Gülen-Bewegung in der Türkei: Die unheimliche Macht des Imam

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul

Der islamistische Prediger Fethullah Gülen gilt als einer der mächtigsten Männer der Türkei. Seine Anhänger scheinen weite Teile der Ordnungsmacht im Land unterwandert zu haben, Kritiker werden aus dem Weg geräumt. Jetzt wurden zwei Journalisten verhaftet - doch deren Umfeld weiß sich zu wehren.

Türkei: Der Vormarsch der Gülen-Getreuen Fotos
AP

Fikret Ilkiz ist eine elegante Erscheinung. Graumeliertes Haar, schmale Gesichtszüge, ein teures Sakko rundet das Äußere ab. Er redet kurz, aber mit einer Präzision, die etwas Schneidendes hat. Fikret Ilkiz ist Anwalt, und sein Auftreten erinnert ein wenig an Otto Schily, als dieser in den siebziger Jahren Gudrun Ensslin verteidigte.

Ilkiz vertritt den derzeit bekanntesten Untersuchungshäftling der Türkei, den renommierten Journalisten und Autor Ahmet Sik. Sik wurde am 3. März festgenommen, zeitgleich mit seinem Kollegen Nedim Sener. Beide arbeiten bei einer Zeitung aus dem Dogan Konzern, Sik bei der linksliberalen "Radikal", Sener bei dem intellektuellen Traditionsblatt "Milliyet". Berühmt geworden sind beide aber eher durch ihre Bücher.

Durch ihre Enthüllungen wurden sie zu Ikonen des investigativen Journalismus der Türkei, vielfach ausgezeichnet im In- und Ausland. Entsprechend groß war der Schock, als beide im Morgengrauen des 3. März in ihren Privatwohnungen verhaftet wurden. Die Polizei stellte die Räume auf den Kopf, beschlagnahmte Computer, CDs und die gesamten Archive.

"Jeder weiß, dass der Vorwurf absurd ist"

Doch schon bald verwandelte der Schock sich in helle Empörung, als bekannt wurde, was den beiden vorgeworfen wird: Sie sollen Mitglieder der ultranationalistischen Untergrundorganisation Ergenekon sein. Das Netzwerk von Militärs und Hardcore-Kemalisten soll 2003 und in den folgenden Jahren durch Terror und Desinformation den Sturz der islamisch geprägten Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan betrieben haben.

"Jeder weiß, dass dieser Vorwurf gegen die beiden Journalisten absurd ist", stellte Ilkiz am Wochenende bei einem Treffen von Freunden von Sik und Sener mit ausländischen Journalisten fest. "Ihre Arbeit spricht für sich." Tatsächlich gehörte Ahmet Sik 2007 zu jenen Redakteuren des Wochenmagazins "Nokta", die als erste eine große Enthüllungsgeschichte über Putschpläne der Armee publizierten. Als Beweis legte "Nokta" Auszüge aus geheimen Tagebüchern eines hochrangigen Admirals vor, in dem das Vorhaben skizziert wurde. Das Tagebuch ist heute Bestandteil der Anklage im Ergenekon-Prozess - und ausgerechnet der Journalist, der es enthüllte, soll nun Teil des Netzwerks sein.

So absurd die Vorwürfe gegen Ahmet Sik und Nedim Sener sind, sie markieren doch einen Einschnitt im sogenannten Demokratisierungsprozess der seit 2002 regierenden AKP-Regierung unter Erdogan. Die ersten Jahre der neuen Regierung, in denen auch die erfolgreiche Annäherung an die EU stattfand, waren geprägt durch eine permanente Auseinandersetzung mit dem bis dahin übermächtigen Militär.

In dieser Zeit standen Journalisten wie Ahmet Sik und Nedim Sener auch auf der Seite der AKP, wenn sie über Menschenrechtsverletzungen des Militärs und der Geheimdienste berichteten. Nachdem das Militär durch den gemeinsamen Einsatz der demokratischen Kräfte zurückgedrängt worden war und die AKP ihre Macht in den Institutionen gesichert hat, wird investigativer Journalismus plötzlich lästig, wenn nicht sogar - wie jetzt, zwei Monate vor entscheidenden Parlamentswahlen - bedrohlich.

Altersweiser Islamgelehrter oder mächtiger Strippenzieher?

