Guantanamo-Akten Einblick ins Geheimarchiv der Terrorfahnder

Die Geheimakten der Guantanamo-Tribunale enthüllen die bittere, menschliche Realität in dem US-Lager. Das Militär präsentiert nur wenig Beweise für seine Terror-Vorwürfe. Die Gefangenen wiederum schwören felsenfest ihre Unschuld. Am Ende haben die Wortwechsel fast kafkaeske Züge.

Von , New York


New York - Der Bittbrief des Häftlings, zwei Seiten lang, ist handgeschrieben. "Dies ist meine Rede", beginnt er in holprigem Englisch. "Meine Führung & mein Benehmen ist jedem hier im Camp bekannt, ich habe nicht ein einziges Mal Probleme mit den Wärtern gehabt und bin nicht unhöflich gewesen. Ich sollte nicht länger interniert werden, denn ich habe nie Probleme für Amerika verursacht. Ich lasse es in euren Händen."

Ein Raum des Administrative Review Board in Guantanamo: Klassischer "Catch-22"
REUTERS

Ein Raum des Administrative Review Board in Guantanamo: Klassischer "Catch-22"

Das Gnadengesuch - undatiert und auf Arabisch unterzeichnet - findet sich inmitten von über 5000 Seiten bisher geheimer Verhör- und Ermittlungsdokumente aus dem US-Lager Guantanamo Bay, zu deren Freigabe ein New Yorker Richter das Pentagon jetzt verurteilte. Die Aktenflut, die erstmals auch die Namen und Nationalitäten Hunderter muslimischer Terrorhäftlinge enthält, bietet einen verwirrenden und haarsträubenden Einblick in die komplizierte Realität hinter der Debatte um Guantanamo und dessen rechtsfreie Grauzone.

Das US-Verteidigungsministerium befolgte die von der Nachrichtenagentur AP erklagte Freigabe-Anordnung nur widerwillig und erschwerte sie, indem sie die Akten mit einem massiven document dump veröffentlichte: Es warf Tausende Rohdokumente ohne Erklärung, Erläuterung oder Einordnung ins Internet.

Klassischer "Catch-22"

Meist sind es Mitschriften von Verhören vor Militärtribunalen in Guantanamo und anderswo sowie Anhörungen vor dem Administrative Review Board (ARB), einer Kommission in Guantanamo, die über weitere Internierung oder Freilassung entscheidet. Hinzu kommen Auflistungen "belastender" und "entlastender" Indizien sowie Statements der Beschuldigten -generell Unschuldsbeteuerungen. Die Ergebnisse der Befragungen, Anhörungen und Indizienbefunde wurden nicht veröffentlicht.

Die Akten sind unsortiert und undatiert, und nur die Zusammenfassungen tragen Namen. In allen anderen Fällen ergibt sich die Identität der Gefangenen, wenn jemand sie namentlich anspricht, doch auch das lässt Fragen offen. So nennt das ARB einen Gefangenen Mohammed Abdul Rahman. "Das ist nicht mein Name", widerspricht der. "Mein Name ist Lutfi bin Ali."

Die Dokumente enthüllen die ganze Krux des Guantanamo-Systems, wonach die Gefangenen als "feindliche Kämpfer" unbefristet und außerhalb der US-Justiz festgehalten werden können, solange nur "Terrorverdacht" besteht - ein Verdacht, den sie wiederum aus der Haft heraus natürlich nur mit eigenen Worten bestreiten können. Beweise werden ihnen nicht präsentiert, Gegenbeweise werden nicht zugelassen. Es ist ein klassischer "Catch-22".

Aussage gegen Aussage

Wieder und wieder wiederholt sich das gleiche Szenario: Ein Offizier verliest die Vorwürfe, der Häftling schwört seine Unschuld. Es sind kalte, nüchterne und zumindest auf dem Papier überwiegend emotionslose Mini-Verfahren.

"Ich lehne die Anschuldigen ab", sagt einer. "Jemand versucht nur, mich zu beschuldigen", ein anderer. "Lügen, alles Lügen", ein dritter. "Ich weiß nichts von al-Qaida", beteuert einer.

Am Ende steht Aussage gegen Aussage - und daraus entstehen oft kafkaeske Dialoge.

"Ist einer deiner Verwandten ein Terrorist in Pakistan?", fragt ein Militär einen Muslim, der in Kabul verhaftet wurde. "Ich habe keine Verwandten in Pakistan", kommt die Antwort. "Du hast als Koch in einem Camp der Taliban gearbeitet", sagt der Verhörer. "Ich war kein Koch, ich habe nur Gemüse angebaut. Ich kann nicht mal kochen." Frage: "Welche Gemüse hast du angebaut?" Antwort: "Grüne Paprika, Tomaten, grüne Bohnen und ein paar Tomaten." Frage: "Hast du in deinem Garten auch Mohn angebaut?" Gefangener: "Ich weiß nicht, was Mohn ist." Offizier: "Eine Blume."

Wer lügt? Wer hat Recht?

Oder dieses: "Hast du jemals außerhalb des Trainings eine Waffe abgefeuert?" Antwort: "Ich bin ein paar Mal in Saudi-Arabien jagen gegangen." Nachfrage: "Was hast du denn in Saudi-Arabien gejagt?" Antwort: "Kaninchen."

Wer lügt? Wer hat Recht? Ist der Häftling ein ausgefuchster Flunkerer? Oder ein verzweifelter Unschuldiger? Und: Warum ist er überhaupt interniert? Aus den Transkripten allein sind diese Fragen nicht zu beantworten.

Die menschliche Dramatik hinter diesen Fällen offenbart sich gelegentlich im Nebensatz. Einen Ägypter fragt die Tribunalspräsidentin in Guantanamo (in den meisten Fällen ist es eine Offizierin), ob er denn wisse, weshalb er eine orangefarbene Uniform tragen müsse, das Kennzeichen für Neuzugänge und Häftlinge im Hochsicherheitstrakt. "Ich glaube, weil ich versucht habe, mir das Leben zu nehmen, nachdem ich 191 Tage hier war", antwortet der. Seine Anhörung vor dem Board beendet er mit der Frage: "Wann werde ich das Ergebnis erfahren?" Worauf die Präsidentin erwidert: "Hoffentlich innerhalb von 30 bis 60 Tagen."

16-Jähriger in Kriegsgefangenschaft

Die Kommunikationsbarriere zwischen Häftlingen und US-Militärs ist offensichtlich. Die meisten Anhörungen laufen über einen Dolmetscher, doch selbst der ist manchmal überfordert. "Ich glaube, ich bin in der Übersetzung verloren gegangen", seufzt die Tribunalspräsidentin einmal. Selbst einfache Worte müssen mehrfach erklärt werden. "Was heißt 'aussagen'?", fragt ein Gefangener.

Oder folgende Frage nach den Reisen eines Gefangenen durch Afghanistan: "Bist du im September dorthin gegangen?" Antwort: "Ich kenne keine englischen Monate. Wenn du in arabischen Monaten sprächest, dann würde ich das wissen." Die Frage wird fallengelassen.

Die Akten scheinen Vorwürfe zu bestätigen, dass in Guantanamo Minderjährige interniert sind. Einer der Gefangenen, der nach drei Jahren in Guantanamo vors ARB tritt, war nach Militärangaben zur Zeit seiner Einlieferung erst 16 Jahre alt. "Ich möchte außerdem betonen", sagt der US-Offizier, "dass seine physische Erscheinung viel anders ist als vor drei Jahren, denn er ist nun fast ein erwachsener Mann."

"Ich habe Folter und Erniedrigung erlitten"

Der 19-Jährige, dessen Bruder im Afghanistan-Krieg fiel, identifiziert sich als "ein Talib des Korans und Gottes und nicht ein Krieger-Talib". Er sei von afghanischen Truppen festgenommen und den Amerikanern gegen ein Kopfgeld ausgeliefert worden. Die Afghanen hätten ihn mit Gewehrkolben geschlagen, bis ihm der Schädel geplatzt sei. "Ich konnte keine weiteren Prügel ertragen, also gab ich alles zu, was sie sagten." Der Kommissionsvorsitzende beendet den Termin dann mit einer Geste: "Das Board möchte dir sein Beileid für den Verlust deines Bruder ausdrücken." Das Ergebnis der Anhörung ist nicht bekannt.

Während manche angeben, sie könnten über ihre Haftbedingungen in Guantanamo nicht klagen, sprechen andere dezidiert von Folter. Ein Saudi namens Sultan Sari Sayel al Anazi erklärt: "Ich habe Folter und Erniedrigung in jeder Weise erlitten, in meiner Religion und in meiner selbst, und andere Arten von Folter und Erniedrigung (...) Die Vernehmungsbeamten, die mich auf den amerikanischen Militärbasen in Afghanistan verhört habe, haben mich auf die abscheulichste Weise und mit den abscheulichsten Foltermethoden behandelt."

Die Kommission hakt nicht nach, sondern ignoriert das Thema. Stattdessen fragt sie: "Was sind heute deine Gefühle über die Grausamkeiten, die am 11. September in Amerika stattfanden?" Seine Antwort: "Ich unterstütze dieses Ereignis nicht."

"Ich flehe Gott an, meine Ketten zu sprengen"

Einige betteln regelrecht um Freilassung. "Im Namen Gottes, des Mitfühlendsten und Barmherzigsten", schreibt einer an das Review Board. "Ich flehe Gott, den Großen und Allmächtigen, an, meine Ketten und die Ketten all derer, die unschuldig sind, zu sprengen."

Einige sind verschreckt. "Bitte sagt mir, wenn ich sprechen darf, denn ich weiß nicht, was hier passiert", fleht einer, und ein anderer: "Ich tu alles, damit ihr mir glaubt." Wieder andere sind indigniert: "Ich bin ein bisschen schockiert darüber, dass ich ein feindlicher Krieger gegen Amerika sein soll." Einer namens Mosa Zemmori gibt sich widerspenstig. Auf die Frage, ob er eine Erklärung abgeben wolle, reagiert er mit langem Schweigen. "Ich interpretiere das als ein Nein", sagt der Offizier. "Ich denke noch nach", gibt Zemmori zurück. "Verzeihung", sagt der Offizier.

Und dann gibt es die, die sich widersprechen. Einer behauptet erst, er habe "nie mit einer terroristischen Organisation zu tun gehabt", gibt aber im gleichen Atemzug zu, vier Terroristen kennengelernt, an einem Treffen zur Vorbereitung von Anschlägen teilgenommen und geprahlt zu haben, er kenne Osama bin Laden persönlich. "Du musst ein sehr großes Ego haben", sagt der Offizier. "Ich glaube, ich bin einfach dumm", antwortet der Häftling. "Sonst wäre ich heute nicht hier."



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