Fotos aus dem berüchtigten US-Gefängnis So oder so ist Guantanamo

Die Fotografin Debi Cornwall hat Wärter und deren Familien im US-Lager Guantanamo Bay besucht. Danach spürte sie entlassene Gefangene auf. Entstanden sind Bilder voller Widersprüche.

Debi Cornwall/ RADIUS BOOKS

Wenn auf Guantanamo Bay Feierabend ist, vertreiben sich die Bewacher die Langeweile beim Golf oder im Freiluftkino. Wenn Häftlinge aus dem US-Lager auf Kuba entlassen werden, bleibt oft nur die Verzweiflung.

Debi Cornwall war einst Menschenrechtsanwältin, als Fotografin machte sie das umstrittene Terrorgefängnis zu ihrem Thema. Mehrfach reiste die Amerikanerin dorthin - und fand eine Welt voller Gegensätze. Wärter, die in dem als Folteranstalt in Verruf geratenen Hochsicherheitslager Dienst tun, haben sich privat in einem geradezu banalen Alltag eingerichtet.

Frühere Gefangene, die Cornwall ebenfalls aufspürte, kämpfen dagegen bis heute mit den Folgen ihrer Haft. Egal, ob sie unschuldig sind - "sie sind gebrandmarkt fürs Leben", sagt Cornwall.

Zur Person
  • Sally Low
    Debi Cornwall (44) stammt aus Weymouth im US-Bundesstaat Massachusetts. Sie studierte unter anderem in Harvard und arbeitete zwölf Jahre lang als Menschenrechtsanwältin. 2014 machte sie ihr Hobby zum Beruf und wurde Dokumentarfotografin. Ihr Buch "Welcome to Camp America" erschien 2017.

SPIEGEL ONLINE: Die Öffentlichkeit hat Guantanamo Bay etwas aus den Augen verloren. Sie haben das US-Lager nun zu ihrem Thema gemacht. Warum?

Debi Cornwall: Nachdem Barack Obamas Versuche, das Lager zu schließen, gescheitert sind, ist es tatsächlich still geworden. Dabei sitzen immer noch 41 Menschen dort ein, ohne Anklage, ohne Gerichtsverfahren, ohne Urteil. Ich habe zwölf Jahre als Rechtsanwältin gearbeitet und mich für die Rechte unschuldig Verurteilter in den USA eingesetzt. Vor vier Jahren habe ich mich dann entschieden, mein damaliges Hobby, die Fotografie, ernsthafter zu betreiben. Ich bin dann dreimal nach Guantanamo Bay gereist und habe insgesamt 16 Tage dort verbracht, um das Leben zu dokumentieren und künstlerisch aufzuarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: War es schwer, eine Genehmigung dafür zu bekommen?

Cornwall: Kann man wohl sagen. Es hat neun Monate gedauert, bis ich rein durfte. Es wurde viel nachgehakt, mein Hintergrund wurde überprüft, ich musste immer wieder mein Anliegen begründen. Bevor ich fotografieren durfte, musste ich eine zwölfseitige Erklärung unterschreiben, in der genau festgelegt wurde, was ich machen durfte: Keine Fotos, anhand derer man Häftlinge oder Wärter identifizieren kann, keine Fotos von Sicherheits- oder Zugangskontrollen, keine Bilder die die Lage der Gebäude oder der Zugangsstraßen erkennbar machen.

Guantanamo Bay

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie sich einigermaßen frei bewegen?

Cornwall: Nicht im Geringsten. Ich hatte ständig einen Begleiter an der Seite. Jeden Abend musste ich meine Speicherkarten abgeben, dann wurden Bilder, die gegen die Regeln verstießen, von der Karte gelöscht. Die Anwältin in mir hat sich nach physischen Beweisen gesehnt und so habe ich auch Fotos auf Film angefertigt. Die entwickelte ich in einer mobilen Dunkelkammer und die militärischen Begleiter haben dann aus Negativen die Teile ausgeschnitten, die ich nicht zeigen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bilder sind das Ergebnis von Zensur?

