Haditha-Massaker: "In Vietnam war es genauso"

Die Beweislast ist erdrückend: Im irakischen Haditha haben US-Truppen 24 Zivilisten massakriert. Schon ziehen auch Amerikaner Parallelen zu Vietnam. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Reporter Michael Sallah, der für seine Recherchen zu damaligen Kriegsverbrechen den Pulitzer-Preis gewann.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Sallah, als Sie den Pulitzer-Preis für Ihre detaillierte Rekonstruktion von grausamen Kriegsverbrechen in Vietnam bekamen, sagten Sie, dass solche Massaker wie die der Tiger Force oder sogar schlimmere Verbrechen als die von My Lai wieder geschehen könnten. Ist genau das passiert?

Sallah: Haditha war nicht so schlimm wie My Lai, aber die Parallelen sind bemerkenswert. In beiden Fällen agierten Soldaten, die frustriert waren und die Kontrolle verloren haben. In Haditha brachten Soldaten offensichtlich all die Leute um und versuchten dann, die Sache zu vertuschen - wie es das Militär auch in My Lai tat, wo Soldaten auf Menschenjagd gingen und unschuldige Dorfbewohner töteten, die um ihr Leben flehten. Wenn es die Medien nicht gäbe, dann wäre keines dieser Verbrechen aufgedeckt worden.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt noch mehr Ähnlichkeiten zwischen My Lai und Haditha.

Sallah: Was jetzt im Irak stattfindet, ist ein Guerilla-Krieg. Ein Aufstand, in dem man nicht immer weiß, wer der Feind ist. Unser amerikanischen Truppen vor Ort wissen nicht, ob wir den Krieg gewinnen können oder nicht. Es war genauso in Vietnam. In My Lai verloren Soldaten die Kontrolle und regten ihren Frust darüber an unbewaffneten Dorfbewohnern ab, die niemals Gegenwehr leisten wollten. Die Zusammenhänge sind bestechend ähnlich.

SPIEGEL ONLINE: Weswegen begehen Soldaten solche Barbareien wie in Haditha und My Lai, wo sie Frauen und Kinder aus nächster Nähe erschossen haben?

Sallah: Soldaten sind darauf trainiert, zu töten. Sie waren in Wut, als die Morde von Haditha geschahen. Mitglieder ihrer Einheit wurden beschossen oder getötet. Dasselbe passierte auch der 11. Brigade in My Lai. Die verantwortlichen Kommandeure haben nicht die Notbremse gezogen, und in My Lai haben einige sogar an den Mordzügen teilgenommen. Das führt dazu, dass wirklich jeder die Kontrolle verliert - es gibt keinen Bremsmechanismus mehr, um das Schlimmste zu verhindern. Soldaten fangen an alles zu töten, was sich bewegt.

Man braucht Kommandeure, die wissen, wie man das alles bremst und Soldaten stoppt, die außer Kontrolle geraten sind. Das andere Problem ist, dass wir unsere Feinde entmenschlichen. In Vietnam haben wir die Einheimischen "Schlitzaugen" genannt. Im Irak sind es jetzt die "Lumpenköpfe". Wir entmenschlichen unsere Feinde so sehr, dass sie am Ende alle gleich aussehen. "Lass uns sie einfach töten", scheinen einige zu sagen, "niemand wird es merken".

SPIEGEL ONLINE: Wie gut waren die Soldaten in Vietnam über die Genfer Konvention und andere internationale Bestimmungen informiert? Und sind die Soldaten im Irak nun besser informiert?

Sallah: Damals und heute waren sich Soldaten sehr wohl über die Genfer Konvention und den Uniform Code of Justice der US-Armee bewusst. In My Lai gab es sogar einen Soldaten, der sich selbst in den Fuß schoss, weil ein Verwundeter nicht mit der Waffe feuern muss. Oberleutnant William Calley, der verantwortliche Offizier, wusste, dass er auf unbewaffnete Dorfbewohner schießt und dass es falsch ist. Er ist einfach ausgetickt - ein eifernder Kommandeur, der diese Leute nicht mehr als menschliche Wesen gesehen hat.

SPIEGEL ONLINE: Die Misshandlungen von Abu Ghraib und das Massaker in Haditha lassen den Schluss zu, dass die Ausbildung über Menschenrechte und die Genfer Konvention den Soldaten nicht effektiv genug vermittelt wurde.

Sallah: Was die kriegsrechtlichen Bestimmungen angeht, sind die Soldaten sehr gut ausgebildet. Es ist sogar so, dass unser Militär weit besser ausgebildet ist als noch zu Zeiten von Vietnam. Sie kennen die Grenzen. Bedauerlicherweise glaube ich aber, dass Haditha nicht der einzige Ort war, an dem so etwas im Irak passierte.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Äußerungen des jetzigen Justizministers, Alberto Gonzales, und die der Bush-Regierung eine Atmosphäre geschaffen, in der Soldaten glauben, eher davon zu kommen als früher?

Sallah: Ich glaube nicht, dass dies irgendeine Auswirkung auf Haditha hatte. Es waren einfach Leute, die die Grenze zwischen Richtig und Falsch überschritten haben. Die Bush-Regierung versucht, einige kriegsrechtliche Grauzonen auszuweisen. Aber das hatte mit Haditha nichts zu tun. Es gab keine durch Schlachtennebel bedingte Tötungen, die aus Verwirrung entstanden sind. Es war Mord.

SPIEGEL ONLINE: 24 getötete Menschen in Haditha, verglichen mit 503 Menschen in My Lai, wo ein ganzes Dorf ausradiert wurde. Kann man diese beiden Ereignisse auch nur im Entferntesten vergleichen?

