Häuserkampf in Misurata Krieg der Scharfschützen

Misurata ist ein Schlachtfeld. Gaddafis Getreue überziehen ganze Stadtviertel mit Streubomben und russischen Raketen. Die Rebellen schicken Lehrer, Taucher und Mechaniker in den Häuserkampf: Als Amateur-Heckenschützen feuern sie aus Verstecken auf die Angreifer.

Marcel Mettelsiefen

Aus Misurata berichten und Marcel Mettelsiefen


Die ehemalige Wohnung eines hochrangigen Gaddafi-Getreuen in der Nähe der Front ist umfunktioniert zu einem provisorischen Hauptquartier. Die Lage ist geheim, der Name des Oberkommandierenden ebenfalls. In Plüschsesseln, hinter roten Samtgardinen, haben sich die Rebellen eingerichtet. Vor der offenen Tür steht eine 106-Millimeter-Geschütz. Alle paar Sekunden tönt das Mündungsfeuer der Maschinengewehre, ungerührt sprechen die Männer in Sprechfunkgeräte, koordinieren den nächsten Angriff. Dann ein Zischen, ein Klacken. Die Männer heben ihre Köpfe. "Achtung", ruft ein Junge mit einer Panzerfaust auf dem Rücken und zählt: "Eins, zwei, drei." Pause. "Nein, dann doch nicht." Der erste lacht. Dann bricht eine Kaskade von Explosionen herein.

Der Krieg des Landes ist in Misurata zum Häuserkampf geworden. Plätze werden erobert, wo früher Gemüse verkauft wurde, und Straßenzüge sind von Explosionen geschwärzt, in denen noch vor ein paar Wochen Kinder spielten. Auf den verlassenen Straßen liegen neben nutzlosen Straßenschildern verbrannte Reifen, deren Rauch den Scharfschützen die Sicht verdunkeln soll.

Gaddafis Truppen werden durch Blockaden am Vordringen in die Innenstadt gehindert. Stattdessen überziehen sie den Hafen und die angrenzenden Wohnviertel mit russischen Grad-Raketen. Das Stadtzentrum wird mit Streubomben attackiert. Die Explosionen sind Dutzende Male in der ganzen Stadt zu hören, am Tag und in der Nacht. Am nächsten Morgen zeigen Anwohner auf die Löcher in den Wänden und Autos. Sie sammeln die Trägerprojektile oder Leitsysteme als Beweise, manchmal auch Granaten, die noch nicht explodiert sind, die jederzeit hochgehen können. Niemand weiß hier genau, wie man die schwarz-gelben Dosen entsorgen soll, die überall liegen, auf dem Gelände des öffentlichen Museums, auf Kinderspielplätzen, vor dem Gericht.

In die Krankenhäuser werden Männer mit abgerissenen Gliedmaßen eingeliefert. Einer von ihnen hat einen Fuß verloren, ein halbes Bein, seine linke Hand. Die Gliedmaßen liegen säuberlich auf Watte neben ihm, er selbst ist bewusstlos. Ein paar Stunden später ist er tot. "Die Bombe hat ihn erwischt, als er gerade vor die Tür gegangen ist", berichtet ein Nachbar, der ihn betend ins Krankenhaus fuhr.

Sieben Wochen dauern die Kämpfe in Misurata jetzt schon. Nach Angaben der Ärzte im zentralen Al-Hikma-Krankenhaus sind inzwischen etwa 1000 Menschen getötet worden. 3000 Verletzte habe es gegeben. Bei 80 Prozent der Getöteten handele es sich um Zivilisten, sagt Chalid Abu Falgha, der Verwalter des Krankenhauses. Die Stadt ist im Belagerungszustand, das öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen, Schulen und Büros sind geschlossen. Viele Familien haben sich in ihren Häusern verbarrikadiert, während auf den Straßen die Kämpfe toben.

Seit vergangener Woche müssen Ärzte immer wieder Gliedmaßen amputieren. Es sind Verletzungen von Streubomben. Deren Behälter öffnen sich in der Luft und setzen viele kleine Bomben, sogenannte Bomblets, über große Flächen frei. Die Gebiete bleiben wegen der großen Zahl von Blindgängern auch nach dem Ende eines Konflikts verseucht. Streumunition ist international geächtet.

Nicht alle der Splitter- und Explosionswunden kommen von Streubomben, einige auch von 81-Millimeter-Mörsergranaten. Es sind Waffen für ein Schlachtfeld, nicht für eine Stadt. Entwickelt wurden sie für den Einsatz gegen Infanterieeinheiten, nicht gegen Zivilisten. Gegen sie lässt sich nicht kämpfen, man kann nur vor ihnen flüchten. Aber das wollen die meisten Menschen in Misurata nicht. Es sei ihre Heimat, sagen viele, die man in der Stadt fragt, hier hätten sie ihre Familie. Woanders seien sie doch nur Flüchtlinge.

Am schlimmsten trifft es Gastarbeiter aus anderen afrikanischen Ländern. Rund 3500 von ihnen sitzen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in der Stadt fest. In ihren Lagern in der Nähe des Hafens fehlt es an Essen, Wasser und Medikamenten. Verzweifelt warten sie auf eine Möglichkeit, per Schiff nach Bengasi zu gelangen.

