Haiti: Kandidaten fordern Annullierung der Chaoswahl

Aus Port-au-Prince berichtet

Begleitet von zum Teil gewaltsamen Protesten waren die Bürger des Cholera-geplagten Inselstaates Haiti am Wochenende zum Urnengang aufgerufen. Einige der Präsidentschaftskandidaten beklagen jetzt Betrug und massive Einschüchterungsversuche. Sie wollen die Abstimmung stoppen.

Fälschungsvorwürfe: Chaoswahl in Haiti Fotos
REUTERS

Zerstörte Urnen, gestürmte Wahllokale, eingeschüchterte Wähler und vertauschte Listen - bei der Präsidentenwahl in Haiti ist am Sonntag vieles von dem schief gelaufen, was schief laufen konnte. Angesichts massiver Unregelmäßigkeiten haben zwölf der 18 haitianischen Präsidentschaftskandidaten bereits am Mittag (Ortszeit) die Annullierung der Wahl gefordert.

Auf einer Pressekonferenz warfen unter anderen Mirlande Manigat, Michel Martelly und Charles Baker der Regierungspartei Inité (Einheit) von Präsident René Préval vor, "im ganzen Land massiven Wahlbetrug" verübt zu haben, um den vom Volk wenig geliebten Kandidaten Jude Célestin durchzubringen. Sie sagten, dass es allein bis 11 Uhr massive Einschüchterungen von Wählern gegeben habe. Zudem sei den Wahlvorständen der Oppositionsparteien der Zugang zu den Wahllokalen verweigert worden. Weiterhin seien Wahlzettel zerrissen worden. Andernorts hätten die Leute versucht, mehrfach zu wählen. Auch seien verschiedentlich Wahllokale gestürmt worden.

Die Kandidaten wandten sich an die Uno-Stabilisierungsmission Minustah und forderten sie auf, gegen die Fälschungen vorzugehen. Eine Vertreterin der Mission sagte zu den Vorwürfen, es passiere "viel Scheiß", und bestätigte Einschüchterungen von Wählern. Von offizieller Seite ist von Problemen die Rede, an deren Lösung gearbeitet werde. Die Wahlbehörde sprach dennoch von einem "generell guten" Verlauf.

Mirlande Manigat, die zu den aussichtsreichsten Bewerbern zählende frühere First Lady, kritisierte bereits am frühen Morgen massiven Betrug. Die Wahllokale hätten zum Teil Stunden zu spät geöffnet und in manchen hätten Leute von der Regierungspartei übernachtet, um so ihren Einfluss auf die Abstimmung zu sichern.

Hintergrund könnte sein, dass die Regierung von René Préval ihren Kandidaten Jude Célestin mit Macht bereits in der ersten Runde durchbringen will. Allerdings lehnt die Bevölkerung den 48-Jährigen mehrheitlich ab, weil sie ihn als den verlängerten Arm des ungeliebten Kandidaten Préval sieht.

Wegen gewaltsamer Zwischenfälle musste die Wahl bereits in zwei Städten im Norden des Landes annulliert werden. In Acul du Nord und Trou du Nord schossen Menschen in die Luft und randalierten in Wahllokalen, wie die Bürgermeister der Städte der Nachrichtenagentur AFP mitteilten.

In mehreren Städten, darunter in Leogane westlich der Hauptstadt, kam es zu Protesten. Die Menschen zündeten Autoreifen an, aus Wut darüber, dass ihre Namen nicht in den Wählerlisten gestanden hätten. Die zwölf Präsidentschaftsbewerber forderten bei ihrer Pressekonferenz ihre Anhänger zu friedlichen Demonstrationen auf.

Später führte der Kandidat Michel Martelly, ein populärer Musiker, einen großen Protest in der Hauptstadt Port-au-Prince an. Tausende Menschen waren dabei, als der Sänger einen Protestmarsch durch das Viertel leitete, in dem sich der Sitz des Provisorischen Wahlrates befindet. Prominente Unterstützung bekam er von dem aus Haiti stammenden Hip-Hop-Star Wyclef Jean, der sich vergeblich um eine Kandidatur bei der Wahl bemüht hatte.

"Die schlechteste Wahl, die ich je gesehen habe"

Der Wahltag hatte entspannt begonnen. Die Nacht zuvor, die in Haiti gewöhnlich von Schüssen und großer politischer Spannung gezeichnet ist, blieb ruhig. Allerdings öffneten vor allem in den Flüchtlingscamps die Wahllokale mit bis zu sechsstündiger Verspätung. Andernorts fehlten die Wahlunterlagen oder es lagen Listen aus anderen Wahlbüros vor.

