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Großtest der Amtsübergabe: Washington probt die Obama-Festspiele

Von , Washington

Noch ist es mehr als eine Woche bis zu Barack Obamas Amtsantritt. Doch ein großangelegter Testlauf nahm den schon vorweg: Ein Obama-Double schwor den Amtseid, 3000 Soldaten marschierten, Bands spielten - und der Abschied von Präsident Bush wurde auch geprobt.

Barack Obama spaziert auf das Weiße Haus zu, Hand in Hand mit Michelle. Sie strahlen und sie lachen, gerade haben sie den Amtseid hinter sich gebracht. Jetzt laufen sie eben die paar Meter zu ihrer neuen Bleibe. Weit und breit sind keine Personenschützer zu sehen, das mächtigste Paar der Welt winkt entspannt Schaulustigen am Wegesrand zu. So sieht er also aus, der Wandel in Washington.

Es ist früher Sonntagmorgen, nicht einmal neun Uhr, noch mehr als eine Woche bis zum 20. Januar, dem Datum für die Machtübergabe in den USA. Man schaut auf das Promi-Politpaar zum Anfassen, man reibt sich kurz die Augen. Ist alles schon früher losgegangen? Konnte die Krise nicht mehr warten? Hatte Bush keine Lust mehr?

Nur handelt es sich bei dem fröhlichen Paar natürlich nicht um die Obamas. Es sind Doubles. Derrick Brooks, Veteran der Kriege in Afghanistan und Irak, darf in Galauniform den Präsidenten mimen. Soldatenkollegin La Sean McCray spielt dessen Gattin. Damit ja kein Zweifel aufkommt, tragen sie um den Hals weiße Schilder, auf denen steht "President-elect Obama", "Michelle Obama". Die beiden sind die prominentesten Figuren in einem großangelegten Testlauf für die Amtseinführung am 20. Januar. Rund drei Millionen Zuschauer werden dann erwartet, der Globus wird zuschauen. Da kann man ruhig mal üben, auch in aller Herrgottsfrühe an einem Sonntag.

Und zwar bis ins kleinste Detail. Ein paar Minuten vorher thront Brooks vor dem mächtigen weißen Capitol und hebt feierlich die Hand zum Amtseid. Neben ihm stehen Doubles für Michelle, für die Töchter Melia und Sasha, für Vize Joe Biden. Gegenüber wartet ein streng schauender Ersatz für Chefrichter John Roberts, der den Amtseid abnehmen wird. Die US-Marineband spielt dröhnend die Nationalhymne und "Hail to the Chief", den Song, der bei Auftritten des Präsidenten erklingt. Brooks schreitet gemessen ans Mikrofon zur Ansprache, die Obama halten wird. Von dem wird ein rhetorisches Feuerwerk erwartet, Brooks genügen sechs Worte: "Meine lieben Amerikaner, Gott segne Amerika". Ein paar Schaulustige, die sich am kalten Morgen eingefunden haben, jubeln. Kurz darauf hebt ein Militärhubschrauber lautstark ab. In neun Tagen soll der den scheidenden Präsidenten Bush aus der Hauptstadt fliegen.

3000 Mann als Probestatisten

Seit mehr als 200 Jahren zelebriert die US-Demokratie die friedliche Machtübergabe mit Pomp und Getöse. Dazu gehört auch eine Militärparade, angeführt vom Präsidenten. 1,2 Meilen lang, vom Capitol, dem Sitz des Parlaments, zum Weißen Haus, dem Sitz des Präsidenten. Mehr als 10.000 Soldaten werden darin marschieren, rund zwei Stunden lang. Sie diene als wichtiges Symbol, erklärt ein Armeesprecher, dass der neue Präsident das Sagen über das Militär habe. Und so üben auch die Truppen an diesem Sonntagmorgen verbissen. Alle zwei Meter steht am Wegesrand ein Soldat, mancher noch reichlich verschlafen.

