Guantanamo-Häftling Slahi Schlafentzug, Dauerlärm, Todesdrohung

Jahrelang lebte er in Deutschland, seit zehn Jahren ist er Gefangener der USA: Die Geheimakte über den mauretanischen Häftling Mohamedou Ould Slahi steht beispielhaft für das Versagen des Systems Guantanamo. Sein Terrorgeständnis kam unter Folter zustande.

Guantanamo-Insasse Slahi: "Zu jedem Vorwurf ja gesagt"

Guantanamo-Insasse Slahi: "Zu jedem Vorwurf ja gesagt"


Das Dokument hat zwölf Seiten, es stammt aus dem März 2008, und wer es liest, muss den Eindruck bekommen, dass es sich bei dem darin beschriebenen Gefangenen um eine ganz große Nummer im internationalen Terrorismus handelt.

Der Häftling mit der Nummer 760 habe zugegeben, Mitglied der Qaida zu sein und deren Ausbildungslager in Afghanistan durchlaufen zu haben, heißt es gleich auf der ersten Seite. Er habe die "Baia", den Eid auf Osama Bin Laden, geschworen und sei bereit gewesen, als Märtyrer für dessen Sache in den Tod zu gehen. Er habe ferner eingeräumt, seine Hauptaufgabe sei gewesen, in Europa Freiwillige für die Terrororganisation zu werben.

Zudem, und hier wird es aus deutscher Perspektive interessant, behauptet die Joint Task Force in ihrer Einschätzung, der Gefangene habe "die Qaida-Zelle in Duisburg" angeführt - diese wichtige Information steht im Indikativ in der Akte und ohne jedes Fragezeichen.

Deutschen Ermittlern war und ist eine solche Zelle nicht bekannt, sie taucht in den Akten zu den umfangreichen Ermittlungen nach den Anschlägen des 11. Septembers nicht auf.

Fast lückenlos dokumentiert sein Lebenslauf ein Jahrzehnt des Terrorismus

Der Gefangene mit der Nummer 760 ist Mauretanier, Mohamedou Ould Slahi, 1970 in Rosso geboren, 1988 war er als Stipendiat der Carl-Duisberg-Gesellschaft nach Deutschland gekommen. In Duisburg ließ er sich zum Diplom-Ingenieur ausbilden. Nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 wurde Slahi in Mauretanien aufgegriffen, mehrere Monate in Jordanien festgehalten - und im August 2002 nach Guantanamo überstellt, wo er seither einsitzt.

Die Geschichte des Mohamedou Ould Slahi ist vergleichsweise gut zu rekonstruieren, Slahi ist ein exemplarischer Fall für die Jahre vor und nach dem 11. September 2001. Fast lückenlos dokumentiert sein Lebenslauf ein Jahrzehnt des Terrorismus gegen den Westen, sowie dessen Schwierigkeiten, auf diesen Terror eine angemessene Antwort zu finden. DER SPIEGEL widmete dem Fall Slahi schon 2008 eine ausführliche Geschichte, sprach mit seinen Verwandten in Mauretanien, mit seinen Anwälten, dem für ihn zuständigen US-Militärstaatsanwalt und mit dem Mann, der ihn auf Guantanamo verhörte.

Umso interessanter ist es nun, den bisher bekannten Lebenslauf des Mauretaniers und die gesicherten Erkenntnisse zu seiner Person mit dem nun verfügbaren Memorandum, dem "Detainee Assessment" der Joint Task Force, zu vergleichen. Und schnell festzustellen: Das eine hat mit dem anderen nicht viel zu tun.

Slahi trommelte für den weltweiten Dschihad

Das Dokument aus Guantanamo beschreibt einen anderen Slahi, einen zu allem entschlossenen Terroristen, skrupellos und gefährlich. Es skizziert eine Karriere innerhalb der Qaida, für die deutsche wie internationale Ermittler nie ausreichend Belege fanden. Wohl aber die Militärs von Guantanamo.

