US-Gefangenenlager Was wurde eigentlich aus Guantanamo?

Häftlinge unter freiem Himmel, Waterboarding, Hungerstreik: Guantanamo ist ein Synonym für das paranoide Amerika nach 9/11. Noch immer sitzen 136 Gefangene ein - obwohl Präsident Obama die Schließung versprochen hatte.

AFP

Von , New York


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

Starke Körperbehaarung? Dagegen soll Epila helfen, ein türkisches Mittel. In einer Anzeige warb das Unternehmen kürzlich mit dem Foto eines grimmigen Herrn, dem an Brust und Rücken üppige dunkle Härchen aus dem Halsausschnitt seines T-Shirts quellen. Das Inserat erschien auf türkischen Websites. Doch der abgebildete Mann war kein Model - sondern Khalid Sheikh Mohammed, der mutmaßliche 9/11-Drahtzieher, der im US-Gefangenenlager Guantanamo Bay sitzt. Das Bild war lange das einzige von ihm, das in der Öffentlichkeit bekannt war. Es entstand bei seiner Festnahme im März 2003 in Pakistan.

"Sein Körper passte gut zu unserer Anzeige", entschuldigte sich Epila-Sprecher Mehmet Can Yildiz in der Zeitung "Hürriyet". "Wir wussten nicht, dass er ein Terrorist ist." Die Kampagne wurde diskret wieder eingestampft.

Ansonsten ist es relativ still geworden um "KSM", wie Amerikas einstiger Staatsfeind Nr. 2 nach Osama Bin Laden auch genannt wird. Das 9/11-Verfahren gegen Mohammed und vier Mitangeklagte vor einem Militärgericht in Guantanamo schleppt sich seit 2012 dahin. Bisher gab es nur bizarre Anhörungen, bei denen es schier endlos um Formalien ging. Der eigentliche Prozess ist nicht in Sicht.

Heute verfallen weite Teile des Lagers, vergessen vom Rest der Welt. Sein Betrieb wird immer teurer, inzwischen kostet er alles in allem rund 443 Millionen Dollar im Jahr. Die Schließung gestaltet sich dennoch schwierig - auch, weil keiner weiß wohin mit den noch 136 verbliebenen Insassen. Am Wochenende wurden sechs Häftlinge nach Uruguay ausgeflogen.

Häftlinge in Käfigen unter freiem Himmel, Waterboarding, Hungerstreiks: 2002 für den "Krieg gegen den Terror" eingerichtet, mutierte Guantanamo schnell zum Synonym für das paranoide, selbstgerechte Amerika nach 9/11. Insgesamt fast 800 Häftlinge haben das Lager durchlaufen, bar aller Menschen- und Verfassungsrechte, meist ohne Anklage, viele unschuldig.

Als erste Amtshandlung schwor Obama 2009, das Gefängnis zu schließen. Doch der Kongress widersetzt sich, blockierte zuletzt Anfang Dezember 2014 einen Vorstoß des Präsidenten. Der Transfer in die Heimatländer verläuft bis heute schleppend.

Erst zehn Gefangene wurden bisher angeklagt. Der prominenteste: Sheikh Mohammed. Auch sein Schicksal wurde zum politischen Spielball.

Der mutmaßliche Qaida-Veteran soll seine Rolle als "Architekt" der Anschläge vom 11. September 2001 und zahlreicher anderer Attentate erst nach Folter in einem polnischen CIA-Gefängnis gestanden haben. Auch zum Mord an dem "Wall Street Journal"-Reporter Daniel Pearl soll er sich nur unter Qualen bekannt haben. Obamas Versuche, ihn vor ein New Yorker Gericht zu stellen, scheiterten am politischen Widerstand. So ist das einstige Jahrhundertverfahren um Amerikas 9/11-Trauma heute eine Farce vor einem Militärtribunal, unter Aufsicht der Geheimdienste.

