Farage-Pleite bei der Unterhauswahl Bye-bye, Ukip

Sein Einsatz war hoch, die Pleite bei der Wahl deshalb doppelt bitter: Ukip-Chef Nigel Farage hat den Sprung ins Parlament verpasst - und den Parteivorsitz abgegeben. Was bleibt nun von den EU-Gegnern?

REUTERS

Von und , London


Nigel Farage ist das Gesicht der UK Independence Party (Ukip). Sein breites Grinsen begleitete den Erfolg bei der Europawahl im vergangenen Jahr, sein markantes Lachen war auch im Wahlkampf der vergangenen Wochen wieder und wieder zu hören. Doch das dürfte dem Rechtspopulisten vergangen sein. Er ist gescheitert. Und man muss sagen: Nigel Farage war das Gesicht der Ukip.

Zugegeben, sein Einsatz war hoch. Der 51-Jährige hatte angekündigt, als Ukip-Chef zurückzutreten, wenn er bei der Unterhauswahl am Donnerstag kein Mandat bekommen sollte. Nach einer langen Wahlnacht steht nun fest: Thanet South stimmte gegen ihn. Ins Unterhaus zieht für den Wahlkreis nun der Tory Craig Mackinlay, nicht Farage.

Am Freitagmittag machte er seine Ankündigung wahr und gab den Parteivorsitz ab. Seinen Humor hat er trotz des enttäuschenden Ergebnisses nicht verloren. "Vor fünf Jahren lag ich am Wahltag nach einem Flugzeugabsturz auf der Intensivstation", sagte Farage. "Verglichen damit geht es mir verdammt gut." Damals war er im Wahlkampf mit einer Kleinmaschine auf einem Feld notgelandet und hatte sich Verletzungen zugezogen.

Fünf Jahre später beschränkte sich die Bruchlandung zum Glück nur auf das Wahlergebnis. Denn bei der Zahl der Abgeordneten-Mandate hatte die Partei auf mehr gehofft. Tim Aker etwa, Ukip-Kandidat in Thurrock und gemeinsam mit Farage Abgeordneter im Europaparlament, verfehlte den Einzug knapp, der Sitz geht an die Konservativen.

Nach Prozentpunkten erreichten die Europa-Kritiker zwar mehr als zwölf Prozent der Stimmen. Durch das Mehrheitswahlrecht, wonach nur der Gewinner eines Wahlkreises ins Parlament zieht, bringt ihnen das jedoch nicht entsprechend viele Abgeordnete in Westminster.

Allein Douglas Carswell konnte seinen Sitz verteidigen. 2010 war er für die Tories ins Parlament gezogen, im vergangenen Jahr hatte er seinen Rücktritt erklärt und war zu Ukip übergelaufen. Bei der Nachwahl verteidigte er damals sein Mandat - so auch jetzt wieder.

Doch was wird aus der Ukip ohne Farage?

Bei seinem Abschied empfahl Farage auch gleich noch eine Nachfolgerin für seinen Posten: Suzanne Evans aus dem Parteivorstand. Sie hätte eine gewaltige Aufgabe zu meistern, denn Farage erscheint unersetzlich. Er hat die Partei in den vergangenen fünf Jahren als Vorsitzender groß gemacht, indem er die Schwächen der Tories brutal offenlegte. Er weiß, dass ein Teil des konservativen Stammklientels europaskeptisch ist und die EU am liebsten verlassen würde. Farage hat diesen Wählern eine politische Heimat gegeben.

Gleichzeitig baute er die Ukip von einer Ein-Themen-Partei zu einer breit aufgestellten Bewegung um, die ein Wirtschaftsprogramm besitzt und ihr Wahlmanifest von unabhängigen Experten prüfen lässt. Inzwischen ist die Ukip zu einer Sammelpartei sowohl für enttäuschte Tories geworden, als auch für Arbeiter und Angestellte, die früher Labour wählten und sich vor Billiglöhnern aus Europa fürchten.

Mit dem Wahlprogramm polarisierte die Partei: Großbritannien solle die Europäische Union verlassen, unqualifizierte Einwanderer fünf Jahre lang nicht ins Land kommen dürfen und ein Punkte-System für potenzielle Immigranten soll eingeführt werden, ähnlich wie in Australien. Zu mehr Sitzen im Parlament hat dieser radikale Kurs nicht geführt.

Dennoch: Die Partei bestimmte die politische Debatte im Vereinigten Königreich, trieb vor allem die Konservativen thematisch vor sich her. Ohne Farage hätte Premierminister David Cameron kaum ein EU-Referendum für 2017 versprochen. Auch die Angst vor EU-Einwanderern schürte vor allem die Ukip. Selbst gegen die Schotten wetterte Farage - sie würden vom englischen Steuerzahler gefüttert -, und gegen seinen Lieblingsfeind: Europa.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
marcw 08.05.2015
1.
UKIP: 3.881.129 Stimmen, 1 Sitz. SNP: 1.454.436 Stimmen, 56 Sitze. Wäre eine linke Partei derart vom Wahlsystem benachteiligt worden, würde man auf SPON sicherlich mehr dazu lesen.
wernerwenzel 08.05.2015
2. Cameron macht den EU-Austritt
und damit ist UKIP ja auch überflüssig
asdf01 08.05.2015
3.
"Nach einer langen Wahlnacht steht nun fest: Thanet South stimmte gegen ihn." Wenn der Kandidat der Tories von nur 4% mehr hat (38% zu 32%), aber im Vergleich zu 2010 10% verloren, Farage hingegen 27% mehr holte als 2010, ist es schon eine steile These, das als "gegen ihn gestimmt" zu interpretieren.
Bueckstueck 08.05.2015
4. Willkommen in der Realität
Auch das von Cameron angekündigte Referendum wird vorraussichtlich (leider, im Sinne der EU) keinen Austritt der Insel nach sich ziehen, denn ganz so blöde sind die Briten nicht. Aber dreist.
galbraith-leser 08.05.2015
5. Man muss Nigel Farage nicht mögen
aber der Mann macht wenigstens, was er sagt. Und er klebt nicht an einem Posten, so wie das hierzulande so viele mittelmäßige Politiker tun. Gut, mit seinem EU-Posten dürfte er ja auch ganz gut über die Runden kommen, obwohl er sich mit seiner Politik im Grunde ja selbst abschaffen will. Das hat man in Brüssel auch eher selten. Ich glaube nicht, dass die Briten wirklich aus der EU austreten, denn im Handel mit der EU müssten sie dann trotzdem alle Normen erfüllen und Regeln einhalten, könnten aber nicht mehr über sie mitbestimmen. Den Euro haben sie ohnehin nicht und die EU-Migration fällt verglichen mit anderen Kulturräumen doch eher gering aus. Ich glaube viele Briten haben im tiefsten Inneren den Verlust des Empire immer noch nicht realisiert. Es mag sie trösten, dass wenigstens fast alle Welt ihre Sprache spricht.
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