Denn während Teile der türkischen Presse zu reinen Claqueuren der Regierung geworden sind, blieben andere wie Sik und Sener ihrer Linie treu. Obwohl der Sonderstaatsanwalt, der seit 2007 mit außerordentlichen Vollmachten die Ermittlungen im Ergenekon-Verfahren betreibt, nach der Verhaftung betonte, die beiden seien nicht wegen ihrer journalistischen Arbeit festgenommen worden, zeigen die am Wochenende bekannt gewordenen Vernehmungsprotokolle doch das genaue Gegenteil.

Ahmet Sik hatte bei seiner Verhaftung die Arbeit an einem neuen Buch, das im Mai publiziert werden sollte, fast abgeschlossen. Das Manuskript birgt Sprengkraft. Das Buch heißt "Imamin Ordusu", zu Deutsch "Die Armee des Imam". Es beschreibt sehr detailliert, wie Anhänger des islamischen Geistlichen Fethullah Gülen, die derzeit mit Abstand einflussreichste islamische Bruderschaft der Türkei, seit Mitte der achtziger Jahre systematisch die Polizei unterwandert haben. Die Gülen-Bewegung ist im Ausland, auch in Deutschland, vor allem durch ihre Schulen bekannt. Fethullah Gülen selbst lebt seit einem Prozess in den neunziger Jahren in den USA im Exil. In Interviews präsentiert er sich als altersweiser, toleranter Islamgelehrter.

"Ahmet Sik hat dagegen herausgefunden", sagt Fikret Ilkiz, "dass bereits 80 Prozent des türkischen Polizeiapparates zur Gülen-Bewegung gehören." Ob der Wert wirklich so hoch ist, mag dahingestellt sein. Fakt ist, dass Kritiker der Bruderschaft derzeit gefährlich leben. Der letzte Enthüllungsautor, der ein Buch über die Gülen-Bewegung, schrieb, heißt Hanefi Avci. Er war früher ein hochrangiger Polizeioffizier und ist selbst einstiger Sympathisant von Gülen. Avci hatte im vergangenen Herbst ein spektakuläres Aussteigerbuch veröffentlicht, das sich bis heute fast eine Million Mal verkaufte. Doch Avci kann den Erfolg nicht genießen. Er sitzt bereits seit November im Gefängnis, angeblich als Unterstützer einer linksradikalen Terrororganisation.

Auch Nedim Sener scheint der Bruderschaft lästig geworden zu sein. Zumal seine Arbeiten Ähnlichkeit mit denen von Ahmet Sik haben. Seners letztes Buch beschäftigt sich mit den Lügen des Sicherheitsapparats zum Hintergrund des Mordes an dem prominenten armenischen Journalisten Hrant Dink vor vier Jahren. Neben Armeeleuten sind offenbar auch viele hohe Polizeioffiziere, die mit Gülen sympathisieren, darin verwickelt.

Plötzlich taucht das Buch im Internet auf

Wie sehr das Buch "Die Armee des Imam" die Gülen-Bewegung und die AKP-Regierung gestört hat, zeigten die Wochen seit der Verhaftung. Staatsanwaltschaft und Ermittlungsrichter behaupteten, das Buch sei im Auftrag von Ergenekon geschrieben worden, um vor den Wahlen Unruhe zu verbreiten. Der Besitz des unveröffentlichten Manuskripts wurde unter Strafe gestellt. Hunderte Polizisten suchen seitdem nach Kopien.

Die Kanzlei von Fikret Ilkiz wurde durchwühlt, der Verlag von Ahmet Sik auf den Kopf gestellt, und die Redaktion von "Radikal", Siks Zeitung, gefilzt. Trotzdem konnte die Staatsmacht nicht verhindern, dass die "Armee des Imam" am vergangenen Donnerstag komplett im Netz auftauchte. Bereits am ersten Tag wurde das Manuskript über hunderttausend Mal heruntergeladen. Am folgenden Tag fand auf dem zentralen Istanbuler Taksim-Platz eine öffentliche Lesung des Buchs statt, Hunderte Freunde und Unterstützer der Journalisten waren gekommen.

