Von Björn Hengst
Hamburg - Es waren nur ein paar Sekunden, die Myriam Louima am 12. Januar vergangenen Jahres reglos vor ihrem Haus in Grand Goâve ausharrte, aber dieser Augenblick kommt der 33-Jährigen auch heute noch wie eine Ewigkeit vor.
Als der Boden in dem haitianischen Küstenort plötzlich heftig bebte, Tische und Stühle rumpelten, Gläser barsten, war sie zunächst rausgelaufen, ein paar Meter nur, aber dann stoppte sie. Wie ferngesteuert, so als wäre sämtliche Energie aus ihrem Körper geflossen. Das Erdinnere spielte verrückt, und Myriam Louima stand einfach da, starr vor Schreck. "Wie angewurzelt", sagt sie.
Dann hörte sie die Schreie ihrer drei Kinder, die draußen gespielt hatten. "Erst da wurde mir klar, was los war." Sie rannte zu ihnen, der Sohn und die beiden Töchter waren unverletzt, auch ihrem Mann ging es gut. Aber von ihrem Haus blieben nur Trümmer übrig.
Sie haben inzwischen eine neue Bleibe, die Welthungerhilfe hat sie aufgebaut: zwei Zimmer, 23 Quadratmeter, Wände aus gepresstem Holz, das Dach aus Wellblech, sogar eine kleine Veranda gibt es. Dazu zwei Türen, eine nach vorn, die andere nach hinten - damit man im Notfall schnell ins Freie kommen kann: Nach dem Erdbeben vom 12. Januar haben viele Haitianer Angst vor weiteren Beben. "Im Radio warnen sie immer wieder, dass ein noch schlimmeres kommen kann", sagt Myriam Louima.
Familie Louima hatte Glück, für viele Landsleute dagegen ist der Alltag weiter katastrophal. Schätzungen zufolge hausen derzeit noch immer rund 500.000 Haitianer in erbärmlichen Notunterkünften - etwa in einem der engen, schmutzigen Zeltcamps in der Hauptstadt Port-au-Prince, die besonders stark vom Beben betroffen war.
Das Leben in den Obdachlosenlagern ist besonders für Frauen riskant. Menschenrechtsorganisationen zufolge stieg nach dem Beben die Zahl sexueller Übergriffe stark an. In den Notunterkünften wurden demnach bereits mehrere tausend Frauen vergewaltigt. Sicherheit gibt es in den überfüllten und schlecht beleuchteten Camps trotz organisierter Nachtwachen nicht.
"Unsere Hoffnung wurde in Schutt und Asche gelegt"
Der 12. Januar 2010 war für Haiti eine Katastrophe, das ärmste Land der westlichen Hemisphäre stürzte noch weiter ins Elend. Eine Kommission für den Wiederaufbau Haitis listete im Januar in ihrem Bericht "Haiti one year later" Zahlen auf, hinter denen sich der Schrecken verbirgt: 220.000 Tote, 190.000 zerstörte Häuser, 3978 kaputte oder schwer beschädigte Schulen, 30 zerstörte Krankenhäuser, 19 Millionen Kubikmeter Schutt. Dennoch sprachen die Autoren von "Zeichen der Hoffnung und des Fortschritts".
Nicht alle teilen diesen Optimismus. "Uns bleibt nur die Erkenntnis, dass am 12. Januar 2010 nicht nur die baulichen Symbole von Staat und Kirche sowie unsere eigenen Wohnstätten in Schutt und Asche gelegt wurden, sondern auch unsere Hoffnung", schrie etwa die haitianische Schriftstellerin Emmelie Prophète in einem Gastbeitrag für die "Neue Zürcher Zeitung".
Kein anderes Wort führten Hilfsorganisationen und Politiker nach dem Erdbeben häufiger im Mund als dieses: Wiederaufbau. Aber auch heute, rund eineinhalb Jahre nach der Katastrophe, hat er noch immer nicht richtig begonnen. Mal erschwerten Wirbelstürme die Arbeit der Hilfsorganisationen, dann kam die Cholera. Die Krankheit wütet seit vergangenem Oktober in Haiti, bis Ende Mai starben Ärzte ohne Grenzen zufolge fast 5000 von 300.000 Cholerapatienten. Der Bedarf an medizinischer Hilfe sei "nach wie vor groß". Zuletzt stieg die Zahl der Erkrankungen wegen starker Niederschläge über der Karibikinsel Hispaniola, auf der Haiti liegt, wieder deutlich an.
Ratloser Staatspräsident
Das größte Hindernis für den Wiederaufbau ist ein politisches Problem: Der für die Geldverteilung zuständigen Kommission unter dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton fehlt ein verlässlicher Partner. Haiti hat keine funktionsfähige Regierung. Michel Martelly, der neu gewählte Präsident, scheiterte zuletzt damit, im Parlament seinen Wunschkandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten durchzusetzen. Die bisherige Regierungspartei Inité von Martellys Vorgänger René Préval dominiert das Abgeordnetenhaus und ließ den Kandidaten durchfallen. Die laufenden Regierungsgeschäfte führt vorerst der bisherige Premierminister Jean-Max Bellerive weiter.
Eine pragmatische Zusammenarbeit hatten die gegnerischen Lager angesichts der Herausforderungen für das Land in Aussicht gestellt, aber in Wirklichkeit lähmt ein politischer Machtkampf das Land. "Es passiert nichts, das Land steht auf Stand-by", sagte ein namentlich nicht genannter europäischer Botschafter der französischen Zeitung "Le Monde".
Dirk Guenther, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Haiti und die Dominikanische Republik mit Sitz in Port-au-Prince, erlebt diesen gefühlten Stillstand beinahe täglich. Der Wiederaufbau beginne "nur sehr, sehr schleppend", öffentliches Geld fließe kaum, die Welthungerhilfe sei derzeit deshalb bei ihrer Arbeit in Haiti vor allem auf Spenden angewiesen. "Wir könnten sonst viel mehr machen", sagt Guenther.
Aber öffentliches Geld wird erst dann für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt, wenn Haiti eine funktionsfähige und verlässliche Regierung vorweisen kann. Die Korruption in dem Land war in der Vergangenheit bereits legendär. Auch heute sieht es nicht besser aus: Staatspräsident Martelly beklagte während eines Besuchs Anfang Juli in Spanien, dass es unter seinem Vorgänger Préval keine Kontrolle über die Ausgaben der internationalen Hilfsgelder gegeben habe: "Ich habe heute als Haitis Staatspräsident ein Problem: Ich kann kein einziges Projekt identifizieren. Ich weiß nicht, was man mit den vier Milliarden Dollar gemacht hat. Vielleicht habe einige Leute das Geld einfach benutzt, um gepanzerte Autos oder andere Dinge, die nicht wirklich notwendig waren, zu importieren."
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