Grubenunglück in der Türkei Polizei setzt Opfer-Anwälte fest

Die Stimmung in Soma ist angespannt: Niemand will verantwortlich sein für das Unglück. Die Polizei nimmt Opfer-Anwälte fest, sperrt sie ein und kontrolliert Zufahrtswege. Neue Bilder von Premierminister Erdogan sorgen außerdem für Ärger.

Von , Istanbul


Bis zum Schluss sprechen die Helfer in Soma von Rettungsarbeiten, obwohl es wohl kaum etwas zu retten gibt, vier Tage nach dem schwersten Bergwerksunglück in der Geschichte der Türkei. Insgesamt 301 Leichen sind nach Angaben von Energieminister Taner Yildiz inzwischen geborgen worden. Die zwei zuletzt vermissten Menschen wurden am Samstag tot aus dem Bergwerk geholt. "Es gibt keine Vermissten mehr", sagte Yildiz. Die türkische Regierung erklärte die Suche nach Opfern für beendet.

Auch ein Feuer, das am Vormittag in der Tiefe erneut ausgebrochen war und die Bergung behinderte, sei unter Kontrolle gebracht worden. Die Einheiten würden die Mine nun noch einmal durchkämmen, um Klarheit zu haben. Auf die Fragen, was die Ursache der Katastrophe war, ob und gegen wen es Ermittlungen gebe und wer die Verantwortung trage, erhielten die Angehörigen der Opfer keine Antwort.

Stattdessen wurden am Samstag 15 Anwälte, die den Familien helfen wollten, von der Polizei ohne Angabe von Gründen festgenommen und in eine Sporthalle gesperrt. Türkische Nachrichtensender zeigten Bilder von Menschen in Handschellen. Mehrere Journalisten berichteten, sie hätten gesehen, wie die Festgenommenen geschlagen und ihnen die Hände auf den Rücken gefesselt worden seien.

Minenbetreiber sieht "kein schuldhaftes Verhalten" bei sich

Das Büro des Gouverneurs der Provinz Manisa, in der sich das Unglück ereignete, teilte mit, das "gewisse Gruppen" versuchten, Unruhe zu stiften. Das werde man nicht hinnehmen. Die Polizei sei daher angewiesen worden, "illegale Demonstrationen" zu unterbinden. An mindestens drei Zufahrtswegen nach Soma errichteten die Sicherheitskräfte Posten und kontrollierten Ausweise.

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Grubenunglück von Soma: Massive Spannungen
Angeheizt wurde die Stimmung auch durch Aussagen von Vertretern der Soma Holding, die die Mine betreibt. Firmenchef Alp Gürkan hatte am Freitag erklärt, es gebe keinerlei gesetzliche Verpflichtung, Rettungskammern in Bergwerken zu bauen. "Auf unserer Seite gab es keinerlei schuldhaftes Verhalten", sagte er. Auf die Frage, ob die Mine wieder in Betrieb genommen werde, antwortete er: "Natürlich." Zuvor werde aber ein Fluchtraum gebaut.

Gürkan hatte in einem Interview mit der Zeitung "Hürriyet" vor zwei Jahren damit geprahlt, die Kosten für den Kohleabbau von 130 auf 23,80 Dollar pro Tonne gesenkt zu haben. Eine Antwort auf die Frage, inwieweit das zu Lasten der Sicherheit der Arbeiter ging, blieb er schuldig.

Fehlende Fluchtwege und einsturzgefährdete Wände

Ein Sprecher der Regierungspartei AKP sprang ihm zur Seite. "Es gibt absolut keine Lücken in den Sicherheitsvorschriften unseres Landes für die Bergwerksindustrie", sagte Hüseyin Celik. Vor Journalisten erklärte er, es sei jetzt an der Zeit, Lehren zu ziehen und Fehler zu korrigieren, nicht "nach einem Sündenbock zu suchen". Zudem sei die Mine in Soma seit 2009 "insgesamt elf Mal gründlich inspiziert worden".

Ein 2010 erstelltes Protokoll der türkischen Architekten- und Ingenieurskammer TMMOB belegt dagegen, dass schon damals lebensgefährliche Risiken in dem Bergwerk festgestellt worden waren, berichtet die Zeitung "Daily Hürriyet". Damals kamen die Prüfer zu dem Schluss, Gase könnten austreten, die Arbeit müsse bis zur Klärung der Sicherheitsfragen eingestellt werden. Sie warnten auch vor fehlenden Fluchtwegen und nicht ausreichend gesicherten und daher einsturzgefährdeten Wänden. Dem Zeitungsartikel zufolge führte keine der Warnungen zu Konsequenzen.

Auch ein früherer Bergwerksingenieur kritisierte die mangelhaften Sicherheitsstandards in Soma. So sei altes, nicht feuerfestes Material im Elektro-System verarbeitet worden, sagte er der Nachrichtenseite "Habervesaire.com". Das Unternehmen stelle Profit über Sicherheit.

Mit Wasserwerfen und Tränengas gegen Demonstranten

Als Beleg für diese Haltung der Soma Holding und für die Unterstützung durch die Regierung werten Kritiker die Zurückweisung der Forderung, Zwischenfälle in der Mine in Soma untersuchen zu lassen. Bergarbeiter und Angehörige der Opfer geben den Behörden und der Regierung deshalb eine Mitschuld an der Katastrophe.

Im ganzen Land kam es daher wieder zu Demonstrationen, die die Polizei auseinandertrieb. In Soma und in Istanbul setzte sie Wasserwerfer, Tränengas und Plastikgeschosse ein. Hunderte Demonstranten forderten zudem in Istanbul den Rücktritt der Regierung.

Für Aufregung sorgt außerdem ein neues Video von Premierminister Erdogan. Es zeigt ihn während seines Besuchs in Soma am Mittwoch. Dort ist angeblich zu hören, wie er einem Demonstranten sagt: "Benimm dich! Es passiert, was passiert. Das ist Gottes Vorsehung. Wenn du den Premierminister dieses Landes ausbuhst, wirst Du geohrfeigt!" Ein nebenstehender Mann antwortet daraufhin: "Selbstverständlich werden wir geohrfeigt, Herr Premierminister. Wir lieben Sie so sehr, aber wir leiden." Durch die lauten Rufe in der Menge ist das Gespräch allerdings nicht klar zu verstehen.

Erdogan war zuvor wegen einer als herzlos empfundenen Rede sowie wegen Videos, auf denen festgehalten ist, wie er einen Demonstranten körperlich angeht und einen anderen beschimpft, kritisiert worden. Ebenso sorgte ein Berater des Premierministers für Aufregung, weil er auf einen am Boden liegenden Demonstranten eintrat.

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