Ukip-Absturz in Großbritannien Pleite, zerstritten, überflüssig

Einst machte Ukip erfolgreich Stimmung - gegen Migranten, gegen die EU. Doch in wenigen Monaten ist aus den britischen Rechtspopulisten eine Chaostruppe in Selbstauflösung geworden.

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Von Sascha Zastiral, London


Es war ein dramatisches Eingeständnis: Er sei so gut wie pleite, sagte der britische Ukip-Chef Henry Bolton dem "Daily Telegraph". "Es gibt Rechnungen, die bezahlt werden müssen, und alle meine Ersparnisse sind so gut wie aufgebraucht."

Doch Bolton ist das Geld nicht ausgegangen, weil er sich bei irgendeinem privaten Geschäft verkalkuliert hat. Es sei seine eigene Partei, klagte er, die ihm im Streit das Gehalt verweigere.

Kein Geld für den Vorsitzenden? Boltons finanzielle Misere sagt einiges über die Verfassung der Rechtspopulisten. Skandale und Reibereien - allein damit schafft es Ukip noch in die Schlagzeilen.

Zuletzt eskalierte es, weil Boltons Freundin Jo Marney Prinz Harrys Verlobte Meghan Markle auf Facebook mit rassistischen Beleidigungen überzogen hatte. Bolton erklärte darauf, er habe die Beziehung beendet - wenig später war er mit Marney aber wieder in der Öffentlichkeit zu sehen. Zu viel für die Partei - der Vorstand entzog Bolton das Vertrauen. Der aber weigert sich zurückzutreten, auch nachdem seine Bezüge gestoppt wurden. Jetzt muss ein Sonderparteitag entscheiden. Die Kosten könnten die Partei ruinieren.

Jo Marney, Henry Bolton
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Jo Marney, Henry Bolton

Ukip zerlegt sich - und die Öffentlichkeit schaut zu. Dabei ist es noch nicht lange her, da waren die Rechtspopulisten drittstärkste Kraft im Königreich, das Brexit-Votum der Briten feierten sie als ihren größten politischen Triumph. Jetzt, gut eineinhalb Jahre später, steht die Partei vor dem totalen Zerfall. Wie konnte es so weit kommen?

Spinner, Spießer und Rassisten

Keine andere Partei hat die politische Landschaft in Großbritannien seit dem Zweiten Weltkrieg so sehr durcheinander gewirbelt wie Ukip. Vor allem das Brexit-Referendum war ein sensationeller Erfolg, war man doch lange als Sammelbecken für Spinner, Spießer und verkappte Rassisten belächelt worden. Innerhalb nur weniger Jahre war es dem damaligen Ukip-Chef Nigel Farage gelungen, die an sich abstruse Forderung nach einem EU-Austritt salonfähig zu machen.

Als die Rechtspopulisten bei den Unterhauswahlen 2015 mit 12,6 Prozent der Stimmen hinter Tories und Labour auf Rang drei landeten, sah sich der konservative Premier David Cameron genötigt, ein skurriles Versprechen wahrzumachen: die Volksabstimmung über den Verbleib in der EU.

Doch der Triumph sollte für Ukip zum Fluch werden. "Der Brexit hat Ukip die Existenzberechtigung genommen", sagt Tim Bale, Politikwissenschaftler an der Londoner Queen Mary Universität. Soll heißen: Die Rechtspopulisten hatten ihr wichtigstes Ziel erreicht. Wofür sie künftig stehen sollen - die Frage ist bis heute offen.

Kein Aushängeschild

Dass Ukips große Zeiten vorbei sind, ahnte wohl auch der Star der Partei: Nigel Farage trat wenige Tage nach dem Referendum zurück, Ukip stand plötzlich ohne Aushängeschild da. Es war der Anfang vom Chaos. In den folgenden neun Monaten trat der einzige Ukip-Abgeordnete im Unterhaus, Douglas Carswell, aus der Partei aus. Großspender Arron Banks ging auf Distanz. Und der EU-Abgeordnete Steven Woolfe prügelte sich mit einem Parteikollegen im Europaparlament, bevor er der Partei ebenfalls den Rücken kehrte.

Nigel Farage
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Nigel Farage

In der Folge liefen die Wähler Ukip in Scharen davon. Bei den Neuwahlen im Sommer stürzte die Partei in die Bedeutungslosigkeit - und holte nur noch 1,8 Prozent der Stimmen.

