Datenlese

Interaktive Karte Fünf Wahrheiten über die Großbritannien-Wahl

Eine Datenanalyse von und


Was für ein Wahltag in Großbritannien: Die Tories und die schottischen Nationalisten triumphieren, die Karte des Königreichs verfärbt sich gelb-blau.

1. Die neue Macht der schottischen Patrioten

Labour-Hochburg - das war Schottland einmal. Nur ein roter Punkt ist auf der gelb dominierten Karte noch übrig geblieben: "Edinburgh South" ist die letzte Bastion der sozialdemokratischen Partei im Norden des Vereinigten Königreichs. Immerhin mit 2637 Stimmen Vorsprung vor der Schottischen Nationalpartei (SNP) hat Labour den Wahlkreis verteidigt.

Schottland - die politische Landschaft 2010 und 2015
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Schottland - die politische Landschaft 2010 und 2015

56 der 59 schottischen Mandate hat die SNP gewonnen. Zum Vergleich: 2010 eroberten sie nur 6 Wahlkreise, Labour 41 und die Liberaldemokraten 11. Camerons Tories verteidigen ihren einzigen Wahlkreis Dumfriesshire, Clydesdale & Tweeddale mit gerade einmal 798 Stimmen Vorsprung, die Liberaldemokraten halten ihren nun letztverbliebenen Wahlkreis "Orkney & Shetland" mit 817 Stimmen vor den schottischen Nationalisten.

Es ist ein Triumph der SNP und er wird Großbritannien verändern: Die schottischen Nationalisten sind ein neuer Machtfaktor im Parlament, Premier David Cameron wird das Regieren nicht leichter fallen (Lesen Sie dazu die Analyse aus London). Dies liegt auch am Mehrheitswahlrecht - in Großbritannien gilt das Prinzip "The winner takes it all". Den Wahlkreis gewinnt der Kandidat mit den meisten Stimmen, alle anderen Stimmen werden nicht berücksichtigt (Details zum politischen System finden Sie hier).

Dabei ist die linksliberale SNP nur in Schottland angetreten. Sie hat nur 4,7 Prozent der Gesamtstimmen in Großbritannien erhalten (Sehen Sie hier alle Ergebnisse im Überblick), aber 56 der 650 Sitze im Unterhaus gewonnen. Die Nationalisten sind damit drittstärkste Kraft im Parlament.

Zum Vergleich: Die rechtspopulistische Ukip, die landesweit Wahlkampf gemacht hat, vereint 12,6 Prozent der Gesamtstimmen auf sich. Nach Stimmen liegt die Anti-EU-Partei auf Platz drei nach Labour und den Konservativen - gewinnt aber nur einen Wahlkreis, Clacton im Südosten Englands.

2. Zwei-Parteien-Dominanz? Es lebe die Vielfalt!

Die Konservativen haben sich die absolute Mehrheit zurückerobert - so gesehen ist für die Tories die politische Welt wieder in Ordnung. 2010 hatten viele das Wahlergebnis als eine Art Irrtum betrachtet. Denn sie mussten das tun, was in Deutschland Normalität ist: eine Koalition bilden, die Tories gingen ein Bündnis mit den Liberaldemokraten ein. Es war das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass die Konservativen oder Labour nicht mehr allein regieren konnten.

Doch der Jubel über den Wahlsieg der Tories kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die beiden großen Parteien Mitglieder und Stimmen verlieren. Wählten 1955 noch 96 Prozent der Wähler Tories oder Labour, sind es jetzt 67,4 Prozent (2010: 65 Prozent).

Je mehr sich die Wähler auf verschiedene Parteien verteilen, desto niedriger wird die Schwelle der Stimmen, mit der die Kandidaten einen Wahlkreis gewinnen, und desto größer wird die Zahl der Stimmen, die verloren gehen (siehe dazu Punkt 2). Der Wille der Wähler spiegelt sich immer weniger in der Zusammensetzung des Parlaments wider.

3. Das Umfragedilemma: Schüchterne Tories?

Es sollte eng werden - sehr eng sogar: Verschiedene Meinungsforscher sagten noch am Tag vor der Wahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Konservativen und Sozialdemokraten mit rund 32 bis 34 Prozent voraus. Doch am Ende war es alles andere als knapp: Die Konservativen gewannen die Abstimmung mit großem Vorsprung mit 36,9 Prozent (Labour 30,5 Prozent). Die Tories wurden in Umfragen also unter-, Labour überschätzt. Wie konnte es dazu kommen?

