nach dem Verlust ihrer Mehrheit so, als sei nichts passiert. Ihre eiskalte Reaktion irritiert Kommentatoren und Parteifreunde.

Theresa May
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Theresa May


Theresa May will trotz einer herben Schlappe bei der Parlamentswahl in Großbritannien weitermachen wie bisher. Das heißt: im Amt bleiben und das Land aus der Europäischen Union führen.

Am Freitagnachmittag holte sie sich bei Queen Elizabeth II. den Auftrag zur Regierungsbildung. Da ihre Konservativen die absolute Mehrheit verfehlt haben, will May eine Minderheitsregierung mit Unterstützung der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP) führen.

Mit keinem Wort erwähnte die Premierministerin in ihrer kurzen Ansprache vor der Downing Street Nummer zehn, dass die von ihr angesetzte Neuwahl spektakulär nach hinten losgegangen war. Sie hatte die Briten aufgefordert, ihr ein persönliches Mandat für die Brexit-Verhandlungen zu geben. Statt ihre Mehrheit zu vergrößern, verloren die Tories jedoch zwölf Sitze, und die Labour-Opposition legte deutlich zu. May wird mit Rücktrittsforderungen überhäuft.

Doch wer erwartet hatte, die Premierministerin werde ihre Enttäuschung zeigen oder Fehler einräumen, sah sich getäuscht. Sie redete, als habe sie ihr Wahlziel erreicht und sprach davon, dass das Land jetzt Führung brauche. "An die Arbeit jetzt", schloss sie ihre Ansprache.

Beobachter waren irritiert, dass die Premierministerin agierte, als sei nichts passiert. Der Bestsellerautor Robert Harris twitterte, May sei jetzt "im Nordkorea-Modus".

Der frühere Finanzminister George Osborne, der seit seinem Rauswurf 2016 auf Rache sinnt, warf seiner langjährigen Kabinettskollegin Realitätsverweigerung vor. "Königin der Leugnung", titelte der von ihm als Chefredakteur geführte "Evening Standard".

Die "Guardian"-Kolumnistin Marina Hyde schrieb in einem Kommentar, die Premierministerin sei wie ein Vater, der seiner Unterhaltspflicht nicht nachkomme, die Haushaltskasse verzockt habe und seinen Kindern nun aber feierlich erkläre, nur er könne ihnen die Stärke und Stabilität geben, die sie bräuchten.

Für ihren endlos wiederholten Slogan "Starke und stabile Führung" war May schon im Wahlkampf verspottet worden. Dass sie stattdessen das Land nun in eine höchst instabile Situation stürzt, blieb nicht unkommentiert.

Am Nachmittag lieferte May auch gleich einen Beweis, wie angeschlagen sie ist. Entgegen der ursprünglichen Erwartung, Kritiker würden aus ihrem Kabinett entfernt, wurde bekannt, dass alle wichtigen Minister in ihren Ämtern bleiben: Boris Johnson als Außenminister, David Davis als Brexit-Minister. Auch Innenministerin Amber Rudd und Finanzminister Philip Hammond behalten ihre Posten. Zugleich wurde bereits spekuliert, wer May als Regierungschef nachfolgen könnte.

In der Partei brodelt es. "Wir hassen sie alle", zitiert ITV-Korrespondent Robert Peston einen einflussreichen Tory-Abgeordneten. "Aber wir können nichts tun." Der frühere Tory-Parteichef und Außenminister William Hague mahnte seine Parteifreunde im "Telegraph", jetzt sei nicht der Zeitpunkt für eine Neuwahl des Parteivorsitzenden.

Die Tory-Abgeordnete Heidi Allen sagte dem Radiosender LBC, May hätte zurücktreten müssen, wenn sich das Land nicht in den Brexit-Verhandlungen befinden würde. Es sei nur diesem Umstand geschuldet, dass sie weiterhin im Amt bleibe - für maximal sechs Monate.

Einer der liberaldemokratischen Abgeordneten, die ihren Sitz verloren haben, Greg Mulholland, postete am Freitagnachmittag das Bild eines Briefs seiner Töchter. Sie trösten ihren Vater: "Es ist alles die Schuld von Theresa May."

Korrektur: Der Abgeordnete Mulholland wurde in einer früheren Version des Textes als Konservativer identifiziert. Er ist aber Liberaldemokrat.

dop/cvo/dpa/Reuters



insgesamt 82 Beiträge
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nofreemen 09.06.2017
1. es wird hart für alle
Wahlschlappe hin oder her, May ist die legitime Präsidentin und sie hat am meisten Stimmen. Wer will denn Verlierer zu Gewinnern machen? Die Realität ist klar und brutal. Man muss mit May verhandeln. Und es wird schwieriger als wenn sie das absolute Mehr hätte. Jetzt kann sue nicht mehr alleine Entscheiden. Meine Prognose; England verläßt die EU ohne Vereinbarung und Verhandlungen ziehen sich über Jahre hin. Alles andere ist Wunschdenken.
undercover.agent 09.06.2017
2. In Brüssel wird man ...
... May nach ihrem Wahldesaster gar nicht mehr ganz ernst nehmen. Sie wird über kurz oder lang hinschmeißen, sollten die Tories nicht vorher schon die Reißleine ziehen und sie aus der Verantwortung nehmen. UK macht sich allmählich mit den Fehleinschätzungen seiner Premierminister international lächerlich.
Fuscipes 09.06.2017
3.
"Es sei nur diesem Umstand geschuldet, dass sie weiterhin im Amt bleibe - für maximal sechs Monate", eine Bedenkfrist sollte man Ihr einräumen solange Sie noch unter Schock steht, eine Minderheitsregierung mit der DUP ist aber politischer Sprengstoff.
lofi 09.06.2017
4.
Fakt ist aber auch, dass solche Politiker der Demokratie irreparable Schäden zufügen. Erst Cameron, jetzt May. Dazu die Politclowns Johnson und Farage (bis zu seinem Rücktritt) Gerade auf die britische Demokratie haben viele Länder lange mit Respekt und als Vorbild geschaut. Diese Frau May macht mehr kaputt, als sie überhaupt überblicken kann. Eine abgehobene Elite ruiniert Great Britain.
imo27 09.06.2017
5.
Welche Beispiele gibt es denn dafür, dass Politiker nach einer verlorenen Wahl zurücktreten, obwohl sie noch immer die Mehrheit haben, weiter im Amt zu bleiben? Die politische Welt ist nun mal so.
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