Wer nur das Geheimdossier über den Gefangenen Nummer 760 kennt, muss unweigerlich glauben, er habe es mit einer Schlüsselperson des internationalen Terrors zu tun, mit einem Mann, der direkte verwandtschaftliche Beziehungen in die Spitzenhierarchie der Terrororganisation hat. Der nicht nur Chef der "al-Qaida cell" in Duisburg war, sondern auch Anführer jener Zelle, die einst den Flughafen in Los Angeles in die Luft sprengen wollte. "Millennium Plot" hieß der Plan. Außerdem, so steht gleich auf Seite eins, soll Slahi drei der Attentäter des 11. Septembers rekrutiert haben.

Deutsche Ermittler waren da stets vorsichtiger in ihrer Beurteilung: Der Aussage, Slahi habe 9/11-Attentäter rekrutiert, schreiben sie "Legendenstatus" zu, es lägen keinerlei eigene Erkenntnisse dazu vor. Auch ein amerikanisches Bundesgericht, das den Fall Slahi im vergangenen Jahr überprüfte, kam zu dem Schluss: Der Gefangene müsse freigelassen werden, hieß es da, es gebe keine Gründe, ihn weiter auf Guantanamo festzuhalten.

Fest steht: Slahi trommelte für den weltweiten Dschihad, er predigte in den neunziger Jahren in tristen Hinterhof-Moscheen in Duisburg und Krefeld. Der deutsche Verfassungsschutz legte damals einen Vorgang zu ihm an. Es bestand der Verdacht, der Mauretanier habe über ein Geschäftskonto "Qaida-relevante Gelder" an einen Mann im Sudan überwiesen. Bestätigen konnte der Verfassungsschutz das nie.



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Seite 1
nixkapital 29.04.2011
1. Aha...
Zitat von sysopJahrelang lebte er in Deutschland, seit zehn Jahren ist er Gefangener der USA: Die Geheimakte*über den mauretanischen Häftling Mohamedou Ould Slahi steht beispielhaft für das Versagen des Systems Guantanamo. Sein Terrorgeständnis kam unter Folter zustande. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759493,00.html
...wenn dem so sein sollte, warum wird keine Anklage vor dem internationalen Gerichtshof erhoben? Stehen die USA mittlerweile über den Menschenrechten, die sie vor 70 Jahren noch verteidigt haben?
frubi 29.04.2011
2. .
Zitat von sysopJahrelang lebte er in Deutschland, seit zehn Jahren ist er Gefangener der USA: Die Geheimakte*über den mauretanischen Häftling Mohamedou Ould Slahi steht beispielhaft für das Versagen des Systems Guantanamo. Sein Terrorgeständnis kam unter Folter zustande. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759493,00.html
Der Wert von Geständnissen die unter Folter erzwungen wurde ist gleich 0. Wer sich darauf verlässt tut dies eigentlich nur aus eigenen Motiven.
Medien-Kritiker, 29.04.2011
3. ...
Zitat von nixkapital...wenn dem so sein sollte, warum wird keine Anklage vor dem internationalen Gerichtshof erhoben? Stehen die USA mittlerweile über den Menschenrechten, die sie vor 70 Jahren noch verteidigt haben?
Natürlich stellen die USA sich über die Menschenrechte.Zweifeln Sie das ernsthaft an? Eine Anklage vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag beispielsweise ist aber nicht möglich, da die Amis das Statut des Strafgerichtshofes nie ratifiziert haben.Eine UN-Resolution wäre dagegen möglich, aber auch wer daran glaubt ist ein Träumer.
Jausepriester 29.04.2011
4. Veto
Zitat von Medien-KritikerNatürlich stellen die USA sich über die Menschenrechte.Zweifeln Sie das ernsthaft an? Eine Anklage vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag beispielsweise ist aber nicht möglich, da die Amis das Statut des Strafgerichtshofes nie ratifiziert haben.Eine UN-Resolution wäre dagegen möglich, aber auch wer daran glaubt ist ein Träumer.
Unwahrscheinlich, dass die USA gegen eine solche Resolution kein Veto einlegen.
CapHad 29.04.2011
5. Den kenn ich doch!
Als ich das Foto sah, dachte ich noch:"Hmm, woher kenn ich den?" http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759148,00.html Sie hätten unbedingt schon in dem Artikel "Amerikas gefährlichste Gefangene" darauf hinweisen sollen, dass es große Zweifel an seiner Schuld gibt. Ansonsten müssen sie leider eingestehen, das der Artikel extrem am Bild-Niveau entlang schrammt...
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