Cornwall: Das war mir von Anfang an klar. Es ging mir auch darum, genau diese Zwänge und die weißgewaschene Welt in den Lagern zu zeigen und künstlerisch zu verfremden.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie dort am meisten überrascht?

Cornwall: Schon auf der Fahrt vom Flughafen zum Camp sagte mein Begleiter: "Als Soldat ist Guantanamo Bay der Einsatzort, wo man am meisten Spaß hat." Das Wetter ist karibisch, es gibt Skateboardparks für die Kinder der Soldaten, Minigolfplätze, man kann den Tauchschein machen oder mit dem Kajak auf dem Meer umherpaddeln. Und dann ist es eben auch ein Ort, an dem - wie Obama gesagt hat - Menschen gefoltert wurden.

Fotostrecke

12  Bilder
Alltag in Guantanamo: Mit Fußfessel im Urlaubsparadies

SPIEGEL ONLINE: Es ging Ihnen also um den Gegensatz zwischen dem Foltergefängnis und der heilen Welt der Wärter?

Cornwall: Ja, das hat natürlich surreale Züge. Da gibt es Pools, Bowlingbahnen und einen Golfplatz, wo auch mit rosa Bällen gespielt wird, weil die weißen auf den hellen Felsen in der Umgebung sonst nicht wieder gefunden würden. Es gibt ein Open-Air-Kino, in dem Disneyfilme laufen, und im Souvenirladen kauft man für 7,99 Dollar Baby-T-Shirts mit der Aufschrift "I love Guantanamo Bay". Aber man spürt: Alles hat zwei Seiten. Ich habe die Lautsprecherboxen im Bandproberaum fotografiert - wohl wissend, dass hier auch Menschen mit Dauerbeschallung gequält wurden. In einer Bibliothek können Inhaftierte den Koran lesen, aber auch sämtliche "Harry Potter"-Bände auf Arabisch, oder - ironischerweise - das Buch "1001 Naturwunder, die Sie sehen müssen, bevor Sie sterben". Und ich wusste auch, dass da irgendwo die Verhörräume waren, die ich natürlich nicht zu Gesicht bekam.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie wütend auf die Wärter?

Cornwall: Nein, das ist keine Anklage gegen die Männer und Frauen, die dort arbeiten. Die meisten haben sich das auch nicht ausgesucht. Ihr Leben ist geprägt von Regeln, von Routineaufgaben und nicht enden wollender Langeweile und Monotonie. Es geht auch nicht darum, auf andere mit dem Finger zu zeigen, sondern darum zu verdeutlichen, was wir gemeinsam haben mit jenen, die anders denken.

