Vorwürfe gegen islamische Gemeinde Politiker fordern Aufklärung über Gülen-Netzwerk

Insider klagen über Gehirnwäsche und Gewalt: Was passiert in den Bildungseinrichtungen, die der Gemeinde des muslimischen Predigers Fethullah Gülen zugerechnet werden? Allein in Deutschland betreiben Anhänger der Bewegung mehrere hundert Nachhilfezentren und Schulen. Nun erwägen Politiker Schritte gegen die Gemeinde.

Prediger Gülen: "Keine fromme Truppe"
AFP/ Zaman Daily/ Selahattin Sevi

Prediger Gülen: "Keine fromme Truppe"

Von


Nach Insider-Berichten über Gewalt und Gehirnwäsche in deutschen Bildungseinrichtungen, die der Gemeinde des muslimischen Predigers Fethullah Gülen nahe stehen sollen, mahnen Politiker Konsequenzen an. Die Berichte über die Gülen-Bewegung seien "ernst zu nehmen", sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD). Die Erkenntnisse der Bundesregierung über die Bewegung seien "angesichts der zunehmenden Brisanz" des Themas "verbesserungsbedürftig".

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 6/2014
Plädoyer für ein Sterben in Würde

In einem Brief an Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) spricht sich Lewentz für eine intensive, landesweite Prüfung der Gülen-Bewegung durch den Verfassungsschutz aus - gerade im Hinblick auf "mögliche extremistische Bestrebungen". Die Ergebnisse sollen nach Wunsch des SPD-Politikers auf der Innenministerkonferenz diskutiert werden. Auch der baden-württembergische CDU-Fraktionschef Peter Hauk fordert Aufklärung über den Einfluss der Gülen-Gemeinde in Deutschland. Die Vorwürfe müssten parlamentarisch aufgearbeitet werden, so Hauk.

Gülens Bwegung behauptet, sich für Bildung einzusetzen, für Toleranz und den Dialog zwischen verschiedenen Religionen. Unterstützer verklären die Gemeinde des Predigers als "muslimische Calvinisten". Allein in Deutschland betreiben Anhänger des türkischen Imams mehr als 300 Nachhilfezentren und Schulen - zum Teil mit staatlicher Unterstützung.

Politik lange Zeit unkritisch

Nun aber hatten Aussteiger und Betroffene im SPIEGEL und im ARD-Politikmagazin "Report Mainz" über Gehirnwäsche, Mobbing und Gewalt an Bildungseinrichtungen berichtet, die dem Gülen-Netzwerk zugerechnet werden. Schüler seien geschlagen und mit einer islamistischen Ideologie indoktriniert worden.

Der Verfassungsschutz Baden-Württemberg warnt in einem internen Papier, Gülens Gedankengut stehe in mancherlei Hinsicht im Widerspruch zur freiheitlich demokratischen Grundordnung. Die Bewegung verfolge einen türkischen Nationalismus in "seriösem Gewand" mit "islamistischen Komponenten".

In der Vergangenheit hatten sich deutsche Politiker weitgehend unkritisch gegenüber Projekten der Gülen-Bewegung gezeigt. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat für 2014 die Schirmherrschaft des Pangea-Mathematikwettbewerbs übernommen, dessen Veranstalter offenbar der Gülen-Bewegung nahe stehen.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hielt vergangenes Jahr eine Rede bei der Eröffnung eines Neubaus der Stuttgarter BiL-Schule, die Experten ebenfalls dem Gülen-Netzwerk zurechnen. Der außenpolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripour, saß gar mehrere Jahre lang im Beirat eines Frankfurter Vereins, dessen Ehrenvorsitzender Fethullah Gülen ist. Vor wenigen Tagen kündigte er seinen Austritt an.

Die frühere SPD-Bundesabgeordnete Lale Akgün kritisiert die Naivität im Umgang mit der Gülen-Bewegung seit langem. Im Gespräch mit "Zeit Online" sagte sie: "Ich verstehe nicht, dass Politiker, bei denen zum Beispiel bei Scientology alle Alarmleuchten angehen, bei Gülen meinen, es handle sich um eine fromme Truppe."