Währenddessen schießen die Rebellen mit 106-Millimeter-Geschützen und Sturmgewehren. Dann blockieren sie die freigeschossene Straße mit sandgefüllten Lastwagen oder Containern. Zum Schluss kommen die eigenen Scharfschützen. Sie kämpfen gegen die Scharfschützen Gaddafis, die sich in den Hochhäusern der Stadt verschanzt haben. Wenn sie eine Straße für sicher erklären, können vertriebene Familien wieder einziehen.

Bloß keinen Staub aufwirbeln

Wer die Schützen beobachten will, muss in das zerschossene Herz der Stadt. Der Weg führt an provisorischen Checkpoints aus Sandhügeln vorbei, in denen Seven-up-Flaschen stecken, die zu Molotow-Cocktails umfunktioniert wurden. Irgendwann geht es zu Fuß weiter, durch Hausflure und Küchen, die jetzt Waffenlager sind, durch Parks, in denen die Zierbäume als Deckung verwendet werden, hinein in Hinterhöfe, in denen Kämpfer bei einer Tasse Tee ruhen oder ihr Gebet verrichten. Besucher werden gebeten, keinen Staub aufzuwirbeln. Das würde den Scharfschützen Gaddafis verraten, wo man sich befindet.

Die meisten lauern in der Nähe der Tripolis-Straße, der ehemaligen Haupt- und Einkaufsstraße. An deren Ende steht das gefürchtete Taamin-Gebäude, das höchste Gebäude der Innenstadt, ein achtstöckiges, weißes Hochhaus, in dem früher Versicherungen verkauft wurden. Jetzt werden die Rebellen vom Dach, hinter einem der vielen Balkone, oder aus Einschusslöchern mit Zielfernrohren beobachtet. Auf dem Eingang weht eine grüne Flagge, die Flagge Gaddafis. Das Haus markiert einen Teil der Front, die wie eine Wunde mitten in der Stadt klafft.

Ein paar hundert Meter weiter nördlich auf einem ehemaligen Polizeigebäude weht die Flagge des freien Libyens. Im Treppenhaus liegen Schutt von einem Einschlag an der Wand und ein altes Kinderfahrrad von Olympia. Im ersten Stockwerk sind die alten Gefängniszellen aufgebrochen. Sitzen kann man nicht in ihnen, nur stehen. Fenster gibt es keine, noch nicht einmal Luken in den Türen. Der Tresor im Direktorenbüro ist geplündert, Schlüssel und Uhr hat der Besitzer in der Eile auf dem Schreibtisch liegen lassen. Auf dem Boden liegen Telefone, falsche Pässe, in einer Ecke Dutzende von Gürteln, keiner weiß, wofür.

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Seite 1
greeper, 19.04.2011
1. Gewehr
Zitat von sysopMisurata ist ein Schlachtfeld. Gaddafis Getreue*überziehen ganze Stadtviertel mit Streubomben und russischen Raketen. Die Rebellen schicken*Lehrer, Taucher und Mechaniker in den Häuserkampf: Als Amateur-Heckenschützen*feuern sie aus Verstecken auf die Angreifer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757796,00.html
Wenn ich mir Bild1 anschaue frage ich mich: Was macht Rainer Langhans da mit dem Gewehr?
yamxs 19.04.2011
2. .
Zitat von sysopMisurata ist ein Schlachtfeld. Gaddafis Getreue*überziehen ganze Stadtviertel mit Streubomben und russischen Raketen. Die Rebellen schicken*Lehrer, Taucher und Mechaniker in den Häuserkampf: Als Amateur-Heckenschützen*feuern sie aus Verstecken auf die Angreifer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757796,00.html
Die Rebellen wissen aber hoffentlich, was mit gefangenen Scharfschützen passiert? Ich nenn so was verheizen.
cour-age 19.04.2011
3. jetzt kommt gleich wieder die Clique,
die da sagt, alles nur gelogen, sowas macht der Gaddafi doch nicht. Und wenn er es tatsächlich macht, dann weiss er nichts davon, bzw er ist dazu gezwungen usw usw usf und das ganze ideologische gebrüll geht wieder los, die ganzen Verschwörungstheorien, die wiederum nichts anderes tun, als die arabischen Völker hier verbal zu entmündigen...
chris193 19.04.2011
4. Gewehr - Made in Germany -
Zitat von greeperWenn ich mir Bild1 anschaue frage ich mich: Was macht Rainer Langhans da mit dem Gewehr?
...wenn ich mir das Bild so anschaue, dann frage ich mich was macht Reiner Langhans mit einem deutschen G3-Scharfschützengewehr?! (ein altes Gewehr,das aber eine enorme Durschlagskraft besitz und selbst einen leichten Schützenpanzer knacken könnte)
moliebste 19.04.2011
5. Stahlgewitter
Ein Artikel in guter Tradition von Ernst Jünger, dem "eiskalten Genießer der Barbarei" (Thomas Mann)
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