"Das ist die schlechteste Wahl, die ich je gesehen habe", urteilte ein internationaler Beobachter, der nach eigenen Angaben schon in Nicaragua, Guatemala und El Salvador Wahlen begleitet hat.

Die Wahl des Präsidenten und des Parlaments hatte am frühen Morgen unter dem Schutz der Vereinten Nationen begonnen. Mehr als 4,6 Millionen Bewohner des Karibikstaates waren zu dem historischen Urnengang aufgerufen. Uno-Missionschef Edmond Mulet bezeichnete die Wahl als Meilenstein auf dem Weg Haitis zur Demokratie. Die neue Führung soll das am Boden liegende Land nach Erdbeben, Hurrikanen und nach dem Versagen der politischen Elite mit dem Geld der internationalen Staatengemeinschaft wieder aufbauen.

Überschattet wurde die Abstimmung von der schweren Cholera-Epidemie, durch die seit Oktober über 1600 Menschen gestorben sind. Zudem war der Wahlkampf durch Gewalt zwischen Anhängern verschiedener Parteien geprägt. Zu einem schweren Zwischenfall war es zuletzt am Samstag bei der Abschlusskundgebung des Kandidaten Michel Martelly gekommen. In der Stadt Les Cayes beendete ein Kugelhagel die Veranstaltung des Musikers, Berichten aus seinem Wahlkampfteam zufolge kam dabei ein Mensch ums Leben, mehrere wurden verletzt. Sprecher Martellys machen Celestin, Préval und deren Einheits-Partei für den Vorfall verantwortlich.

Mit Material von dpa, AFP, Reuters

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. <->
silenced 29.11.2010
Ich find das toll, ein zerstörtes Land, kein Geld für nichts, aber genug Mittel um eine Wahl abhalten zu können, Demokratie und Reinkultur ... oder doch eher spätrömische Dekadenz?
2. Gescheitert...
zodiacmindwarp 29.11.2010
Zitat von sysopBegleitet von zum Teil gewaltsamen Protesten waren die Bürger des Cholera-geplagten Inselstaates Haiti am Wochenende zum Urnengang aufgerufen. Einige der Präsidentschaftskandidaten beklagen jetzt Betrug und massive Einschüchterungsversuche. Sie wollen die Abstimmung stoppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,731646,00.html
ist die einzige Bezeichnung die auf diesen Staat und die Bevölkerung dieses Landes zutrifft. Zwischen 1976 und 1985 hatte ich die Gelegenheit mehrmals Port-au-Prince zu besuchen, aber auch Gott sei Dank wieder zu verlassen. Eine himmelschreiende Korruption, eine erschreckende Analphabetenrate, katastrophale hygienische Zustände und ständige bürgerkriegsähnliche Zustände garniert mit Skrupellosen Diktatoren deren Hauptinteresse die persönliche Bereicherung waren. Und die Bevölkerung..? Gesegnet mit einer gesunden " Komme ich heute nicht, komme ich morgen auch nicht" Einstellung leistet auch einen feinen Beitrag zum Wohle des Staatswesens.Vordergründig katholisch religiös wird aber in Wahrheit dem Voodookult gefrönt um die Erlösung aus dem täglichen Elend zu erlangen. Alle Versuche der UN diesem Staat durch Interventionen auf die Beine zu helfen werden sinnlos bleiben weil diesem Staat und mithin auch der Bevölkerung einfach nicht zu helfen ist. Zusätzlich geplagt durch die Naturkatastrophe und die Choleraepedemie rückt dieses Land wieder kurzfristig in den Mittelpunkt. Wenn die Hilfe aufgebraucht und das Interesse der Welt abgekühlt ist wird es wieder in der Lethargie der Vergangenheit verfallen. Und Haiti wird wieder das sein was es seit der Kolonialzeit war, das Bordell der Karibik nämlich. Und wen interessiert es..? Niemand, nicht mal die Bevölkerung Haitis. Wie war noch das letzte Angebot eines Zuhälters der auf Zuckersäcken im Hafen von Port-au-Prince seine minderjährige Schwester versuchte an deutsche Seeleute zu verkuppeln: "German Sailors, last chance for fu..ing,five Dollars only" Nein, es hat sich nichts geändert und wird sich nie was ändern. Leider...! mkg Zodiacmindwarp
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Haiti
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
Fotostrecke
Präsidentschaftswahlen in Haiti: Zwischen Gewalt und Hoffnung

Fotostrecke
Slum in Port-au-Prince: Am Ende der Welt