Selbst wenn es zu einem Prozess kommt, das Ende ist ungewiss. Normalerweise wäre Sheikh Mohammed ein Kandidat für die Todesstrafe. Doch da er unter anderem 183-mal die Foltermethode Waterboarding erleiden musste, könnte er ein Urteil wohl anfechten.

Mehr Klarheit auch über die Zustände in Guantanamo sollte eigentlich ein bislang geheimer "Folterbericht" bringen. Das mehr als 6000 Seiten umfassende Dossier wurde vom Geheimdienstausschuss des US-Senats erstellt. Doch das Weiße Haus und die CIA blockieren seine Veröffentlichung - und begründeten dies mit Sorge vor neuer Gewalt im Nahen Osten. Die scheidende Ausschusschefin, die Demokratin Dianne Feinstein, bezeichnete den Report als "erschreckend": Folter sei "viel systematischer und weiter verbreitetet" gewesen als gedacht.

Auch in Zukunft wird es wohl vorerst nichts mit der Veröffentlichung des Berichts. Denn nach ihrem Erfolg bei den Midterm-Wahlen übernehmen die Republikaner im Januar den Vorsitz im Geheimdienstausschuss. Der designierte Vorsitzende Richard Burr ist ein erklärter Freund der CIA.

Sheikh Mohammeds Schicksal bleibt ungewiss. Sogar das Militärtribunal selbst, vor dem er steht, hat eine unklare Zukunft - dank eines Mithäftlings von KSM: Ali Hamza al-Bahlul, seit 2002 in Guantanamo. Er war 2008 als Bin Ladens Propagandahelfer zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Ein US-Berufungsgericht hob das Urteil jedoch zum Teil wieder auf: Die gesetzliche Grundlage der Tribunale sei wacklig.

Der Fall könnte nun bis zum Obersten US-Gerichtshof gehen. Teilt dieser die Sicht des Berufungsgerichts, könnte das gesamte Konstrukt, das Guantanamo und das Verfahren gegen Mohammed rechtfertigt, einstürzen.

Zum Autor
Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

Der Autor auf Facebook

Mehr Artikel von Marc Pitzke

Was wurde eigentlich aus...
Außerdem in dieser Serie erschienen: Schwuler NFL-Footballer Michael Sam, Waldsterben, Knall vom Wedding, Gefangenenlager Guantanamo, Flug MH370, Bayerische Amigos, BSE, Rossis Wunderreaktor, Gaddafi-Clan, Ungarns Mediengesetz, Anton Schlecker, Fukushima und die Kernenergie, Biosprit E10, Abu Ghraib, #Aufschrei, Deutschlands Solarindustrie, Lehman Brothers, Sarah Palin, Dubai nach dem Crash, Winnenden nach dem Amoklauf, Kassiererin Emmely, Die Piraten von Somalia, Die Opfer des Boston-Marathons, die Schweizer Volksabstimmung gegen "Masseneinwanderung", Felix Baumgartner, Stiftung Warentest gegen Ritter Sport, Andrea Ypsilanti, Stefan Mappus, Annette Schavan, Die Piratenpartei, Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Mahmud Ahmadinedschad, Bischof Tebartz-van Elst, Dominique Strauss-Kahn, Der Pferdefleischskandal
Was wurde eigentlich aus... Ihrem Wunschthema?
Die Serie "Was wurde aus...?" spürt Themen und Menschen nach, die einst die Schlagzeilen beherrschten, dann aber aus dem Blickfeld verschwanden. Wir recherchieren, wie sich die Ereignisse fortentwickelt haben, und erzählen die Geschichte weiter. Jetzt können Sie mitentscheiden, welche Themen wir auswählen: Schicken Sie bitte Ihren Themenvorschlag an
Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Ihre Hinweise, die uns bei der Recherche helfen.
Selbstverständlich behandeln wir Ihre Angaben vertraulich.
Ihre Redaktion von SPIEGEL ONLINE

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.