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Große Kriegszerstörungen: Gaza versinkt in Elend und Verzweiflung

Aus Gaza-Stadt berichtet

Die Waffen im Gaza-Streifen schweigen - nun ruft die radikal-islamische Hamas zur "Siegesfeier". Doch nach drei Wochen Krieg haben die Menschen andere Sorgen: Viele stehen vor den Ruinen ihrer Existenz. Große Teile des Landstrichs sehen aus wie nach einem verheerenden Erdbeben.

Gaza - Der Hamas-Redner auf der Bühne müht sich nach Kräften, die Leute auf dem Hauptplatz von Gaza-Stadt in Stimmung zu bringen, sie zu einem Sprechchor, zu einer politischen Masse zu formen. Er beschwört den "großen Sieg", den der "Widerstand" errungen habe, er verflucht den Wahnsinn des Krieges, der drei Wochen lang über der Stadt lag.

Allein: Es fehlt an der Masse.

Es sind einfach nicht genug Leute gekommen, und die paar Hundert, die da sind und ihre grünen Fahnen in die Windstille halten, stehen träge herum, anstatt die Fäuste zu recken und Parolen zu skandieren.

Gerade ist das Mittagsgebet vorüber, das ist die Stunde, zu der die Hamas sonst Abertausende auf die Straße bringt. Jetzt aber bauen die arabischen und internationalen Fernsehteams nicht einmal ihre Kameras auf, und die Passanten kaufen lieber Orangen und Gurken ein, während die Rede auf sie niedergeht.

Kein Sinn für Politik

Ganz vorne am Platz steht Ramsi Abdallah, 23, und bietet zwei neue Lieferungen Turnschuhe und Badeschlappen feil, die eben über die ägyptische Grenze gekommen sind. Er schaut zur Bühne hinüber und schnalzt - eine Geste, die überall im Nahen Osten für ein lakonisches Nein steht - leise mit der Zunge. "Das ist nichts im Vergleich zu dem, was wir hier sonst erleben. Letztes Mal haben mir die Leute den Verkaufstisch kaputtgetreten, weil ich ihn nicht rechtzeitig abgebaut hatte. Bis da unten haben sie gestanden."

Drei Tage sind seit dem Kriegsende vergangen, und die Palästinenser im Gaza-Streifen haben jetzt etwas anderes im Sinn als Politik. Was die Hamas zu sagen hat, die "Siegesfeiern", zu denen sie für diesen Dienstag aufgerufen hat, sie gehen genau so an ihnen vorbei wie das anhaltende Trauerspiel der arabischen Gaza-Diplomatie oder die Obama-Feiern in Washington.

Sie haben drei Wochen militärischer Gewaltanwendung hinter sich, von einem Ausmaß, das selbst sie, eines der am schwersten geprüften Völker des Nahen Ostens, noch nicht erlebt haben. "Es ist herzzerreißend, es ist schockierend", sagt Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, als er sich am Dienstag im Gaza-Streifen selbst ein Bild von den Schäden macht.

Nicht alle Städte in dem Landstrich wurden gleich hart getroffen, aber hier im Norden ist die Zerstörung massiv. Ausländische Reporter, die aus Kobe, aus Bam, aus Izmit berichtet haben, greifen alle zum selben Bild: Es ist wie ein Erdbeben.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Und wie nach einem Erdbeben dauert es Tage, bis das Trauma überhaupt spürbar wird und der Empfindungslosigkeit und Taubheit nach der Katastrophe weicht. Ramsi Abdallah erzählt von der Hamas und ihren großen Demos, als ginge das alles nur sein Geschäft an. Tatsächlich ist er in der zweiten Kriegswoche ausgebombt worden, er hat seinen Bruder Rafik verloren, seit dem 6. Januar haust er mit seiner 80-jährigen Großmutter im Matratzenlager in einer Schule.

