Jeremy Corbyns Labour-Sensation Einer gegen alle

Noch verblüffender als Theresa Mays Schlappe ist die Wiederauferstehung von Labour. Dabei hatte Jeremy Corbyns Partei eigentlich alles dafür getan, vernichtend geschlagen zu werden.

DPA

Von , London


Als dann klar war, dass nicht er, sondern die britische Premierministerin gedemütigt aus dieser Wahl hervorgegangen war, gönnte sich Jeremy Corbyn einen Hauch von Genugtuung. "Ich würde denken, das Ergebnis reicht aus, um zu gehen und Platz zu machen für eine Regierung, die das Volk wirklich vertritt", sagte der Labour-Chef vor seinem Haus im Londoner Stadtteil Islington. Dann reckte der 68-Jährige beide Daumen in die Kameras, für seine Verhältnisse ein fast schon unkontrollierter Gefühlsausbruch.

Niemand, außer vielleicht ihm selbst, hätte noch zwölf Stunden zuvor zu prophezeien gewagt, dass die Labour-Partei landesweit rund 40 Prozent der Stimmen einheimsen würde. Statt, wie von vielen orakelt, das schlechteste Labour-Ergebnis der Nachkriegsgeschichte zu holen, erzielte Corbyn das beste seit 2005, als ein gewisser Tony Blair mit absoluter Mehrheit gewann. Das ist bereits für sich genommen bemerkenswert - gemessen an den Umständen ist es sensationell.

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Jeremy Corbyn: Der linke Kumpel

Seit der Sozialist Corbyn vor zwei Jahren durch eine Verkettung von Zufällen an die Labour-Spitze gelangte, führte er einen einsamen Kampf. Während der achtwöchigen Wahlkampagne ließ die Konkurrenz keine Gelegenheit aus, den Pazifisten und Atomkraftgegner als tattrigen Polit-Opi zu verhöhnen. Außenminister Boris Johnson attackierte Corbyn zur allgemeinen Belustigung als"mutton-headed mugwump", was sich frei mit hammelköpfiger Wirrgeist übersetzen lässt. Manager beschworen den Kollaps der britischen Wirtschaft, sollte Corbyn mit seinen Ideen an die Macht gelangen, Bahn, Post, Elektrizitätswerke wieder zu verstaatlichen, Steuern für Reiche zu erhöhen und Studiengebühren zu streichen. Fast die gesamte Presse des Landes porträtierte den Labour-Chef als Sicherheitsrisiko, da er niemals Atomwaffen einsetzen will und angeblich mit Terrorgruppen auf dem halben Planeten auf gutem Fuß steht.

Wahlkämpfer Jeremy Corbyn tourte unermüdlich durchs Land

Vor allem aber ließ die Mehrheit der Labour-Abgeordneten im britischen Unterhaus nie Zweifel daran, was sie von ihrem Chef hält: nichts. Dessen linke Agenda passte von Anfang nicht zu der unter Blair nach rechts gerückten Labourpartei. Etliche Parlamentarier warben in ihren Wahlkreisen dafür, nicht wegen, sondern trotz Corbyn für die Sozialdemokraten zu stimmen. Und weil der Chef sich umgekehrt stur weigerte, auch nur einen Schritt auf seine parteiinternen Rivalen zuzugehen, zogen praktisch zwei sich in tiefer Abneigung verbundene Labour-Parteien in den Wahlkampf. Ein im Grunde genommen aussichtsloses Unterfangen.

Corbyn aber - der sich selbst als "Monsieur Zen" bezeichnet -, ließ sich davon nicht verdrießen und tat, was er schon während seiner Kampagne für die Labour-Führung getan hatte: Er umging die ihm feindlich gesinnten Medien, indem er seine größte Fangemeinde, die jungen Briten, gezielt in den sozialen Netzwerken umwarb. Und er tourte unermüdlich durchs Land, um seine Politik so vielen Menschen wie möglich persönlich zu erklären. Ein entscheidender Unterschied zu Regierungschefin May, die zumeist vor ausgewählten Jubel-Briten Binsen aneinanderreihte.

Parlamentswahl in Großbritannien
Endergebnis, 650 Wahlkreisen ausgezählt; Mehrheit: 326 Sitze
NI = Nordirland; Quelle: BBC

Corbyn dagegen verurteilte landauf, landab eine gnadenlose Sparpolitik, die etwa dafür gesorgt hat, dass die Briten selbst auf dringende medizinische Behandlung zum Teil monatelang warten müssen. Er beschrieb die Folgen der Millionenkürzungen in Schulen, Kindergärten und im Pflegesystem. Er versprach bezahlbaren Wohnraum für junge Familien und höhere Unternehmenssteuern. Wie genau die Abermilliarden, die sein sozialistisches Programm kosten würde, gegenfinanziert werden könnten, blieb an vielen Stellen offen. Zwei von fünf Briten war das egal. Corbyn sprach ihre Sprache.

Ganz offensichtlich hat der Anti-Politiker auch in Großbritannien wieder einen Geist geweckt, von dem man lange dachte, er liege fest verkorkt und endgelagert in einem weit entfernten Flaschenkeller. Wie Bernie Sanders in den USA oder zuletzt Jean-Luc Mélenchon in Frankreich hat er dem Marktradikalismus die Utopie von einer solidarischen Gesellschaft entgegengesetzt. Man kann das nostalgische Fantasterei nennen. Oder Populismus.

Aber wenn 40 Prozent der Wähler sich davon angesprochen fühlen, sollte das den darbenden sozialdemokratischen Parteien im restlichen Europa zumindest zu denken geben.

insgesamt 94 Beiträge
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Maler 09.06.2017
1.
Das war keine Wahl für Labour und erst recht nicht für Corbyn, das war eine Wahl gegen May und den Brexit.
haresu 09.06.2017
2. Liegt es wirklich an Corbyn?
Vielleicht mehr als man hierzulande denkt. Vielleicht ist im Königreich auch eine kleine Graswurzel- Bewegung im wachsen. Der Brexit jedenfalls war in Großbritannien eher nicht das Thema. Den hält eine große Mehrheit entweder weiterhin für wünschenswert oder für unvermeidbar. Zu allererst war es eine Protestwahl gegen eine May, die glaubte eiskalt ausnutzen zu können, dass der Wähler sich mit dem Referendums- Votum schon mehr oder weniger in ihre Hand gegeben hatte.
joG 09.06.2017
3. Er ist ein Mann....
....der in der Gedankenwelt der '68er hängengeblieben ist. Sehr charmant und ansteckend in seiner populistischen Form für jugendliche. Als volkswirtschaftliches Modell allerdings kaum sehr brauchbar, wenn wirklich man will, dass es den Menschen besser gehen soll.
cgoise 09.06.2017
4.
"Man kann das nostalgische Fantasterei nennen. Oder Populismus." Naja, oder man findet ein positives Wort dafür, dass der Staat mal wieder in die Gesellschaft investiert. Nachdem gerade die britische Gesellschaft regelrecht kaputtgespart worden ist zugunsten von Banken und Großverdienern, wird halt langsam klar, dass demokratische Gesellschaft so nicht funktioniert. So funktioniert nur Aristokratie.
jaduk 09.06.2017
5. @Maler
Es war beides. Und 70% der 18-24 Jahre alten Wähler haben tatsächlich ihre Stimme abgegeben - und das zum Großteil für und wegen Corbyn. Die jungen Leute sind es satt, für die Alten und Reichen bluten zu müssen. Ich hoffe, das wird auch im Rest Europas bald der Fall sein, obwohl ich auch schon "alt" bin.
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