Haftentlassung: Iraker feiern Partys für den Schuhwerfer von Bagdad

Frauen, Sportwagen, Gold: An nichts soll es Muntasar al-Saidi mangeln, der jetzt aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er hatte seine Schuhe auf George W. Bush geschleudert - jetzt feiern die Anhänger ihren Volkshelden. Der irakische Journalist behauptet, er sei im Gefängnis gefoltert worden.

Bagdad - Party für einen Volkshelden: Der Schuhwerfer von Bagdad ist am Dienstag aus dem Gefängnis entlassen worden. Muntasar al-Saidi hatte seine Fußbekleidung auf George W. Bush geworfen und musste dafür eine Haftstrafe verbüßen. In Begleitung mehrerer Parlamentsabgeordneter habe Saidi am Dienstag den Militärstützpunkt verlassen, auf dem sich das Gefängnis befindet, sagte sein Bruder Udai.

"Ich bin ein Nationalist und konnte nicht ertragen, was meinem Land angetan wurde", sagte Saidi nach seiner Freilassung. Die Attacke auf Bush ereignete sich am 14. Dezember, als der scheidende US-Präsident bei seinem Abschiedsbesuch in Bagdad gemeinsam mit dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki eine Pressekonferenz gab. Saidi warf seine Schuhe in Richtung des damaligen US-Präsidenten und rief dabei: "Dies ist dein Abschiedskuss, du Hund!"

Bush konnte ausweichen, getroffen wurde niemand - doch Saidi wurde über Nacht zum Volkshelden in der arabischen Welt, die den Irak-Krieg und die anschließende amerikanische Besatzungspolitik stets verurteilt hat. Seine Unterstützer hatten schon am frühen Morgen ein Festzelt aufgebaut, um den Schuhwerfer zu feiern. In ihren Augen ist er ein Held. Sie schlachteten zu seinen Ehren mehrere Schafe und ließen irakische Volksmusik spielen.

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Bagdad: Freiheit für den Schuhwerfer
Ursprünglich war der 30-jährige Fernsehjournalist zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Ein irakisches Berufungsgericht verkürzte die Strafe später auf ein Jahr. Wegen guter Führung wurde er nun nach neun Monaten entlassen. Eigentlich hatte Saidi bereits am Montag freikommen sollen. "Die Entscheidung zeigt die Integrität und die Gerechtigkeit der irakischen Justizbehörden", sagte Saidis Anwalt Dhiya al-Saadi. Sie sei ohne jegliche Einflussnahme von außen getroffen worden.

Nach Angaben seines Bruders Udai wurde der Schiit Saidi 2007 in Bagdad entführt und drei Tage lang festgehalten. Anfang 2008 sei er einen Tag lang von den US-Streitkräften festgesetzt worden. Vor Gericht hatte er ausgesagt, in der Haft mehrfach geschlagen worden zu sein.

Nach seiner Freilassung behauptete der Schuhwerfer, im Gefängnis gefoltert worden zu sein. "Während Ministerpräsident Nuri el-Maliki auf allen Kanälen behauptet hat, er könne nicht schlafen, solange er nicht wegen meines Schicksals beruhigt worden sei, wurde ich auf das Schlimmste gefoltert", sagte Saidi bei einer Pressekonferenz. Er sei während der neunmonatigen Haft mit Stromkabeln und Eisenstangen geschlagen worden, berichtete der 30-Jährige. Seine Bewacher hätten ihn auch ins Wasser getaucht und das Ertrinken simuliert. Zudem sei er an Orten festgekettet gewesen, an denen er der Kälte ausgesetzt gewesen sei, sagte Saidi. Der irakische Regierungschef Maliki müsse sich bei ihm entschuldigen, weil dieser die Wahrheit über seine Haftbedingungen vertuscht habe.

Vor seiner Rückkehr nach Hause wolle sein Bruder noch bei seinem Arbeitgeber, dem Fernsehsender Bagdadia, vorbeischauen, sagte Udai al-Saidi. Der Privatsender mit Sitz im ägyptischen Kairo hatte dem 30-Jährigen sein Gehalt auch während der Haft weitergezahlt. Als Belohnung für die Berühmtheit, die er auch dem Sender einbrachte, sollte er von diesem ein Haus erhalten. Laut seinem Bruder will Muntasar aber künftig nicht mehr dort arbeiten. Mit dem Geld seiner Bewunderer wolle er ein Zentrum für Witwen und Waisen gründen.

Familie und Freunde bereiteten in seiner Wohnung in der irakischen Hauptstadt ein Willkommensfest vor. Zur Feier des Tages wollen auch sie ein Schaf schlachten. Der Emir von Katar wollte ihm laut Saidis Bruder Durgham ein Pferd aus Gold schenken, der libyschen Revolutionsführer Muammar Gaddafi soll ihm einen Orden verleihen, und mehrere Sportwagen seien ihm versprochen worden.

Zudem erhielt er Heiratsangebote von zahlreichen Frauen. In den kommenden Tagen wird er nach Angaben seiner Familie ins Ausland reisen, um sich für die große Unterstützung zu bedanken.

ore/AP/AFP/dpa

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