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Guttenbergs Taliban-Gesprächsplan: Startschuss für die Exit-Strategie

Ein Kommentar von Olaf Ihlau

Muss der Westen mit gemäßigten Taliban verhandeln? Verteidigungsminister Guttenberg war immer dagegen, jetzt plädiert er plötzlich dafür - und hat mit seinem Schwenk Recht. Denn nur so können wir uns bald aus Afghanistan zurückziehen. Selbst wenn dann die Islamisten mit an die Macht kommen.

US-Marines in afghanischer Provinz Helmand: Wie funktioniert ein problemloser Abzug? Zur Großansicht
REUTERS

US-Marines in afghanischer Provinz Helmand: Wie funktioniert ein problemloser Abzug?

Als der zeitweilige und glücklose SPD-Vorsitzende Kurt Beck vor zwei Jahren zur Lösung des Afghanistan-Konflikts anregte, Kontakte auch zu den "gemäßigten" Taliban "auszuloten", brach eine Sturzwelle von Hohn und Spott über ihn herein. Politische Gegner und Kommentatoren ereiferten sich über die angebliche Naivität des Sozialdemokraten aus der Pfalz - die meisten von ihnen hatten den Hindukusch nie gesehen.

Zum Chor der Kritiker gehörte seinerzeit auch der CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Freiherr aus Franken lästerte, er kenne "niemanden, der je einen vernünftigen Taliban getroffen hätte". Leider war das ein rhetorischer Rohrkrepierer.

Denn selbstverständlich gab es damals auch moderate Taliban, die Kabuls Präsident Hamid Karzai an seiner Regierung zu beteiligen suchte, um die Extremisten im Lager der Aufständischen zu isolieren.

Amüsiert dürfte Beck zur Kenntnis nehmen, dass ein deutscher Verteidigungsminister namens Guttenberg nunmehr empfiehlt, mit den gemäßigten Taliban zu reden. Denn "nicht jeder Aufständische bedroht gleich die westliche Gemeinschaft", lautet das neue Plädoyer des Freiherrn aus Franken. Wieder eine geballte Ladung. Doch diesmal liegt sie im Ziel.

Natürlich setzt der Minister sich dem Verdacht aus, hier ein Ablenkungsmanöver von der für ihn heiklen Kunduz-Affäre starten zu wollen. Mag sein, dass es ihm darum ebenfalls geht. Aber denkt er womöglich ernsthaft an einen Kurswechsel?

Hoffentlich ja, möchte man wünschen. Denn ein Kurswechsel ist überfällig.

Der Konflikt am Hindukusch ist für den Westen militärisch ebenso wenig zu gewinnen, wie er es vor zwei Jahrzehnten für die Sowjets war. Eine politische Lösung aber wird kaum ohne Einbindung der Taliban zu erreichen sein, jedenfalls nicht ohne den verhandlungsbereiten gemäßigten Flügel. Den gibt es in Kabul. Er gruppiert sich um die ehemaligen Taliban-Diplomaten Ahmed Muttawakil und Salam Saif, über die Präsident Karzai auch Kontakte zu den Hardlinern unterhält.

Suche nach einer Exit-Strategie

Der Sicherheitspolitiker Guttenberg hat sich mit seinem mutigen und richtigen Vorstoß einem Themenfeld genähert, auf dem sich die entscheidenden Debatten der kommenden Monate abspielen werden: der Suche nach einer Exit-Strategie für den Westen, um sich aus der Afghanistan-Falle baldmöglichst mit minimalem Gesichtsverlust herauswinden zu können.

Die internationale Gemeinschaft wird dabei Abschied nehmen müssen von einem vielfach zur Schau gestellten Überlegenheitsgehabe und von dem Anspruch, westliche Wertevorstellungen implantieren und demokratische Leuchttürme errichten zu wollen in einer Gesellschaft mit immer noch tief verwurzelten patriarchalischen Stammesstrukturen.

Die Neo-Taliban sind die Söhne und Enkel der Mudschahidin aus den größten Paschtunenstämmen, die der Westen einst im Kampf gegen die Sowjets als Freiheitshelden feierte - darunter auch islamistische Fundis wie den noch heute gefürchteten Warlord Gulbuddin Hekmatjar.

Sie selber haben ihr politisches und religiöses Credo seitdem kaum verändert, nur geht es diesmal nicht gegen das gottlose Russland, sondern gegen die Fremden aus dem Westen. Das macht aus diesen ehemaligen Freiheitskämpfern nunmehr in der westlichen Diktion Aufständische und Terroristen.

Es lohnt das Nachdenken darüber, welche Seite hier verlogener agiert. Und wer über mehr Leidensbereitschaft und Zeit verfügt.