Dabei spielte auch eine Rolle, dass die Zahl der Einwanderer inzwischen zurückgegangen war, sagt Politologe Bale. Nigel Farage sei es früher gelungen, die Themen Einwanderung und EU-Austritt in der öffentlichen Wahrnehmung zu vermengen. "Schaut man sich an, warum die Leute für Ukip gestimmt haben, dann ging das meist nicht wesentlich über diese zwei Fragen hinaus. Sehr viel mehr hatte Ukip nicht zu bieten."

Labour und Tories stoppen Ukip

Auch die Konkurrenz macht Ukip zu schaffen: Labour-Chef Jeremy Corbyn gelang es, mit traditionell linker Ansprache und Außenseiter-Image wieder Wähler von Ukip zurückzuholen. Und: Offensichtlich konnten sowohl Labour als auch die regierenden Tories Ukip beim Brexit ausbremsen. Premierministerin Theresa May etwa hat sich schon früh zu einem notfalls harten Ausstieg bekannt. Und auch Corbyn beharrt darauf, dass die Briten nach dem Brexit nicht mehr Teil des EU-Binnenmarkts bleiben könnten.

Laut dem Politologen Bale sind die Querelen bei Ukip zudem ein Anzeichen für einen ideologischen Richtungsstreit. Schließlich vertrete der im September gewählte Bolton vergleichsweise moderate Positionen. Eine Minderheit wolle Ukip hingegen "auf ganzer Linie in eine antiislamische, einwanderungsfeindliche und rechtsextreme Partei" verwandeln.

Der umstrittene Parteichef selbst gibt sich kämpferisch. In einem Fernsehinterview griff Bolton erneut die Parteispitze an. Und er ließ wissen, dass er seine Beziehung zu Jo Marney wieder aufwärmen könnte. "Falls das der Partei nicht schadet."



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opinio... 05.02.2018
1. Lügen haben kurze Beine
Bleibt die leise Hoffnung,m dass in Britain Vernunft einkehrt und man sich seiner Vergangenheit als vergangen bewusst wird. Das British Empire kommt nicht wieder!
japhyryderson, 05.02.2018
2. Ukipper
Die Beatles haben in weiser Voraussicht schon zwei Songs über so etwas wie die Ukipper dargeboten. Einen ironischen: "Don´t let me down" (man beachte das ironisch-zynische Schjmerzensgeheul John Lennons) und einen heiteren: Hello & Goodbye. (Jubilierender Paul McCartney).
rheinischerfrohsinn 05.02.2018
3. Ganz was Neues!
Eine "Protestpartei" zerlegt sich selbst - noch nie gehört. Die Schillpartei, die Republikaner etc.? Supersolide geführte, absolut demokratische Gruppierungen. UKIP ist ein mit nichts vergleichbarer Einzelfall.
joG 05.02.2018
4. Wenn man ein einziges Ziel hatte....
....und dies erreicht hat, so sollte man aufhören. Sonst sucht man nach neuen Themen, die meist zu Populismen und Übertreibungen führen. Das ist letztlich unseren Sozialistischen Parteien geschehen. Bei Ihnen ist die Klientelbasis nun im Weltmaßstab reich und man muss schummeln um noch mehr ‘Rechte’ definieren, die im internationalen Vergleich nur peinlich scheinen können. So geht es nun der UKIP, wenn sie weitermachen.
teacher20 05.02.2018
5.
Dass die UKIP pleite, chaotisch und zerstritten ist, ist AN SICH für die deutsche Innenpolitik im Wesentlichen irrelevant und nicht länger berichtenswert, sieht man einmal davon ab, dass der von dieser Partei sehr stark mitinszenierte Brexit auch und vor allem den deutschen Steuerzahler in Form zusätzlicher Mitgliedsbeiträge zur EU einigermaßen teuer zu stehen kommen wird. Aber auch das sind nur Peanuts, verglichen mit der Rechnung, die der französische EU-"Reformer" Macron den deutschen Freunden aufmachen wird. Warum also dieser Bericht? Natürlich muss man ihn ZWISCHEN den Zeilen lesen. Und dann wird klar, dass damit der Wunsch verbunden ist, dem hiesigen Pendant der UKIP möge es doch bitte! bitte! in Bälde ähnlich gehen wie ihrem rechtspopulistischen Ableger jenseits des Kanals. Dieser beschwörende Wunsch erspart dann die inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD und die mögliche Erkenntnis, dass die Partei das Symptom einer eklatanten innenpolitischen Fehlentwicklung ist, deren Folgen sich die Etablierten in abgehobener Manier schon lange nicht mehr stellen, vielmehr (siehe Koalitionsverhandlungen) ein „Weiter so“ predigen.
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