Gefangenenlager Guantanamo
Anfänge
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem folgenden „Krieg gegen den Terror“ richtete die Regierung des damaligen US-Präsidenten George W. Bush auf dem US-Marinestützpunkt Guantanamo Bay im Süden Kubas ein Gefangenenlager für Terrorverdächtige ein. Seit Anfang 2002 wurden dort vor allem mutmaßliche Taliban- und Qaida-Mitglieder festgehalten, denen die Rechte als Kriegsgefangene verwehrt blieben.
Häftlinge
Insgesamt saßen seit 2002 rund 780 Gefangene in Guantanamo ein – ohne ordentliche Anklage und Gerichtsverfahren. Der größte Teil kam aus Afghanistan, Saudi-Arabien und Jemen. Die meisten Insassen sind inzwischen in ihre Heimatstaaten oder in andere aufnahmebereite Länder gebracht worden. Aktuell gibt es noch 41 Gefangene. Unter den Verbliebenen ist etwa Khalid Sheikh Mohammed, der angebliche Chefplaner der Anschläge vom 11. September. Einige der Verbliebenen wurden bereits wegen Kriegsverbrechen vor einem umstrittenen Militärtribunal angeklagt. Mehr als die Hälfte wird aber weiter ohne irgendein Verfahren festgehalten. Sie werden grundsätzlich von den Geheimdiensten als zu gefährlich eingestuft, um sie jemals freizulassen. Für sie gilt eine juristische Aufarbeitung als zu schwierig. Eine Hand voll Insassen gilt als unschuldig oder nicht mehr gefährlich und soll eigentlich schon länger freigelassen werden, doch bislang ist das nicht passiert.
Haftbedingungen
Von Beginn an wurde um die Rechtmäßigkeit des Lagers gestritten. Menschenrechtler sehen es als Symbol für Folter und Willkür und als ein Versagen des amerikanischen Rechtsstaates. Die Bush-Regierung argumentierte etwa, dass es sich nicht um Kriegsgefangene sondern um "enemy combatants" (feindliche Kämpfer) handele, für die die Genfer Konventionen nur eingeschränkt gelten würden. Zudem befinde sich das Lager nicht auf US-Territorium und damit außerhalb der Zuständigkeit von US-Gerichten. Viele Insassen, bei denen sich herausstellte, dass es sich nicht um feindliche Kämpfer oder Terroristen handelt, wurden zum Teil jahrelang ohne Verfahren festgehalten. Vielfach gab es Berichte über Demütigungen, Misshandlungen oder Folter.
Debatte um die Schließung
Anfang 2009 unterzeichnete Bush-Nachfolger Barack Obama einen Erlass, um das Lager mit noch rund 250 Gefangenen binnen eines Jahres zu schließen und einen Teil der verbliebenen Häftlinge in die USA zu überführen. Daraus wurde nichts. Im Weg stand der US-Kongress. US-Präsident Donald Trump hält bislang an Guantanamo fest und hat angekündigt, neue Terrorverdächtige dorthin zu senden. Das Lager kostet 445 Millionen Dollar pro Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihren Besuchen auf Guantanamo haben Sie frühere Häftlinge aufgespürt.

Cornwall: Ich habe Ex-Insassen dort besucht, wo sie sich nach ihrer Freilassung aufhalten. Das ist selten ihre Heimat, da kaum ein Land diese Menschen aufnehmen will. Sie können keinen Beweis vorlegen, dass sie unschuldig sind, weil sie ja weder angeklagt, noch verurteilt oder freigesprochen wurden. Sie sind gebrandmarkt fürs Leben. Für die Außenwelt sind sie Terroristen oder waren zumindest einmal Terroristen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie die Ex-Häftlinge nur von hinten fotografiert?

Cornwall: Ich wollte sie genauso darstellen, wie ich ihre früheren Bewacher im Gefangenenlager fotografieren musste, und ihnen so ein kleines bisschen Würde zurückgeben.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie diese Männer erlebt?

Cornwall: Es ist nicht alles vorbei, wenn sie in Freiheit sind. Sie sind von ihren Familien entfremdet, haben keine Jobs, können das Erlebte oft nicht verarbeiten. Ich habe einen Tunesier in der Slowakei besucht, Hamza, der fast 13 Jahre in Guantanamo Bay inhaftiert war. Einige Monate vor unserem Treffen stürmte die slowakische Polizei in seine Wohnung und schoss mit Gummikugeln auf ihn. Begründung: Er hatte fünf Tage lang die Wohnung nicht verlassen. Dieser Mann wird Zeit seines Lebens ein Verdächtiger bleiben. Er fragte mich, ob ihm denn das FBI nicht helfen könne und die slowakische Polizei informieren könne, dass er unschuldig sei.

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Debi Cornwall:
Welcome to Camp America

Inside Guantanamo Bay

Radius Books; 190 Seiten; Englisch; 36,99 Euro

SPIEGEL ONLINE: Was fühlen Menschen, die jahrelang unschuldig im Gefängnis sitzen?