In Großbritannien ist eine Diskussion über diese Frage entbrannt - Erinnerungen an 1992 werden wach. Damals lagen die Konservativen in den Umfragen deutlich zurück, erzielten dann aber mit einem Überraschungssieg von Premier John Major das beste Ergebnis ihrer Geschichte. Später sprachen die Wahlforscher von den "schüchternen Tories", die vor der Abstimmung nicht offen zugeben wollten, dass sie konservativ wählen, die Partei galt damals als unbeliebt.

Schüchterne Tory-Anhänger? Dies kann nur eine der Erklärungen für die jetzigen großen Abweichungen sein, sagen Experten. Möglicherweise könnte es auch an den Datensätzen der Demoksopen liegen: In welchen Maße haben sie die Gesamtwählerschaft repräsentativ abgebildet? Hinzu kommt ein Phänomen, da auch in Deutschland bekannt ist: Immer mehr Bürger entscheiden sich erst in letzter Minute, ob und wie sie abstimmen.

Die britischen Wahlforscher hatten vor dem Wahltag selbst vor Fehlerquellen in den Umfragen gewarnt. Dabei waren ihre Erhebungen 2010 noch recht genau gewesen. Sie wiesen dieses Mal auf die Zahl der sogenannten Wechselwahlkreise hin, in denen wegen knapper Mehrheiten schon ein kleiner Wählerumschwung genügte, damit der Kreis einer anderen Partei zufällt. Dieser Parteiumschwung sei noch nie so groß gewesen wie bei dieser Abstimmung, hieß es hinterher.

Doch trotz dieser Unsicherheiten waren die Erhebungen in Teilen recht genau: In Schottland hatten sie fast alle Sitze der SNP zugeschrieben, landesweit für die Liberaldemokraten einen Einbruch gesehen. Die Umfrageinstitute wollen nun ihre Methoden hinterfragen - der British Polling Council, ein Verband der Umfragefirmen, der Erhebungen prüft und Standards der Branche festlegt, hat eine Untersuchung angekündigt. Zuvor hatte dies eines der größten Unternehmen Populus auf Twitter vorgeschlagen:

4. Knapp, knapper, am knappsten - enge Wahlkreise

In vielen Wahlkreisen lagen Kandidaten von zwei Parteien dicht beieinander. Hier drei Beispiele: In "Derby North" in Zentralengland setzte sich die Tory-Kandidatin mit nur 41 Stimmen Vorsprung vor dem Labour-Mitbewerber durch. Zur Relation: Für beide Parteien stimmten jeweils mehr als 16.000 Bürger ab.

In "Morley & Outwood" musste der bekannte Labour-Politiker Edward Balls, unter Premier Gordon Brown Erziehungsminister, seine Niederlage eingestehen - der Vorsprung seiner Konkurrentin von den Konservativen betrug 422 Stimmen. Das benachbarte "Halifax" konnte Labour wiederum halten: Hier siegte die Partei mit einem Plus an 428 Stimmen.

5. England ist blau - mit einigen Farbklecksen

Ein kleiner grüner Fleck im Süden an der Küste (für die Green Party), ein lilafarbener an der Ostküste (für die Ukip) - und nur noch wenige orange eingefärbte Wahlkreise (für die Liberaldemokraten) sind übrig geblieben. England ist blauer geworden, die Konservativen dominieren. Die politische Geografie Großbritanniens wird immer übersichtlicher. Im Norden haben die Nationalisten Labour vertrieben. Die Konservativen bleiben eine Partei des reichen Südens, sie haben ihren Einfluss zulasten der abgestürzten Liberaldemokraten ausgebaut.

Klicken Sie sich durch die interaktive Karte, um die Ergebnisse 2010 und 2015 zu sehen - und auch mit weiteren Faktoren wie Arbeitslosenquote und Einkommensniveau zu vergleichen:

Übersicht: Ergebnisse im Detail

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91 Leserkommentare
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fördeanwohner 10.05.2015
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Thomas Griffi 10.05.2015
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willibaldus 11.05.2015
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