Die Amerikaner wussten, dass auf diesem wunderschönen, von Platanen beschatteten, von Mauern umgebenen Stück Bagdad kein Segen lag. Sie hatten Saddam Hussein doch jahrelang dabei zugesehen, wie er zwischen seinen Palästen und den Villen seiner Hofschranzen am Tigris-Knie den Sinn für die Wirklichkeit verlor. Welche Ironie, dass sie unbedingt auch in diesen verwunschenen Garten mitten in der Stadt hineinwollten. Es dauerte nur ein paar Wochen, da wussten sie selbst nicht mehr, was hinter der Mauer los war.
Als ich im Oktober 2002 zum ersten Mal unter dem Torbogen mit Saddams gekröntem Kupferschädel hindurchfuhr, regierte der Diktator noch. Sein Stellvertreter, später in der Grünen Zone zum Tode verurteilt (und nicht weit davon exekutiert), empfing uns im Ministerratsgebäude, einem Monument baathistischen Größenwahns. Amerika, sagte er, werde im Irak ein neues Vietnam erleben. Das war nicht schlecht vorausgesagt. Und Saddam Hussein werde siegen.
Das war, mit acht Jahren Abstand betrachtet, eher ein früher Fall von Green-Zone-Delirium.
Ein halbes Jahr später lag der Ministerrat in Trümmern, Mitte April 2003 stakste ich noch ungestört auf seinem Schutthaufen herum und warf Steinchen ins Tigriswasser, das sich in den Bombentrichtern sammelte. Dann sperrten die Amerikaner den alten Palastbezirk und stellten Wachen davor auf.
Die Haltung zur Wirklichkeit vor der Mauer war von Anfang an feindselig. Ein Soldat, den ich eines Morgens, mit meinem ersten Green-Zone-Pass um den Hals, bat, mich außer der Reihe durchzulassen, wies mich rüde zurück. Doch es ging gar nicht um mich. "You see the fucking crowd over there?", fuhr er mich an und deutete auf die Dutzenden Iraker, die betreten daneben standen: alles Ärzte, Akademiker, Lehrer, die gut Englisch sprachen und sich um einen Job in der Grünen Zone bewerben wollten.
Pool-Bar, joggende Botschaftssekretärinnen mit iPod, Yoga-Kurse
Rasant fielen die beiden Welten vor und hinter der Mauer nun auseinander: Schießereien, Autobomben, Blutlachen draußen; eine Pool-Bar, joggende Botschaftssekretärinnen mit iPod, Yoga-Kurse für die US-Zivilangestellten drinnen. Im Sommer 2006 - in der Roten Zone kamen inzwischen jeden Tag 30 Menschen gewaltsam ums Leben - war ich dabei, als in der Grünen Zone ein Soldat, sein Sturmgewehr geschultert, eine ältere Zivilistin aus der Armee-Kantine warf, weil sie Sandalen trug. Kaliber 7,62 war an der Salatbar erlaubt, offene Schuhe nicht.
Seltsames spielte sich ab in diesem militärisch-diplomatischen Biotop, in dem Karrieren entschieden wurden, private Sicherheitsdienste Milliarden verdienten und von wo Gelegenheitsbesucher sagenhafte Geschichten und T-Shirts mit einem Aufdruck des "Baghdad Country Club" nach Hause mitbrachten: "It takes real balls to play here".
Ich, der ich den trostlosen Irak vor der Invasion erlebt hatte, empfand die Grüne Zone nachher als noch trostloser. Herrisch hatte mich das Personal im berühmten Raschid-Hotel vor dem Krieg herumkommandiert, nun hingen die Schultern des Personals immer schlaffer herunter, die Gesichter wurden immer blasser, die Uniformen immer speckiger. Als die Amerikaner selbst die Checkpoints räumten und an Söldner aus Nepal, Peru und Georgien übergaben, zog (vor allem bei den Georgiern) zumindest eine Spur von Lässigkeit ein, mit der die Iraker sich etwas leichter taten. Dafür hingen nun, nach sieben Jahren Irak, die Schultern der Amerikaner.
Am Dienstag quittierte der letzte von der US-Botschaft geheuerte Green-Zone-Bewacher seinen Dienst. Die Iraker übernehmen die Zone. Noch steht nicht fest, wer aus der Wahl im März als neuer Premierminister hervorgehen wird. Nuri al-Maliki, der seit vier Jahren in der Grünen Zone residiert? Oder Ijad Allawi? Oder einer der vielen anderen, die vor dem verwunschenen Garten campieren und, wie vor sieben Jahren die Amerikaner, unbedingt dort hineinwollen.
Mit einem aber kann man rechnen: Solange die Mauer am Tigris-Knie so hoch ist wie heute, werden die dahinter so wenig über das Draußen wissen wie Saddam und die Amerikaner.
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