Sallah: Wenn Menschen ermordet werden, handelt es sich immer um ein Kriegsverbrechen. Es wäre unchristlich, ein Werturteil zu fällen, was schlimmer ist. Aber My Lai war ein echtes Massaker. Wir sprechen über 500 Dorfbewohner und sogar über Babys. My Lai hat einen grausamen Ruf, und es ist bis heute die Mutter aller Massaker, die von den Vereinigten Staaten begangen worden.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden Schwierigkeiten haben, eine einzige Zeitung in Deutschland und anderswo in Europa zu finden, die sich im selben Kommentar nicht gleichzeitig mit My Lai, Abu Ghraib und Haditha beschäftigt. Haben die USA Lehren aus den Folterskandal gezogen, was die Exzesse im Militär angeht?

Sallah: Nein. Das Problem ist, dass wir aus solchen Vorfällen nicht lernen. Wir haben auch nicht aus den Verbrechen der Tiger Force gelernt. Wenn man einen Fall wie diesen einfach beerdigen kann - und er lag 30 Jahre lang in den Archiven des Pentagons unter Akten vergraben - kann man alles beseitigen. Wir müssen uns dieser Fehler im System bewusst werden, damit sie Teil unseres kollektiven Gedächtnisses werden können. Dann können wir Schutzbarrieren aufbauen, um solche Katastrophen zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird sich Haditha auf das amerikanische Image in der Welt auswirken?

Sallah: Wir haben unser Image in der Welt bereits stark beschädigt und es wird Jahre dauern, um das zu überwinden. Speziell bei der Außenpolitik der momentanen Regierung. Europäer können vergeben und sie sehen die Vereinigten Staaten als einen starken Verbündeten. Wir können das Verhältnis auf längere Sicht wieder herstellen - aber zur Zeit sind die Europäer tief enttäuscht und wütend.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Einfluss auf die Kriegsunterstützung wird es haben, wenn das Massaker von Haditha näher erforscht wird?

Sallah: Sogar hier in den Vereinigten Staaten gab es nie große Unterstützung für den Krieg im Irak, und jetzt nimmt sie sogar noch ab. Die Leute fühlen, dass Afghanistan der "Ground Zero" für den Kampf gegen den Terror war, nicht der Irak. Ich weiß nicht, wie die Öffentlichkeit einen Vorfall wie Haditha aufnimmt. Manchmal betrachten wir das alles und denken, dies sei ein Teil des Krieges, das passiert eben. Aber genau das ist die Gefahr, wenn wir solche Ereignisse zulassen und nichts dagegen tun, dass es wieder passiert.

Im Fall von My Lai glaubten die Leute erst gar nicht, was dort geschehen war - bis sie die Bilder von weinenden Menschen sahen. Das Erschreckende ist, dass es jetzt einige Leute gibt, die denken: Sicher, es waren Zivilisten, aber es waren eben auch Iraker - was machen schon 24 tote Iraker aus? Wenn man Menschen entmenschlicht, so wie wir es getan haben, dann bleiben uns die Reaktionen auf die Massker im Halse stecken. Und werden nicht so machtvoll, wie sie könnten.

SPIEGEL ONLINE: Das US-Militär tendiert dazu, erst einmal alles abzustreiten. Dann zeigt es die kleinstmögliche Reaktion, um später die kleinstmögliche Zahl an Leuten dafür zu bestrafen. Man hat es im Fall von My Lai gesehen. Werden wir das wieder im Fall von Haditha beobachten können?

Sallah: Als Haditha aufgedeckt wurde, haben sie zunächst gelogen. Es war das "Time Magazine", das in aller Hartnäckigkeit nach der Wahrheit suchte und sie schließlich an die Öffentlichkeit brachte. Erst dann gab es eine offizielle Untersuchung. Man sollte nicht jene jungen Soldaten verantwortlich machen, man sollte die Kommandeure, die Armee-Führer zur Rechenschaft ziehen. Wo war der Bremsmechanismus? Ich würde in der Befehlskette nach oben gehen, nicht nach unten.

SPIEGEL ONLINE: In der Aufarbeitung von Abu Ghraib sind die Ermittler sicher nicht in der Befehlskette nach oben gegangen. Sie haben Mannschaftsdienstgrade und einige kleinere Offiziere bestraft.

Sallah: Da liegt das Problem. Es war dasselbe wie mit Calley in My Lai. Wir neigen dazu, diese Jungs bei den Aufklärungen isoliert zu betrachten. Stattdessen sollten die Staatsanwälte mal den Leuten auf der Kommandeurs-Ebene nachspüren. Genau das sind die Leute, die man für Pflichtversäumnisse und andere Kriegsverbrechen verantwortlich machen sollte. Sie sind klar diejenigen, die nicht an der Notbremse zogen und am Anfang nicht zur Kenntnis nehmen wollten, was jetzt passiert. Stattdessen wollten sie es vertuschen.

Ich denke, dass dies nicht nur eine Momentaufnahme ist. Ich glaube, dass dies Teil eines Handlungsmusters ist, das zur Zeit im Irak existiert, wo einige unserer Soldaten die Kontrolle verlieren. Ich beschuldige die Kommandeure, diese Männer nicht rechtzeitig abgezogen zu haben. Ich hoffe, dass die Ermittlungen in der Befehlskette nach oben gehen. Aber wenn man die Geschichte betrachtet, sind die Chancen dafür nicht sehr hoch.

Das Interview führte Daryl Lindsey. Übersetzung aus dem Englischen: Sebastian Christ

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