"Bleib auf der Linie", wird ein junger Leutnant zurechtgeschnauzt, als die Vorhut auftaucht: eine Motorradstaffel der Washingtoner Polizei. Es folgen Kapellen und Armeegruppen, in schwarzer Uniform, in blauer Uniform, in blau-weiß, mit Flöten, mit präsentiertem Gewehr. 3000 Mann als Probestatisten, sie laufen die Pennsylvania Avenue herunter, von deren Ende die US-Flaggen im Capitol leuchten. Vorbei am Justizministerium, dem Nationalarchiv, dem FBI. Auf der Bank vor dem FBI-Gebäude liegt ein Obdachloser unter einer lila Decke vermummt auf einer Parkbank, er lugt verdutzt hervor, was dieser Krach soll so früh am Morgen. "Proben für Obama", ruft ihm ein Polizist zu, und eine Hand wedelt freudig unter der Decke hervor.

Noch klappt nicht alles. Einige Paradepolizisten winken lachend aus Autofenstern, als ob sie selbst Präsident seien. Als der Marsch-Lindwurm die Kurve zum Weißen Haus nimmt, steht am Rand ein Schild. "Die Kapelle hört hier auf zu spielen." Doch die Musikanten plärren fröhlich weiter, und das Schild mit der Aufschrift fällt krachend hin. Ein Soldat schaut streng, er sagt laut: "Das Schild soll nicht umfallen." Daran stört sich das Schild aber gar nicht und fällt, kaum aufgerichtet, gleich wieder um. So laut, dass unter normalen Umständen der Secret Service gleich aufmerken müsste. Dessen Personenschützer werden am 20. Januar direkt hinter Obama und seiner Familie laufen. Ob der überhaupt die Paradestrecke laufen wird, ist fraglich. Zu groß scheint das Risiko. Eher wohl werden die Obamas langsam in einer ihrer neuen gepanzerten Limousinen fahren, einem hochgerüsteten Cadillac. "The Beast" heißt der, er soll so gut geschützt sein, dass selbst ein Angriff mit chemischen Waffen den Obamas nichts anhaben könne.

Obama lässt sich nicht blicken - und ist natürlich doch da

"Ob man ihn dann überhaupt wird sehen können?", fragt eine Frau mit toupierten Haaren am Wegesrand. Bei der Probe am Sonntagmorgen ist das kein Problem. Auf den gezimmerten Tribünen entlang der Paraderoute winken nur einige Neugierige. Erst auf dem Paradeschlussspurt vor dem Weißen Haus füllen sich die Reihen, Zuschauer jubeln den Soldaten zu, sie klatschen und pfeifen. Eine Joggerin verfällt in den Marschschritt der Soldaten. Viele laufen für Fotos direkt auf die Strecke, ganz nah ran an die Marschierenden.

Am 20. Januar wird das kaum möglich sein. Bis zu drei Millionen Besucher werden dann erwartet, in langen Reihen dürften die Zuschauer den Paradeweg säumen. Für Tickets werden im Internet Hunderte Dollars geboten. Als das Inaugurationskomitee am vorigen Freitag Tausende Tickets per Internet verteilte, waren die innerhalb von Sekunden ausverkauft. Die allermeisten Besucher werden die Obama-Festspiele wohl auf der langen "National Mall" auf riesigen Bildschirmen sehen. Ein Verkehrschaos ist programmiert. Die Brücken in die Stadt sind für Autos gesperrt, die U-Bahn rüstet sich für Rekordandrang, 10.000 Busse sollen auswärtige Besucher transportieren. "Bringen sie sehr bequeme Schuhe, einen Hut und viel Geduld mit", rät der Cheforganisator der Feierlichkeiten.

Die Probe aber klappt wie am Schnürchen, um 11.30 Uhr ist schon alles vorbei. Obama hätte alles hören können. Seine Übergangsbleibe - das Hay-Adams-Hotel - liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Weißen Haus. Der designierte Präsident hat die Einwohner der Hauptstadt in den vergangenen Tagen mit Blitzauftritten überrascht. Am Samstag etwa stoppte er in einem beliebten Schnellrestaurant und verspeiste vor verzücktem Publikum einen Hot Dog. Doch am Sonntagmorgen lässt sich Obama, als Morgenmuffel bekannt, nicht blicken. Und ist natürlich doch da. Eine vierköpfige Familie, Touristen aus Florida, posiert nach dem Ende der Parade für Erinnerungsfotos vor dem Weißen Haus. Der Fotograf bittet die Gruppe um ein Lächeln, statt "Cheese" ruft er "Obama". "Obama", ruft die Familie strahlend zurück.

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Generalprobe mit Double: Testlauf für die Amtseinführung


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