Häftlingsmisshandlungen US-Militär fürchtet Rache der Iraker

Irakische Gefangene mussten sich zum Striptease ausziehen, US-Soldaten sprangen auf nackten Häftlingen herum: Nach den schockierenden Folterbildern will das amerikanische Militär die Täter hart bestrafen. Die Alliierten fürchten Racheaktionen der Iraker.




US-Soldaten mit Gefangenem: "Diese Bilder werden den Amerikanern das Genick brechen"
AFP

US-Soldaten mit Gefangenem: "Diese Bilder werden den Amerikanern das Genick brechen"

Washington - Sechs Militärpolizisten seien vor einem Militärgericht bereits angeklagt worden, ein weiterer müsse mit einer Anklage rechnen und gegen drei weitere Soldaten werde ermittelt, berichtet die "Washington Post" unter Berufung auf einen Armeesprecher. Die Angeklagten müssten sich wegen Verschwörung, Grausamkeit, Misshandlung, Körperverletzung, Vernachlässigung der Dienstpflichten und sexuellem Missbrauch verantworten. Außerdem sollen sieben Offiziere Disziplinarstrafen erhalten. Der Kommandeur des Gefängnisses in Abu Ghoreib, 40 Kilometer westlich von Bagdad, wurde ausgewechselt. Dort hatten die Misshandlungen stattgefunden.

Auf Fotos, die der US-Sender CBS zeigte, ist zu sehen, wie irakische Gefangene gequält wurden. Das US-Militär soll die Aufnahmen als authentisch bezeichnet haben. Demnach mussten sich Häftlinge nackt ausziehen und eine menschliche Pyramide bilden, auf der die Soldaten dann herum sprangen. In anderen Fällen hätten Häftlinge einen Striptease aufführen müssen. Ein Mann sei mit einem Kapuzengewand auf eine Box mit Essensrationen gestellt und mit Elektrodrähten verkabelt worden. Dem Häftling sei gedroht worden, dass er durch einen Stromschlag getötet werde, falls er von der Box falle.

Auch Präsident George W. Bush verurteilte die Misshandlungen. "Ich teile die tiefe Abscheu darüber, dass diese Gefangenen so behandelt wurden, wie sie behandelt wurden. Ihre Behandlung entspricht nicht der Natur des amerikanischen Volkes. Das ist nicht die Art, wie wir in Amerika mit den Dingen umgehen."

Die betroffenen Soldaten fühlen sich jedoch zu Unrecht angegriffen. Sie ließen über Verwandte und Anwälte ausrichten, dass Offiziere die "Behandlung der Häftlinge" sowohl befohlen als auch aktiv unterstützt haben sollen.

Die US-Militärführung will verhindern, dass sich derartige Vorgänge wiederholen. Die US-Soldaten sollen jetzt besser in den Bestimmungen der Genfer Konventionen geschult werden. Außerdem würden sie bei der Ausbildung lernen, wie Häftlinge mit Respekt behandelt werden.

Die Bilder sind in den irakischen Tageszeitungen wegen des muslimischen Feiertages am Freitag bislang nicht veröffentlicht worden. US-General Mark Kimmitt traf sich nach eigenen Angaben mit Vertretern der irakischen Zeitungen, um über die Art der Berichterstattung zu sprechen. Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira zeigte am Nachmittag erstmals Bilder über die Misshandlungen der Häftlinge. Neben dem Bericht auf seiner Internet-Seite stellte er unter anderem das Bild, das einen an Elektrokabel angeschlossenen Gefangenen zeigt.

Die Amerikaner fürchten, dass es aus Rache zu neuen Anschlägen auf die US-Truppen kommen könnte. Nach jüngsten Umfragen befürworten 57 Prozent der Iraker ohnehin ein möglichst rasches Verschwinden der Besatzer.

"Das ist das absolute Ende. Diese Bilder werden den Amerikanern das Genick brechen", sagte der Chefredakteur der in London erscheinenden arabischen Zeitung "al-Quds al-Arabi", Abdelbari Atwan, der BBC. Fotos von sexueller Misshandlung seien in der muslimischen Welt das "Schlimmste, was es überhaupt gibt".

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