Zu den Konstanten afghanischer Politik zählen von jeher ständig wechselnde Allianzen und Koalitionen einstiger Todfeinde. Zwar ist schwer vorstellbar, dass Extremisten wie Hekmatjar oder der ehemalige Taliban-Führer Mullah Omar demnächst wieder Ämter in Kabul bekleiden; diese würden wohl entsorgt im saudischen Exil bei ihren wahabitischen Sponsoren. Doch fast alles andere wäre denkbar - wenn es gelänge, durch eine Große Stammesversammlung, die Loya Jirga, eine Regierung der nationalen Einheit zu berufen. Diese müsste zunächst Terminpläne für den Abzug der Nato-Truppen im Austausch gegen Friedenssoldaten aus islamischen Ländern vereinbaren.

Rückfall in ein konservatives Regime des Islam

Und sie müsste dem Westen jene Garantie geben, um die es ihm einzig geht: dass von afghanischem Territorium keinerlei Gefahr mehr ausgehen wird für den Rest der Welt.

Um Dschihadis auszubilden, braucht die Terrortruppe al-Qaida keine Lager mehr in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion, wo US-Satelliten und Drohnen jede Maus aufspüren können. Das Rekrutierungsfeld der Terror-Internationale hat sich längst aufgefächert in der muslimischen Staatenwelt zwischen Malaysia und dem Maghreb.

Afghanistan selber würde wohl einen Rückfall erleben in ein konservatives Regime des Islam. Aber der rigide Wahabismus des Alliierten Saudi-Arabien stört den Westen ja auch nicht sonderlich - oder nur in gelegentlichen Ausbrüchen menschenrechtlichen Unmuts.

Im Übrigen zeigt das bewundernswerte Beispiel des vormaligen Bundeswehr-Arztes Reinhard Erös, der mit seiner "Kinderhilfe Afghanistan" unentwegt Schulen auch für Mädchen im Herzen von Paschtunistan errichtet, dass man mit den Taliban reden und Entwicklungsprojekte aushandeln kann.

Guttenberg könnte mit seinem Vorstoß eine Erkenntnis beflügeln: Den Afghanen muss letztlich gestattet werden, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Dies in einem Regierungssystem, das ihre eigenen kulturellen Traditionen widerspiegelt.

Nicht unsere.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 134 Beiträge
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1. gemässigt? dass ich nicht lache
quone, 21.12.2009
Zitat von sysopMuss der Westen mit gemäßigten Taliban verhandeln? Verteidigungsminister Guttenberg war immer dagegen, jetzt plädiert er plötzlich dafür - und hat mit seinem Schwenk Recht. Denn nur so können wir uns bald aus Afghanistan zurückziehen. Selbst wenn dann die Islamisten mit an die Macht kommen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,668382,00.html
Ah die berühmten gemässigten Taliban. Was soll das denn sein? Die sprengen dann nur jede zweite Mädchenschule oder was?
2. Unglaublich
suum.cuique 21.12.2009
Jetzt mit den "gemaessigten" Taliban verhandeln, damit ein Abzug klappt. Das nenne ich Verrat an der Freiheit und am afgh. Volk. Der Westen zieht ab, die Taliban lachen und regieren dann in Kabul. Ausser Spesen nichts gewesen....
3. ...
Schnurz321 21.12.2009
Zitat von quoneAh die berühmten gemässigten Taliban. Was soll das denn sein? Die sprengen dann nur jede zweite Mädchenschule oder was?
Als ob wir wegen Mädchenschulen in Afghanistan wären. Wichtig ist nur, dass die Taliban Al'Quaida nicht wohlgesonnen sind ...
4. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Treeman, 21.12.2009
Zitat von suum.cuiqueJetzt mit den "gemaessigten" Taliban verhandeln, damit ein Abzug klappt. Das nenne ich Verrat an der Freiheit und am afgh. Volk. Der Westen zieht ab, die Taliban lachen und regieren dann in Kabul. Ausser Spesen nichts gewesen....
Sie haben sicher eine ganz tolle Alternativlösung auf die weder die Russen noch die NATO bis jetzt bekommen ist. Natürlich fände ich es schön, wenn Afghanistan eine hübsche Demokratie mit Riester-Rente und grünem Punkt werden würde. Nur "ich finde es schön" und "es ist realistisch umsetzbar" haben in diesem Fall nichts miteinander zu tun.
5. Taliban?
bittrich 21.12.2009
Das hat doch ganz und gar nichts mit Terrorismus zu tun da unten! So einen Blödsinn glaubt ja selbst Herr Steinmeier nicht. Ein wirklich gelungener Artikel über die Entwicklung der aktuellen Konfliktlage sowie die Bedeutung Afghanistans für die geopolitischen Interessen der USA findet sich hier: http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20091209
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Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.


Illustration Tim O'Brien für den SPIEGEL

Heft 52/2009:
Wer hat den stärkeren Gott?

Islam und Christentum - Der ewige Zwist

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