Türkei Erdogan spielt Grubenunglück herunter

"So etwas passiert eben": Der türkische Premier Erdogan irritiert mit seinen Worten zum schweren Grubenunglück in Soma. Explosionen in Bergwerken habe es auch im 19. Jahrhundert in England gegeben.

Ministerpräsident Erdogan am Unglücksort: "Solche Unfälle gehören zur Normalität"
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Ministerpräsident Erdogan am Unglücksort: "Solche Unfälle gehören zur Normalität"


Istanbul - Nach dem schweren Grubenunglück mit mehr als 200 Toten in der Türkei hat Regierungschef Recep Tayyip Erdogan den Unfall heruntergespielt - und die Politik seiner Regierung verteidigt. Seine AK-Partei hatte nämlich erst vor wenigen Wochen einen Versuch der Opposition abgebügelt, Zwischenfälle in einer Grube im westtürkischen Soma untersuchen zu lassen.

Bei einer Pressekonferenz in Soma in der Provinz Manisa sagte Erdogan jetzt, solche Unglücke seien üblich. Der Regierungschef wurde gefragt, warum ein Unternehmen, das für solche Unfälle überhaupt nicht vorbereitet war, weiter die Mine betreiben könne. Seine Antwort: Er sehe "solche Fälle nicht so, dass sie nie passieren können. So etwas passiert eben".

Es liege in der Natur des Bergbaus, dass es Unglücke gebe, führte Erdogan weiter aus - und berief sich auf Unfälle aus dem 19. und 20. Jahrhundert. "Wenn wir in die Geschichte gehen, sind in England 204 Menschen im Jahr 1862 gestorben. 361 Menschen im Jahr 1866. Wieder in England 290 Menschen im Jahr 1894." Weiter berief er sich auf Grubenunglücke in Frankreich, China und Indien - als jüngste Beispiel nannte er das Unglück 1963 in Japan mit 458 Toten. "In solchen Minen passieren immer wieder solche Unfälle."

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Explosion in Bergwerk: Die Türkei trauert um die Opfer des Grubenunglücks
Erdogan kündigte auf der Pressekonferenz umfassende Untersuchungen an. Die Unglücksursache müsse "vollständig" untersucht werden, sagte Erdogan. "Wir werden keine Nachlässigkeit dulden."

Die Zahl der Todesopfer gab Erdogan mit 238 an. Noch immer werden demnach 120 Bergarbeiter in der Kohlegrube vermutet. Die Explosion, die am Dienstag das Kohlebergwerk erschütterte, ist eine der bislang folgenschwersten Industriekatastrophen in der Türkei. Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, schwindet. Hunderte Angehörige und Kollegen der verunglückten Kumpel warteten vor dem Grubeneingang auf Neuigkeiten.

Größter "Mord" am Arbeitsplatz in türkischer Geschichte

Gleichzeitig steigt die Wut auf den Regierungschef und die Betreiber des Bergwerks, in mehreren türkischen Städten kam es nach dem Unglück zu Protesten. In Soma traten wütende Demonstranten mit Füßen gegen das Auto des Ministerpräsidenten und forderten seinen Rücktritt, berichtete die Nachrichtenagentur Dogan. Viele hatten vor dem Gebäude, in dem Erdogan seine Pressekonferenz gab, bereits gesungen und gepfiffen.

In Ankara ging die Polizei am Mittwoch mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Studenten vor, die wegen des schweren Grubenunglücks demonstrierten. Mehrere Hundert Demonstranten seien daran gehindert worden, vor das Energieministerium in der Hauptstadt zu ziehen, berichteten türkische Zeitungen und Sender weiter. Die Sicherheitskräfte hätten über Megafon auf die von der Regierung verfügte Staatstrauer für die Opfer der Katastrophe hingewiesen.

Der größte türkische Gewerkschaftsbund Türk-Is rief seine Mitglieder dazu auf, am Donnerstag die Arbeit niederzulegen und stattdessen am Arbeitsplatz den getöteten Bergleuten zu gedenken. Der Gewerkschaftsbund sprach im Zusammenhang mit der Katastrophe vom größten "Mord" am Arbeitsplatz in der Geschichte der türkischen Republik, gegen den protestiert werden müsse. Bei Türk-Is sind 35 Einzelgewerkschaften organisiert.

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sun/AFP/dpa

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insgesamt 44 Beiträge
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ManfredoRSA 14.05.2014
1. Kondolenz eines aufrechten Staatsmannes
Erdogans Worte angesichts dieser Riesen-Katastrophe passen wie der Hammer auf den Kopf / die Koepfe nicht nur der direkt Betroffenen, sondern des ganzen Landes und aller Menschen, die ueber diesen Menschenverlust trauern. Sein Worte sind nicht nur gaenzlich unpassend , sondern unmenschlich und abartig! Dass er das Unglueck mit anderen Ungluecken von z.T. ueber 100 Jahren vergleicht, ist dumm. Moderne Bergwerke arbeiten staendig an der Verbesserung der Sicherheit und somit daran, dass solche Katastrophen vermieden werden. Der Mann gehoert einfach nicht an die Spitze dieses tollen Landes ! Pfui!
Ernie 14.05.2014
2. Erdogan ist so unerträglich...
die Überlebenden und Opfer sind noch nicht geborgen und er gibt solch lächerliche und untragbare Kommentare von sich...… er verhöhnt die Opfer, die Überlebenden, die Betroffenen und die Hinterbliebenen. Von Mitgefühl keine Spur! Er sollte sich schämen!
kayhawai 14.05.2014
3. Ins Knie geschossen
Das untrügliche Gespür dafür, was die konservativen Massen in der Türkei hören wollen, scheint den Sultan verlassen zu haben. Er wird sich noch wünschen, diese Äußerungen nie getätigt zu haben. By the way: Den Bergbau im eigenen Land auf eine Stufe mit dem in China und Indien zu stellen ist nicht sehr schmeichelhaft - aber immerhin ehrlich.
Wildes Herz 14.05.2014
4. Einfühlsam, warmherzig, mitfühlend... ein Präsident der Herzen!
Zitat von sysopGetty Images"So etwas passiert eben": Der türkische Premier Erdogan irritiert mit seinen Worten zum schweren Grubenunglück in Soma. Explosionen in Bergwerken habe es auch im 19. Jahrhundert in England gegeben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/grubenunglueck-in-der-tuerkei-erdogan-spielt-unfall-runter-a-969413.html
"SHIT HAPPENS": Das nenne ich mal mitfühlende Worte! Selten hat ein Regierungschef so warmherzige Worte gefunden, um Hinterbliebene zu trösten... Das zahlensichere Herunterbeten von Todesopfer-Statistiken aus dem englischen Bergbau des 19. Jahrhunderts (!) macht das Bild dieses einfühlsamen Mannes komplett.
Hank Hill 14.05.2014
5. Wenn Erdogan
das jetzt herunterspielt, oder mit Ungluecken im 18. und 19. Jahrhundert vergleicht dann ist das natuerlich Schwachsinn, darueber hinaus geschmacklos. Allerdings sehe ich auch nicht wieso er eine Mitschuld haben soll. Vermutlich waren die Sicherheitsmaßnahmen auch vor seiner Zeit zu lasch.
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