Mehr zum Thema im SPIEGEL 6/2014

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
g-b1984 08.02.2014
1. Komisch...
Lange waren die Schulen Gülens kein Problem.Jetzt wo Erdogan und Gülen keine Freunde mehr sind, sind sie im Fokus.Sind sie jetzt erst so schlimme Menschen geworden??Nein, da sie Verbündete waren von Erdogan war alles ok und nun als sie nicht mehr Erdogan dienen und somit auch nicht mehr der USA, sind sie ein Dorn im Auge!Die Gülen Bewegung war schon immer eine Gehirnwäscher Gruppe!Nicht seit kurzem!Das zu Thema, das Gute für´s Volk.Es steht nur im Vordergrund, ob sie einen nutzen haben oder nicht.Anscheinend hat sich die Gülen Bewegung nun abgenutzt.Jetzt sind sie Terroristen...
milpark 08.02.2014
2. Dank für kritische Aufklärung
Vielen Dank an den Spiegel, dass er - wie inzwischen auch zahlreiche andere Medien - über die Gülen-Bewegung kritisch aufklärt. Interessant dürfte auch sein, dass in Berlin inzwischen ein Podiumsgespräch unter maßgeblicher Beteiligung der Gülen-Bewegung sogar beim Polizeipräsidenten stattfinden soll (http://www.berlin.de/polizei/)
savyil 08.02.2014
3. Nicht glauben was Erdogan und Co. erzählen!
Ich selber war zwei Jahre lang im Gülen-Nachhilfezentrum. Ich kam mit 12 Jahren nach Deutschland und habe mit Hilfe dieses Nachhilfezentrums die deutsche Sprache in kurze zeit gelernt und habe dann mein Realabschluss gemacht. Nach den Korruptionen in der Türkei, wo auch der Sohn vom 'Sultan' Erdogan verdächtig ist, sucht die Regierung jetzt eine Gruppe auf die er die Vorwürfe wie "Parallel Staat", "Putsch gegen Regierung" und "illegale Organisation" schieben kann. Auf die sekuläre-Laizisten kann er nicht mehr schieben, weil viele von denen im Gefängnis sind. Also hat man sich die Gülen Bewegung ausgesucht! Ich hoffe, dass Deutschland nicht so ein Fehler macht wie die türkische Regierung, ansonsten werden radikal islamistische Gruppen in DE die Hände reiben und sich freuen.
elikey01 08.02.2014
4. Vorwürfe und Aufklärung
Zitat von sysopAFP/ Zaman Daily/ Selahattin SeviInsider klagen über Gehirnwäsche und Gewalt: Was passiert in den Bildungseinrichtungendes muslimischen Predigers Fethullah Gülen gehören? Allein in Deutschland betreibt die Bewegung mehrere hundert Nachhilfezentren und Schulen. Nun erwägen Politiker Schritte gegen die Gemeinde. http://www.spiegel.de/politik/ausland/guelen-bewegung-politiker-fordern-aufklaerung-ueber-islamische-gemeinde-a-952152.html
Eine ungewohnt "neue" Form der Über- bzw. Aufnahme von kritischer Berichterstattung. Denn vor noch nicht allzu langer Zeit wurden Kritiken und Besorgnisse hinsichtlich islamistischer Entwicklungen in DEU (und Europa) ruckzuck als Islam-Hass, mitunter sogar Ausländer-Hass und/oder Islamophobie gegeiselt, besorgte Meinungen und Debatten im Netz auch unterdrückt - sowohl medial als auch politisch. Die wenigen Politiker, die sich ihre Besorgnis entsprechend begründet äußerten, wurden meinungsdiktatorisch in eine ähnliche Kategorie eingenordet, nämlich als "Rechtspopulisten" bezeichnet. Mit den besorgten Äußerungen wurde sich sachlich leider nicht im Mindesten auseinandergesetzt. Es spielt zunächst h.E. keine Rolle, ob nationalistisch-islamistische Entwicklungen sich durch öffentlich auftretende salafistische Prediger od. geschickt verbrämt über sogar steuerlich geförderte Bildungseinrichtungen verbreiten. Schleichende Islamisierung ist im Ergebnis nicht minder gefährdend wie vordergründige dargestellte Terror-Ängste. Was daneben in analoger Richtung in Moscheen gepredigt wird, erreicht meist nicht nicht die Öffentlichkeit, bringt doch der Koran zum Ausdruck, dass sich Muslime "zurückhaltend freundlich gegenüber Ungläubigen" verhalten sollen, solange sie sich in der Minderheit befinden. Selbst Lügen sind dem Muslim in diesem Kontext "erlaubt", weshalb sich ein entsprechender Eindruck in der solches wahrnehmenden Gesellschaft auf Dauer nicht verleugnen od. unterdrücken lässt. Anscheinend muss erst vermehrter Druck aus der Bevölkerung entstehen, dass Politik und letztlich auch Medien entsprechend reagieren und den Entwicklungen nachgehen. Erdogans Politik und das auffallend häufige Wegsperren systemkritischer Journalisten einschl. "frischer" Internetsperren in der TR scheinen denn auch ein mediales Umdenken befördert zu haben. Dies dürfte unbestritten als längst überfällig wahrgenommen werden.
raphaela45 08.02.2014
5. Die Lösung
vieler gesellschaftlicher - und Verhinderung zukünftiger! - Probleme besteht NICHT darin, weiterer (n) Religion(en) genausoviel Einfluß auf Politik Jugend und Bildung zu geben, wie hier schon die anderen monotheistischen haben. Vielmehr ist eine echte Säkularisierung ÜBERFÄLLIG. Leider passiert überall genau das Gegenteil :-(
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.