Container, zerdrückt wie Zigarettenschachteln

Zwei Aufklärungsballons hängen am östlichen Horizont über dem Zaitun-Viertel von Gaza; etwa dort drüben verläuft die Grenze zu Israel. Eine 40 Meter breite Schneise von tief umgepflügtem Lehmboden zerschneidet hier den Gaza-Streifen. Bis hierhin waren die israelischen Panzer vorgedrungen.

Baumaschinen, Lkw, riesige 40-Fuß-Container, zerdrückt wie weggeworfene Zigarettenschachteln, liegen am Rand der Salahaddin Road, die Rafah im Süden mit Gaza-Stadt verbindet. Ein paar Hundert Meter neben dem löchrigen Gaza-Highway liegt ein Trümmerfeld, wo vorher 15 oder 20 Häuser gestanden haben mögen. In einer der Ruinen fand man Tage nach dem Bombardement drei Kinder, die neben ihrer toten Mutter ausgeharrt hatten. Horror und der Geruch von verwestem Fleisch liegt immer noch über der Szene, obwohl die etwa 30 Toten der Familie Sammuni inzwischen beerdigt sind.

Der Gestank, sagt ein Bauer aus der Nachbarschaft, komme von den toten Ziegen und Hühnern, die unter den Trümmern liegen. Neben einer kleinen Zelt-Moschee, die für die 30 Begräbnisse aufgebaut wurde, sitzt ein Beamter und registriert, wie viel Vieh und Kleinvieh die Bauern neben ihren Eltern, Geschwistern und Vettern verloren haben. "Zweimal Ziege, achtmal Huhn", notiert er. Als der Bauer seinen Namen nennen will und sich dauernd verhaspelt, unterbricht ihn der Beamte: "Sag mir einfach deine Mobil-Nummer."

Von den Bomben zerfetzte Platanen und Olivenbäume liegen auf den Feldern, Halbwüchsige sägen sie auseinander und laden die Äste auf Pferdekarren, mit denen sie dann kilometerweit den Gaza-Highway hinauf- und hinunterfahren. Der Kontrast zwischen den urzeitlichen Karren und den Hightech-Toyotas der Uno, die mit fliegenden Antennen an ihnen vorbeibrettern, ist grotesk.

Die Hamas bewacht die Ruinen ihrer Macht

Selbst viele Hamas-Leute scheinen den Schock der Angriffe noch nicht verdaut zu haben. Kalaschnikows über die Schulter gehängt, bewachen sie in Gaza Ruinen, die vor vier Wochen stolze Bauten waren - Ausdruck der Staatsmacht, die sie der Fatah-Bewegung 2007 in einem Putsch abgenommen haben.

Das Parlament: ein Stahlbetonknäuel mit einem geschwungenen Tor davor; das Polizeihauptquartier: ein Krater wie von einem Meteoriten; der Saraya-Komplex mit den Konterfeis von 15 verstorbenen Palästinenser-Führern: eine Ruine mit einer Mauer herum. "Das war das Gefängnis", sagt einer der Wachmänner stammelnd, bevor ihm ein anderer das Wort abschneidet. Vor vier Wochen noch hätte er jeden Ausländer, der sich hier rumtrieb, rüde verscheucht oder verhaftet.

Am Geldautomaten der "Bank of Palestine" stehen Männer Schlange, um ihr Gehalt abzuheben. Wortlos gehen sie einen Schritt weiter, wenn vorn einer fertig ist. Es gibt keine Schekel mehr, nur Dollars in kleinen Mengen. "Wer weiß, ob überhaupt noch was da ist, wenn ich dran bin", sagt Ziad Abu Mohammed, der letzte in der Reihe.

Und wenn nicht? "Dann fahre ich raus zu meinem Obstgarten. Vielleicht sind ein paar Bäume stehengeblieben. Die Mandarinen sind reif."

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Tunnel in Gaza : Aufräumen nach dem Bombardement


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