Haditha-Massaker im Irak: US-Soldat bekennt sich schuldig

Sie fielen in der irakischen Stadt Haditha ein und töteten 24 Menschen - darunter Frauen und Kinder. In dem letzten von acht Prozessen gegen die verantwortlichen US-Soldaten steht jetzt das erste Urteil bevor: Ein Unteroffizier soll für maximal drei Monate in Haft - es ist ein Deal mit der Justiz.

US-Soldat Frank Wuterich: Absprache zwischen Verteidigung und Anklage Zur Großansicht
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US-Soldat Frank Wuterich: Absprache zwischen Verteidigung und Anklage

Camp Pendleton - Das Massaker von Haditha ist eines der schwersten Kriegsverbrechen der US-Armee im Irak: Am 19. November 2005 zog eine Einheit von Marineinfanteristen in einem regelrechten Rachefeldzug durch die Stadt Haditha in der Provinz al-Anbar im Nordwesten des Irak. Rund drei Stunden lang gingen sie von Haus zu Haus, schossen auf unbewaffnete Bewohner und töteten 24 Menschen, darunter zehn Frauen und Kinder. Zuvor war ihr Militärkonvoi auf einen Sprengsatz gefahren; ein Kamerad war dabei ums Leben gekommen.

Jetzt, sieben Jahre später, hat sich ein amerikanischer Unteroffizier im letzten Militärprozess um das Verbrechen schuldig bekannt. Frank Wuterich erklärte am Montag vor einem Militärgericht im Bundesstaat Kalifornien, seine Dienstpflicht verletzt zu haben.

Die US-Armee hatte anfangs erklärt, die Zivilisten seien durch einen Sprengsatz ums Leben gekommen. Recherchen des US-Magazins "Time" brachten das Massaker 2006 schließlich ans Licht. Die "New York Times" veröffentlichte im Dezember Informationen aus streng geheimen Unterlagen über die Gräueltat.

Nach einer Vereinbarung zwischen Anklage und Verteidigung darf Wuterich allerdings auf ein mildes Urteil hoffen: Demnach erkennt der 31-Jährige eine Schuld wegen Verletzung der Dienstpflicht an und übernimmt damit die Verantwortung für den Befehl, der zu den Tötungen geführt hatte. Im Gegenzug ließ die Anklage den Vorwurf des Totschlags in neun Fällen fallen. Der Vereinbarung zufolge drohen dem Soldaten nach dem Schuldeingeständnis lediglich maximal drei Monate Haft. Weiterhin könnte der Unteroffizier zum einfachen Gefreiten degradiert und mit Gehaltseinbußen bestraft werden. Ein Urteil wird für Dienstag erwartet.

Gegen sieben andere Soldaten, die wegen des Haditha-Massakers beschuldigt worden waren, wurde das Strafverfahren bereits eingestellt. Wuterich, der die Einheit befehligt hatte, stand seit Anfang Januar vor Gericht. Der Unteroffizier hatte zunächst alle Vorwürfe von sich gewiesen. In einem Interview der CBS-Dokumentarsendung "60 Minutes" hatte Wuterich jedoch bereits im Jahr 2007 eingeräumt, seine Einheit angewiesen zu haben, "zuerst zu schießen und dann zu fragen". Der Unteroffizier hatte vor dem fatalen Patrouillengang in Haditha keinerlei Kampferfahrung.

Die Entscheidungen der US-Militärjustiz zum Haditha-Massaker hatten in der irakischen Bevölkerung immer wieder für Empörung gesorgt. Im Dezember waren die letzten US-Truppen aus dem Zweistromland abgezogen worden. Eine weitere Stationierung war daran gescheitert, dass Bagdad den US-Soldaten keinen Schutz vor Strafverfolgung gewähren wollte.

lgr/AFP/dapd/AP

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insgesamt 53 Beiträge
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1. Erschreckend
max-mustermann 23.01.2012
das mann mit solch einem Massaker offenbar besser davon kommt was die Strafe angeht als jeder Kleinkriminelle der in den USA ein Päckchen Kaugummi klaut.
2. Respekt vor der US-Justiz
Paul Moadib 23.01.2012
Wow, drei Monate Haft für Totschlag in neun Fällen. Das ist wirklich eine abschreckende Strafe und wird dafür sorgen, dass das Ansehen der USA enorm steigen wird. Nach dem Motto: uns entgeht nichts, jeder bekommt seine gerechte Strafe. Bin mal gespannt, was die Soldaten, die in Afghanistan auf die Leichen uriniert haben, für eine Strafe erhalten werden. Vermutlich zehn Minuten auf einem Bein stehend in die Ecke stellen. Ist wahrscheinlich die Höchststrafe, die dafür vorgesehen ist.
3. justice will be done
p.maxwell 23.01.2012
3 monate für 9 fachen totschlag macht pro toten eine woche im vollzug. das nenne ich mal ein gerechtes urteil. wobei alle merkmale eines mordes ( heimtücke und vorsatz ) erfüllt waren und es doch eher ein " hate - crime " ( rache an einer ethnischen gruppe ) war. wir nennen sie soldaten, wenn sie für den westen killen, aber terroristen, wenn sie für andere morden. mörder sind immer nur die anderen. p.maxwell
4. Sie haben recht...
der_durden 23.01.2012
Zitat von max-mustermanndas mann mit solch einem Massaker offenbar besser davon kommt was die Strafe angeht als jeder Kleinkriminelle der in den USA ein Päckchen Kaugummi klaut.
Sie haben recht. Vor allem, seit dem in Kalifornien das Three Strikes Gesetz regelmäßig zum Einsatz kommt, welches erlaubt, jemanden nach drei Kleinstdelikten wie beispielsweise klauen Jahrzehnte weg zu sperren, in der Regel zumindest 25 Jahre! Dann kommt es zur ersten Anhörung... Man muss es einfach pervers nennen, was Amerika in zu vielen Fällen als Recht interpretiert.
5.
BeitragszahlerwiderWillen 23.01.2012
Zitat von sysopSie fielen in der irakischen Stadt Haditha ein und töteten 24 Menschen*- darunter Frauen und Kinder. In dem letzten von acht Prozessen gegen die verantwortlichen US-Soldaten steht jetzt das erste Urteil bevor: Ein Unteroffizier soll für maximal drei Monate in Haft - es ist ein Deal mit der Justiz. Haditha-Massaker im Irak: US-Soldat bekennt sich schuldig - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810975,00.html)
max. 3 Monate Haft für 24fachen Mord - die Aufforderung zum Weitermachen an alle! Wer hingegen ein Massaker aufdeckt, bekommt lebenslang unter verschärften Bedingungen, wie Bradley Manning. Andere Menschen werden jahrelang ohne Haftbefehl oder Beweise in Guantanamo festgehalten. Wann bringt man die Verantwortlichen für diese Mißstände vor den Internationalen Gerichtshof?
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Fotostrecke
Haditha: Massaker des US-Militärs

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Dschalal Talabani

Regierungschef: Nuri al-Maliki

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