Die Reaktion auf das Buch ist so überwältigend, dass die Staatsanwaltschaft erklären musste, sie würde Personen, die das Buch aus dem Internet heruntergeladen haben, zunächst nicht verfolgen. Wichtiger noch, nach fast vier Jahren wurde jetzt der leitende Sonderstaatsanwalt Sekeriya Öz plötzlich von seinem Amt entbunden. Was das für die Ermittlungen bedeutet? Aus Sicht von Anwalt Ilkiz ist die Personalie ein Beweis für den Kollaps des türkischen Justizsystems.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 122 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Terror und Desinformation im Ergenekon Prozess
romtomtom 05.04.2011
Sie schreiben: "Sie sollen Mitglieder der ultranationalistischen Untergrundorganisation Ergenekon sein. Das Netzwerk von Militärs und Hardcore-Kemalisten soll 2003 und in den folgenden Jahren durch Terror und Desinformation den Sturz der islamisch geprägten Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan betrieben haben." Hier glaube ich berichtigen zu müssen, dass die Anklagen im Ergenekon Komplex nicht auf Betreiben, sondern auf der (bislang noch unbewiesenen) Planung - nicht Ausführung - von Terror und Desinformation beruhen.
2. Na Endlich...
ancere 05.04.2011
taucht das Thema Fetullah Gülen mal in Europa auf. Was die Europäischen Länder aufrütteln sollte ist dass Fetullah Güllen (der hier als Imam bezeichnete), in allen der Welt Menschen rekrutiert und aktiv ist. Ich persönlich habe mal Kontakt zu so einer Gruppe gehabt. Als ich angefangen habe Fragen zu stellen war es plötzlich aus mit der Brüderlichkeit der Bruderschaft. Falls Sie mal Interesse haben sich in das Thema zu vertiefen. Sehen Sie sich diesen Film an: http://www.spielfilm.de/kino/2986553/5-minarette-in-new-york.html. Herr Mahsun Kirmizigül ist ein brennender Anhänger der Imam und verherrlicht mit diesem Film dessen ansichten. Versuchen Sie zwischen den Zeilen zu lesen… Was allerdings auch beachtete werden sollte. Die Organisation des Fetullah Gülen ist nicht radikal wie die Taliban oder Alkaida. Die Mitglieder der Bruderschaft bestehen meistens aus Akademikern die in jungen Jahren "Unterstütz" oder besser gesagt in Ihrer Meinung stark beeinflusst werden. Falls Sie mir nicht glauben machen Sie einfach folgendes: Gehen Sie zu einem Türken in Ihrer Nachbarschaft der Ihre Sprache versteht und fragen Sie ihn ob er Fetullah Güllen kennt. Sie werden unter Umständen sehr verwundert sein was Sie Erfahren.
3. Die hier von Oberflächlichen beklatschte...
dr.épernay-boiler 05.04.2011
...Machtbeschränkung des Türkischen Militärs - seit langem ein Garant für die säkulare Linie Attatürks - sowie das Nichtverbot der Partei Erdogans, nach einem gewaltigen Machtkampf innerhalb der Justiz - wird sich noch rächen; und die von den WikiLeaks aufgezeigten Prognosen bezüglich der Türkei werden sich bewahrheiten.
4. Islam Bruderschaft
xeniabloom 05.04.2011
Zitat von sysopDer islamistische Prediger Fetullah Gülen gilt als einer der mächtigsten Männer der Türkei. Seine*Anhänger scheinen weite Teile der Ordnungsmacht im Land unterwandert zu haben, Kritiker werden aus dem Weg geräumt. Jetzt wurden zwei Journalisten verhaftet - doch deren Umfeld weiß sich zu wehren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,754909,00.html
Hatten wir uns nicht gerade begeistert, über die Gründung der privaten türkischen Grundschule in Freiburg? Ganz im Sinne des Fetullah Gülen? So viel Naivität bei den Deutschen Behörden ist eigentlich strafbar.
5. ....
mm01 05.04.2011
Zitat von ancereFalls Sie mir nicht glauben machen Sie einfach folgendes: Gehen Sie zu einem Türken in Ihrer Nachbarschaft der Ihre Sprache versteht und fragen Sie ihn ob er Fetullah Güllen kennt. Sie werden unter Umständen sehr verwundert sein was Sie Erfahren.
Leider spreche ich kein türkisch. Könnten Sie bitte Ihre Erfahrung weiter geben? Danke
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Türkei
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 122 Kommentare

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

Regierungschef: Recep Tayyip Erdogan

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Türkei-Reiseseite