Cornwall: Es gibt eine breite Spannbreite von Emotionen. Am häufigsten sind sicher Verwirrung, Frustration und Wut - aber auch ein Gefühl, den Peinigern vergeben zu wollen. Das hängt auch immer sehr ab von der Persönlichkeit, in welchen Lebensumständen die Person sich befindet, ob sie bei ihrer Familie lebt oder ein soziales Netzwerk hat, das sie auffängt.



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Seite 1
geomik, 13.07.2009
1.
Zitat von sysopVerborgene CIA-Programme, Folterpraktiken, Guantanamo - US-Präsident Obama hat schwer mit dem politischen Erbe seines Vorgängers Bush zu kämpfen. Wie soll er damit umgehen?
Wie es sich für einen ordentlichen demokratischen Rechtsstaat gehört, gehören alle Betroffenen vor ein ordentliches Gericht, egal ob Präsident oder Vize! Nur wird das nie geschehen.
Hubert Rudnick, 13.07.2009
2. Offenheit, oder was macht man mit seinem Vorgänger?
Zitat von sysopVerborgene CIA-Programme, Folterpraktiken, Guantanamo - US-Präsident Obama hat schwer mit dem politischen Erbe seines Vorgängers Bush zu kämpfen. Wie soll er damit umgehen?
--------------------------------------------------------- Wenn der Präsident Obama ein offerener und aufrichtiger Mann sein will, dann müßte er auch die Politik seines Vorgängers und all die widerlichen Dinge mal anpacken die die USA in einem so schlechtem Licht in der Welt gerückt haben. Aber kann er das wirklich, oder ist er nicht auch an vielen Beschlüssen gebunden, die immer die Politiker schützt? Da aber der Präsident auch die gegeneriche Partei für die Durchsetzung seiner Ziele benötigt, so glaube ich nicht, dass er alles aufdecken und die entsprechenden Leute zur Verantwortung ziehen könne. Und vielleicht denkt er ja auch dabei an all die Dinge die er vielleicht mal durchsetzen möchte und die auch nicht immer so ganz moralisch sauber sein könnten. Für die Bürger dser USA und der geamten Welt wäre es schon mal richtig, wenn sich auch Präsidenten und ihre Handlanger für ihre verfehlte Politik und Schandtaten zu verantworten hätten. Hubert Rudnick
dionysia 13.07.2009
3. Aufklärung täte Not, um Legendenbildung und Verschwörungstheorien entgegen zu wirken
Zitat von sysopVerborgene CIA-Programme, Folterpraktiken, Guantanamo - US-Präsident Obama hat schwer mit dem politischen Erbe seines Vorgängers Bush zu kämpfen. Wie soll er damit umgehen?
Es wäre vielleicht wirklich mal ganz vernünftig, eine unabhängige Kommission des Kongresses, Licht in all diese vermeintlichen Dinge bringen zu lassen. Die jüngsten Vorwürfe einschlägiger US-Zeitungen bzgl. eines geheimen Geheimauftrags des CIA scheinen ja eher einem Verschwörungstheorie-Hollywood-Schinken eines Oliver Stone entnommen als irgendwie fundiert. Ich denke aber nicht, dass Obama wirklich an Aufklärung interessiert ist, weil das sein selbstentworfenes Bild von sich als Retter von der pitter pösen Bush-Administration zerstören könnte, wenn sich alle diese Vorwürfe am Ende als völlig haltlos heraus stellen.
Der Forkenhändler 13.07.2009
4. Menschenrechtsverachtung in höchstem Maße!
Cheney und Busch gehören vor ein Militärtribunal.
RogerT 13.07.2009
5. ein Zeichen setzen
Er könnte ein Zeichen setzen und bei beweisbaren Vorwürfen, wo Bush gegen geltendes (Menschen)Recht verstoßen hat, den ehemaligen Präsidenten offiziell anklagen - falls so etwas überhaupt möglich ist.
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