Aus Port-au-Prince berichtet Klaus Ehringfeld
Zerstörte Urnen, gestürmte Wahllokale, eingeschüchterte Wähler und vertauschte Listen - bei der Präsidentenwahl in Haiti ist am Sonntag vieles von dem schief gelaufen, was schief laufen konnte. Angesichts massiver Unregelmäßigkeiten haben zwölf der 18 haitianischen Präsidentschaftskandidaten bereits am Mittag (Ortszeit) die Annullierung der Wahl gefordert.
Auf einer Pressekonferenz warfen unter anderen Mirlande Manigat, Michel Martelly und Charles Baker der Regierungspartei Inité (Einheit) von Präsident René Préval vor, "im ganzen Land massiven Wahlbetrug" verübt zu haben, um den vom Volk wenig geliebten Kandidaten Jude Célestin durchzubringen. Sie sagten, dass es allein bis 11 Uhr massive Einschüchterungen von Wählern gegeben habe. Zudem sei den Wahlvorständen der Oppositionsparteien der Zugang zu den Wahllokalen verweigert worden. Weiterhin seien Wahlzettel zerrissen worden. Andernorts hätten die Leute versucht, mehrfach zu wählen. Auch seien verschiedentlich Wahllokale gestürmt worden.
Die Kandidaten wandten sich an die Uno-Stabilisierungsmission Minustah und forderten sie auf, gegen die Fälschungen vorzugehen. Eine Vertreterin der Mission sagte zu den Vorwürfen, es passiere "viel Scheiß", und bestätigte Einschüchterungen von Wählern. Von offizieller Seite ist von Problemen die Rede, an deren Lösung gearbeitet werde. Die Wahlbehörde sprach dennoch von einem "generell guten" Verlauf.
Mirlande Manigat, die zu den aussichtsreichsten Bewerbern zählende frühere First Lady, kritisierte bereits am frühen Morgen massiven Betrug. Die Wahllokale hätten zum Teil Stunden zu spät geöffnet und in manchen hätten Leute von der Regierungspartei übernachtet, um so ihren Einfluss auf die Abstimmung zu sichern.
Hintergrund könnte sein, dass die Regierung von René Préval ihren Kandidaten Jude Célestin mit Macht bereits in der ersten Runde durchbringen will. Allerdings lehnt die Bevölkerung den 48-Jährigen mehrheitlich ab, weil sie ihn als den verlängerten Arm des ungeliebten Kandidaten Préval sieht.
Wegen gewaltsamer Zwischenfälle musste die Wahl bereits in zwei Städten im Norden des Landes annulliert werden. In Acul du Nord und Trou du Nord schossen Menschen in die Luft und randalierten in Wahllokalen, wie die Bürgermeister der Städte der Nachrichtenagentur AFP mitteilten.
In mehreren Städten, darunter in Leogane westlich der Hauptstadt, kam es zu Protesten. Die Menschen zündeten Autoreifen an, aus Wut darüber, dass ihre Namen nicht in den Wählerlisten gestanden hätten. Die zwölf Präsidentschaftsbewerber forderten bei ihrer Pressekonferenz ihre Anhänger zu friedlichen Demonstrationen auf.
Später führte der Kandidat Michel Martelly, ein populärer Musiker, einen großen Protest in der Hauptstadt Port-au-Prince an. Tausende Menschen waren dabei, als der Sänger einen Protestmarsch durch das Viertel leitete, in dem sich der Sitz des Provisorischen Wahlrates befindet. Prominente Unterstützung bekam er von dem aus Haiti stammenden Hip-Hop-Star Wyclef Jean, der sich vergeblich um eine Kandidatur bei der Wahl bemüht hatte.
"Die schlechteste Wahl, die ich je gesehen habe"
Der Wahltag hatte entspannt begonnen. Die Nacht zuvor, die in Haiti gewöhnlich von Schüssen und großer politischer Spannung gezeichnet ist, blieb ruhig. Allerdings öffneten vor allem in den Flüchtlingscamps die Wahllokale mit bis zu sechsstündiger Verspätung. Andernorts fehlten die Wahlunterlagen oder es lagen Listen aus anderen Wahlbüros vor.
"Das ist die schlechteste Wahl, die ich je gesehen habe", urteilte ein internationaler Beobachter, der nach eigenen Angaben schon in Nicaragua, Guatemala und El Salvador Wahlen begleitet hat.
Die Wahl des Präsidenten und des Parlaments hatte am frühen Morgen unter dem Schutz der Vereinten Nationen begonnen. Mehr als 4,6 Millionen Bewohner des Karibikstaates waren zu dem historischen Urnengang aufgerufen. Uno-Missionschef Edmond Mulet bezeichnete die Wahl als Meilenstein auf dem Weg Haitis zur Demokratie. Die neue Führung soll das am Boden liegende Land nach Erdbeben, Hurrikanen und nach dem Versagen der politischen Elite mit dem Geld der internationalen Staatengemeinschaft wieder aufbauen.
Überschattet wurde die Abstimmung von der schweren Cholera-Epidemie, durch die seit Oktober über 1600 Menschen gestorben sind. Zudem war der Wahlkampf durch Gewalt zwischen Anhängern verschiedener Parteien geprägt. Zu einem schweren Zwischenfall war es zuletzt am Samstag bei der Abschlusskundgebung des Kandidaten Michel Martelly gekommen. In der Stadt Les Cayes beendete ein Kugelhagel die Veranstaltung des Musikers, Berichten aus seinem Wahlkampfteam zufolge kam dabei ein Mensch ums Leben, mehrere wurden verletzt. Sprecher Martellys machen Celestin, Préval und deren Einheits-Partei für den Vorfall verantwortlich.
Mit Material von dpa, AFP, Reuters
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Haiti | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH