Alkoholpreise in Großbritannien: Cameron will seinem Volk das Trinken abgewöhnen

Von , London

David Cameron legt sich mit seinen Briten an. Der konservative Premier will Alkohol teurer machen - künftig soll ein gesetzlicher Mindestpreis gelten, um das Komasaufen einzudämmen. Allerdings muss sich der Regierungschef nun auch Fragen nach seiner eigenen Studentenzeit gefallen lassen.

Trinkgewohnheiten in Großbritannien: Volksdroge Alkohol Fotos
Getty Images

Die Briten sind bekannt für ihre Trinkfestigkeit, doch der Volkssport könnte bald erheblich teurer werden. Die britische Regierung hat angekündigt, 2014 einen gesetzlichen Mindestpreis für Alkohol einzuführen. Erwogen werden 40 Pence pro Alkohol-Einheit, die endgültige Entscheidung soll im Herbst fallen. Im Moment kostet der billigste Alkohol in britischen Supermärkten unter 20 Pence pro Einheit.

Mit der Preiserhöhung hofft die liberalkonservative Regierung von Premierminister David Cameron, das allwöchentliche Komasaufen insbesondere von jüngeren Leuten einzudämmen.

"Es gibt Innenstädte in unserem Land, wo sich besonders am Freitag- und Samstagabend Szenen des betrunkenen Chaos abspielen", sagte Innenministerin Theresa May am Freitagmorgen der BBC. Viele Bürger trauten sich nicht mehr in die Innenstädte, weil sie dort ihren Abend nicht genießen könnten.

Im Unterhaus erklärte die Innenministerin, sie wolle eine Kultur des "vernünftigen Trinkens" etablieren. Viele junge Leute würden zu Hause mit billigem Alkohol aus dem Supermarkt "vorglühen", bevor sie abends ausgingen. Dies führe zu Störungen der öffentlichen Ordnung und zu Gewalt.

May kündigte auch weitere Elemente ihrer neuen "Alkoholstrategie" an.

  • So sollen Clubs, die spätnachts noch Alkohol servieren, eine neue Abgabe zahlen, die für die Aufräumarbeiten auf den Straßen am nächsten Morgen verwendet werden soll.
  • Auch sogenannte Nüchternheitsfesseln sind geplant: Die elektronischen Fußfesseln kontrollieren, ob ein verurteilter Straftäter das ihm auferlegte Alkoholverbot auch einhält.

Gesundheitsexperten und Polizei fordern seit langem einen Mindestpreis für Alkohol. Auch die Labour-Opposition begrüßte den Vorstoß. Alkoholmissbrauch sei ein ernstes Problem, sagte die innenpolitische Sprecherin Yvette Cooper im Unterhaus. Die Zeit für einen Mindestpreis sei gekommen. Die schottische Regionalregierung ist sogar schon einen Schritt weiter, hier liegt bereits ein Gesetzentwurf vor. Der Mindestpreis soll in Schottland, der Alkoholhochburg der Insel, mindestens 45 Pence betragen.

Durch den Wettbewerb der großen Supermarktketten sind Bier, Wein und Schnaps in den vergangenen Jahren immer billiger geworden. Das Discount-Motto "Buy one, get one free" gilt inzwischen für ganze Kästen und Paletten. Für zehn Pfund kann man auf der Insel drei Flaschen Wein bekommen - oder 20 Dosen Bier.

Preis für zwei Liter Cider würde von 2,69 auf sechs Pfund steigen

Ein gesetzlicher Mindestpreis von 40 Pence pro Einheit würde den Preis für Billig-Alkohol deutlich erhöhen. Eine Zwei-Liter-Flasche Cider, die 15 Einheiten Alkohol enthält und im Moment 2,69 Pfund kostet, würde dann mindestens sechs Pfund kosten.

Es ist jedoch umstritten, ob ein höherer Preis die Leute tatsächlich vom Trinken abhält. Die Regierung verweist auf Erfahrungen in Skandinavien und Kanada. Auch eine Studie der University of Sheffield kam 2008 zu dem Schluss, dass eine Preiserhöhung den Alkoholkonsum senken würde.

Hersteller und Einzelhandel hingegen bestreiten einen Zusammenhang. Die Briten hätten nun mal einen "nordeuropäischen Hang" zum Trinken, sagte Gavin Partington von der Vertretung der Wein- und Schnapshersteller. Ein höherer Preis werde daran nichts ändern.

Dieser Meinung sind auch Beobachter, die auf ihre eigene Jugend zurückblicken. In seinem "Telegraph"-Blog erinnerte sich Daniel Knowles an die abendlichen Gänge zum Supermarkt, um sich mit Billigwein einzudecken, damit er das knappe Geld nicht für das teure Bier im Club ausgeben musste. "Ich glaube nicht für eine Sekunde, dass der Mindestpreis uns davon abgehalten hätte." Das Problem der Briten sei nicht die Menge des konsumierten Alkohols, sondern die "asoziale" Verhaltensweise.

Kritiker wittern Kampagne gegen Geringverdiener

Etliche Kommentatoren werten Camerons Vorstoß als klassisch konservatives Manöver, um der bürgerlichen Kernwählerschaft zu gefallen. Auf libertäre Geister wirkt die Debatte um das Komasaufen wie eine subtile Form des Klassenkampfs. Wenn Cameron über Komasaufen rede, schrieb Rod Liddle in der "Sunday Times", meine er "nicht jemanden, der den Abend mit einer wirklich schönen Flasche Sancerre verbracht hat, weggetrunken in einer Stunde". Sondern er meine "die Leute, die acht Dosen Supermarktbier für zwei Pfund kaufen - und sie dann noch nicht mal kühl stellen".

In den Augen der Kritiker ist die Preiserhöhung nichts als eine Kampagne gegen Geringverdiener. Dabei ist die Unterschicht insgesamt abstinenter als die Mittelschicht. Letztere ist von dem Mindestpreis nicht betroffen, weil sie ohnehin teurere Marken bevorzugt.

Cameron gilt auch deshalb als Heuchler, weil er selbst in Studententagen Mitglied des Bullingdon Clubs war, dem berüchtigten Sauf-Club von Oxford. Cameron, schrieb Nicolas Lezard im "Guardian", sei "der Letzte, der uns Predigten halten sollte".

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insgesamt 127 Beiträge
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1. Mr. Cameron,
831nl4u51 23.03.2012
sind Sie amtsmüde? sonst kämen Sie wohl kaum auf so ne Idee! :D
2. Ich lach mich schlapp...
eisbaerchen 23.03.2012
Das hat doch schon in Skandinavien nie funktioniert...und ausserdem ist der Pubbesuch und das Bier dort ein heiliges Ritual, man könnte die Pubs auch als das zweite Wohnzimmer der Briten betrachten. Wer da dran dreht hat wohl bei der nächsten Wahl schlechte Karten!
3. Zweifel
persona-non-grata 23.03.2012
Zitat von sysopDavid Cameron legt sich mit seinen Briten an. Der konservative Premier will Alkohol teurer machen - künftig soll ein gesetzlicher Mindestpreis gelten, um das Komasaufen einzudämmen.
Nicht gut. Nüchtern würden die Briten feststellen müssen, dass - der 2. WK schon seit mehr als 60 Jahren vorbei ist; - der einzige Sieg bei einer WM schon mehr als 40 Jahre her ist; - sie kein Empire mehr haben; und - auf einer kleinen, unbedeutenden Insel irgendwo im Nordmeer Europas leben. Ich habe meine Zweifel, ob das dort alle verkraften.
4.
dumedienopfer 23.03.2012
Zitat von sysopDavid Cameron legt sich mit seinen Briten an. Der konservative Premier will Alkohol teurer machen - künftig soll ein gesetzlicher Mindestpreis gelten, um das Komasaufen einzudämmen. Allerdings muss sich der Regierungschef nun auch Fragen nach seiner eigenen Studentenzeit gefallen lassen. Alkoholpreise in Großbritannien: Cameron will seinem Volk das Trinken abgewöhnen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,823350,00.html)
Spiegel: Für zehn Pfund kann man auf der Insel drei Flaschen Wein bekommen - oder 20 Dosen Bier. Was sind 10 Pfund so 15 bis 20 Euro so ca. dafür bekommst in Deutschland auch 2 bis 3 kästen bier. (no name) kästen für 5 euro gibst auch genug + pfand,so kommst an 3 kästen.....
5. Irgendwann...
KuGen 23.03.2012
....werden die Völker sich erheben und diese Oberlehrer-Fitzpiepen in der EU- Komission, in den Regierungen, über den Jordan schicken. Wir haben sie so satt, diese ewigen Besserwisser und Volksbeglücker!
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